Panorama

Eine für alleLongevity oder: Der Erhalt des Ist-Zustandes um jeden Preis

14.06.2026, 06:40 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecEine Kolumne von Sabine Oelmann
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Und meine tägliche Pille gib mir heute ...

Wenn die Kolumnistin ihren Instagram-Account öffnet, denkt sie nur noch: "Heul' leiser, Chantal!". Denn es schreit ihr entgegen: "Trink' das jeden Morgen und die Pfunde purzeln!"; "Heute schon die Knochendichte messen lassen?"; "In sechs Wochen zur Strandfigur, ohne Sport!"; "Ab 50 braucht der Körper mehr!", aber wovon? Von allem! Außer Fett, Zucker, Alkohol und Zigaretten. Mist.

In letzter Zeit sieht das so aus: Sobald zwei bis mehr Frauen aufeinandertreffen, wird erstmal abgecheckt, wer was wie oft und wann nimmt oder Neues entdeckt hat. Zum Abnehmen, für dichtere Knochen, für besseren Stoffwechsel, für die Darmflora, für die Augen, die Haut, die Haare. Für besseren Schlaf und härtere, aber dennoch entspanntere Muskeln. Gegen den Verfall. Wir sprechen über den Erhalt des Ist-Zustandes.

Es sind Produkte dabei, von denen ich vorher noch nie gehört habe. Astaxanthin zum Beispiel. Sie wissen es sicher bereits, das ist die Königin der Carotinoide und eines der stärksten Antioxidantien, das in der Natur Chiles, Hawaiis oder Tirols vorkommt. Wissenschaftler untersuchen vor allem die Fähigkeit, Zellen vor oxidativem Stress, also freien Radikalen, zu schützen. Meine Freundinnen und ich reden darüber teilweise so, als hätten wir das studiert. Was in den wenigsten Fällen zutrifft. Dennoch ist klar, dass die eine mindestens einen B6, wenn nicht  B12-Mangel hat, warum wäre sie sonst so erschöpft und weniger vital als früher? Eine andere kann ohne das Sonnenhormon Vitamin D3 kaum noch leben, vor allem wenn sich der Sommer so Zeit lässt wie dieses Jahr.  "Aber das ergibt nur in Kombination mit Vitamin K2 wirklich Sinn", weiß eine weitere Freundin. Ich nicke. Logo. Wer würde denn Vitamin D(3) ohne K(2) nehmen, ich bitte Sie!

Ich persönlich werde leicht hysterisch, wenn ich kein sofort wirkendes, hochdosiertes Magnesium im Haus habe. Nach dem Sport und den damit einhergehenden Mineralverlusten neigt der nicht mehr ganz junge Körper zu wirklich unangenehmen Krämpfen in Füßen und Waden. In meinen morgendlichen Kaffee mache ich mir gern eine Prise Zimt. Und Kurkuma. Dem Gewürz werden stark entzündungshemmende Eigenschaften zugewiesen. Es kann bei der Linderung von Gelenkschmerzen helfen, das Immunsystem stärken und die Verdauung fördern, gar Schutz vor chronischen Erkrankungen wie Herzkrankheiten und Krebs bieten. Heißt es.

Also her damit! Je mehr desto besser? Das nun wieder auf keinen Fall! Nur in Maßen eingenommen können NEM (wie wir Auskennis so sagen, also NahrungsErgänzungsMittel) eine positive Wirkung haben, und zwar dann, wenn die richtigen Nährstoffe vom richtigen Menschen zur richtigen Zeit in der richtigen Menge genommen werden. Betonung auf "können", müssen sie aber nicht. Hersteller müssen die empfohlene Tagesdosis angeben und darauf hinweisen, dass sie nicht überschritten werden darf. Sollten die Konsumierenden die Angaben ignorieren, kann das gefährlich werden, denn bei Wirkstoffen wie dem aus Kurkuma gewonnenen Curcumin kann es bei Überdosierung sogar zu Leberschäden kommen.

Natürlich auch auf meinem Speisezettel: Viel pflanzliches Protein. Gern als Shake. Ohne Zucker, viel Eiweiß. Wer aber genug von der Plörre hat, der wechselt vielleicht zu Fibermaxxing. Früher hieß das mal Ballaststoffe und erfreut sich momentan großer Beliebtheit, denn hier geht es nicht ums Weglassen, sondern ums Hinzufügen. Und zwar 30 Gramm pro Tag, sagt meine Krankenkasse. Nur ein paar Gamechanger und zack, bist du mittendrin in deinem neuen healthy Lifestyle: Nudeln aus Erbsenproteinen, Nüsse aufs Müsli, Brot aus Vollkorn, Milch aus Hafer ohne Zucker aber mit Calcium, Schale nicht von der Gurke hobeln, zwischendurch Möhrchen snacken, ein gutes Olivenöl, sonst bringt's nichts. Klingt ein bisschen wie früher bei Oma? Das wäre dann das intuitive Essen, die - möglichst mit Liebe/ Self-Care - selbstgemachte Mahlzeit, und dieses Prinzip sollten wir uns nach der Convenience Food- und Tiefkühlpizza-Ära tatsächlich wieder viel mehr zu eigen machen.

Was noch? Seitdem meine eine Hüfte lahmt, ist mein Interesse an Kollagen tatsächlich sehr gestiegen. Nicht wegen der Falten, nein, wegen der Gelenke. Mein natürlicher Kollagen-Level befindet sich nämlich auf rasanter Talfahrt, wenn er nicht schon ganz am Boden ist. Also her mit dem hydrolysierten Rinderkollagen! Für Veganerinnen allerdings eine echte Herausforderung, denn eine wirklich gute Alternative zum zermalmten Milchvieh gibt es nicht.

Zu viel ist - zu viel

Hatte ich erwähnt, dass man Zink am besten abends einnimmt? So wurde mir jedenfalls vor kurzem geraten, aber jetzt mal ehrlich - passt das zu meinem Melatonin-Schlaftrunk? Und was ist mit All-in-One-Produkten? Und kann ich zu viel Vitamin C zu mir nehmen? Und was macht das mit meinen Nieren und meiner Leber? Apropos Leber – das Wort Fettleber und das Bild davon, wie ich mir selbige vorzustellen habe, hat mich bis in meine Träume verfolgt, ätzend. Es hält mich jedoch davon ab, zu viel Rosé zu konsumieren. Obwohl mir oft danach wäre.  

At the end of the day treffe ich dann beim Insta-Scrollen endlich auf eine Oberärztin, Laura Sophie ist ihr Name, die in Kopenhagen lebt und behauptet, dass man sich das meiste sparen kann. Ihr Account läuft unter copenhagen.diaris: "Oh, die sozialen Medien", schreibt sie, "es gibt hier so viele Gesundheits-Tipps, dass man sich als Laie gut in ihnen verlaufen kann." Zum Beispiel kritisiert sie den Trend zur Vitamininfusion und den Glauben daran, ohne diesen kaum mehr überleben zu können. Dem sei aber nicht so, denn ließe man gesunde Vernunft walten, könnte tatsächlich viel Geld gespart werden. Selbst KrebspatientInnen würden damit abgezockt werden, und das macht sie zu Recht wütend.

Als Erstes räumt sie auf mit der Mär, dass man sehr viele Nahrungsergänzungsmittel für alles und jedes Wehwechen braucht. Oder um diesen vorzubeugen. Viele Menschen würden denken, schreibt sie, ohne NEM überhaupt nicht mehr existieren, geschweige denn gesund altern zu können. "Die Wahrheit ist aber: Gesunde Ernährung ist meist vollständig ausreichend. Manche NEM schaden tatsächlich mehr, als sie nutzen. Sprecht mit eurem Hausarzt/ -ärztin", rät Laura Sophie. Die Oberärztin aus Dänemark, die dort der Liebe wegen hin ausgewandert ist, gibt außerdem zu bedenken: "Unser Körper ist mit Leber und Nieren darauf ausgelegt, ihn von Giftstoffen zu reinigen – da muss nicht extra gedetoxt werden!" Detox sei - zumeist - ein reiner Marketing-Begriff, der den Kauf von Saftkuren, Pülverchen, Tee und Kapseln ankurbeln soll.

Nur die Geldbörse wird leichter

Dringend rät sie auch vom neuesten Hype ab, ständig den Blutzucker zu überprüfen: "'Continuous Glucose Monitors' werden online massiv promoted. Für gesunde Menschen ist das komplett nutzlos, dafür teuer. Und nur in der Hinsicht förderlich, dass man sein eigenes Essverhalten ungesund kontrolliert", mahnt die Ärztin ihre 117.000 Followerinnen und Follower.

Der ganz große Kracher für viele Frauen in der Menopause und auch kurz davor oder danach - wenn der Körper sich verändert, oft nicht zum Guten - sei das Schlagwort: "Hormone im Ungleichgewicht", so copenhagen.diaries. Da würden Symptome dann von Influencern pathologisiert: "Bist du müde? Schilddrüse testen lassen." "Ein zu rundes Gesicht? Sicher zu viel Cortisol." Dabei würde der Körper die Hormone mit seinen fein abgestimmten Systemen und Feedback-Mechanismen ganz von allein, ohne irgendwelche Mittelchen oder Diäten, steuern, schreibt die Ärztin aus Schweden.

Und Probiotika, die Super-Droge für alle, die glauben, das Leben komme nicht aus dem Meer, sondern aus dem Darm? Der Oberärztin, die unsere Geldbörse schonen will, rutscht da nur ein lockeres "Pffh" über die Lippen: "Viele Präparate verursachen Blähungen und andere Magen-Darm-Beschwerden." Das einzige Resultat in Sachen Abnehmen: Die Geldbörse wird leichter.

Auch die Kolumnistin ist nicht frei vom Glauben an die Fortschritte in der Longevity-Forschung, sie war beim großen, privaten Super-Ganzkörper-Check. Zumindest zwei, drei Monate wiegt sie sich dann in dem Gefühl, dass alles in Ordnung ist. Ja, und auch Chia, Ashwaganda, Kurkuma, Goji oder Algen befanden sich schon auf dem Pillenspeiseplan. Dabei bieten doch die heimische Küche, Schlaf und Bewegung ausreichend Substanz für eine lange Gesundheit. Blöd nur, dass die Kolumnistin gar nicht so eine klasse Hobbyköchin, dafür aber eine Nachteule ist. Der Fünf-Uhr-Club war für sie immer der Club, der um diese Zeit morgens nach Hause kam – wenn man jedoch ein redliches Insta-Mädchen sein will, dann steht man da auf. Und macht Yoga. Und zwar nach acht Stunden Schlaf. Geht am besten immer zur selben Uhrzeit ins Bett, nicht ohne noch zwei, drei Sätze ins Achtsamkeitstagebuch gezimmert, Ohrstöpsel rein und Schlafbrille aufgesetzt zu haben. Eingecremte Füße in Kaschmir-Socken und das zahnseidegereinigte Mündchen möglichst geschlossen, zur Not mit einem hautfreundlichen Pflaster - wir wollen ja keine 'Offener-Mund-Atmerin' sein.     

Ist Gesundheit nun also eine teure Lifestyle-Entscheidung, Achtsamkeit, Glück oder gute Gene? Muss ich aussehen wie 60, wenn ich 60 bin? Dürfte ich auch aussehen wie 61, zumindest an manchen Tagen? Oder könnte ich einfach für immer aussehen wie, sagen wir, 57, und mich fühlen, sagen wir, wie 47?

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Ich muss los, mein Eisbad wird warm. Einen wunderbaren, gesunden Sonntag Ihnen. (Foto: imago images/ITAR-TASS)

Quelle: ntv.de

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