Panorama
Mehrere Einsatzwagen der italienischen Polizei auf dem Weg zur Razzia am vergangenen Dienstag.
Mehrere Einsatzwagen der italienischen Polizei auf dem Weg zur Razzia am vergangenen Dienstag.(Foto: dpa)
Donnerstag, 11. Januar 2018

Warnung eines Experten: Mafia ist in Deutschland angekommen

Von Andrea Affaticati

Über die Vernetzung der ’Ndrangheta hierzulande wissen Behörden Bescheid - wollen es aber nicht so richtig wahrhaben. Doch so laufe man Gefahr, dass früher oder später auch Deutsche in die Fänge der Clans geraten, sagt Historiker Ciconte.

Die große Razzia, die vor einigen Tagen zu früher Stunde in Italien und Deutschland gegen die kalabrische Mafia 'Ndrangheta durchgeführt wurde, ist wieder ein Beweis dafür, wie weit verzweigt ihr Netz mittlerweile auch in Deutschland ist. An der Aktion, die zu 169 Festnahmen und Verhaftungen führte, haben auch deutsche Sicherheitskräfte teilgenommen. Elf mutmaßliche Mitglieder und Mitläufer des mächtigen Farao-Marincola Clans wurden festgenommen. Dieser wickelt seine Geschäfte schon seit Längerem zwischen Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen ab.

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Dass der Arm der Calabresi schon längst bis in die Bundesrepublik reicht, musste die Öffentlichkeit spätestens im August 2015, nach den 'Ndrangheta-Morden vor einer Duisburger Pizzeria, zur Kenntnis nehmen. "Wobei es schon Mitte der 90er Jahre, also lange vor dieser blutigen Fehde, in Deutschland einen Fall gab, der für große Aufregung gesorgt hatte. Es waren nämlich auch ein paar bekannte CDU-Politiker aus Baden-Württemberg ins Visier der Ermittler geraten", sagt der Historiker Enzo Ciconte im Gespräch mit n-tv.de. Er leitet an der norditalienischen Universität Pavia den Lehrgang über die Geschichte der Mafia.

Deutschland dient der diskreten Geldwäsche

Ciconte bezieht sich auf die berüchtigte Stuttgarter Pizza-Connection. Hauptfigur war bei dieser Affäre Mario Lavorato, Besitzer der Pizzeria "Da Mario" und Verbündeter des Farao Clans. Lavato hatte sich nicht nur besonders großzügig bei Spenden zugunsten der Landes-CDU erwiesen. "Es hieß, dass ihn der damalige Landesfraktionsvorsitzender Günther Oettinger immer wieder gerne mit der Ausrichtung der Fraktionsfeste beauftragte. Thomas Schäuble, der zu jener Zeit Landesjustizminister war, soll den Parteifreund gemahnt haben, mehr Distanz zum Italiener zu pflegen, was dann auch ihn in die Bredouille brachte", erinnert sich Ciconte anhand eines am 15. März 1994 in der römischen Tageszeitung "il Messaggero" erschienen Beitrags.

Dass die 'Ndrangheta ein besonderes Faible für Deutschland habe, sei nicht weiter verwunderlich, meint der Historiker. Anfang der 80er Jahre war es das Drogengeschäft, das Lavorato nach Deutschland verleitet; später das nicht minder lukrative Geschäft der Geldwäsche. "Wobei man eher kleinere, diskrete Objekte bevorzugte. Man wollte ja keine Aufmerksamkeit auf sich lenken", erklärt Ciconte. "Also kauft und investiert man in Pizzerien, Restaurants und in nicht allzu prätentiöse Immobilien. Und während man bei sich zu Hause auch in der Politik mitmischt, was die letzte Razzia wieder einmal bestätigt hat - unter den Verhafteten waren auch lokale Politiker -, versucht man in Deutschland, seine Geschäfte so unauffällig wie möglich abzuwickeln."

Keine deutschen Mitglieder und Opfer

Eine weitere eiserne Regel der 'Ndrangheta ist, dass man unter sich bleibt, weshalb es bis heute keine deutschen Mitglieder gibt. Und auch die Opfer, die den "Pizzo" zahlen müssen, wie das erpresste Schutzgeld im Mafia-Jargon genannt wird, oder die gezwungen werden, sich nur von Firmen, die dem Clan gehören, zu bedienen, sind Italiener - vorzugsweise auch aus Kalabrien stammend. Das erklärt auch, warum sich fast keines der Opfer traut Anzeige zu erstatten. Zu groß sei die Angst, meint Ciconte, den in der Heimat verbliebenen Familienmitgliedern könne etwas zustoßen.

Von den deutschen Unternehmen hätten sich die Clans bis jetzt ferngehalten. Das könnte sich aber auch ändern, warnt der Historiker. Zwar seien die deutschen Ermittler und Sicherheitskräfte im Vergleich zu früher wachsamer geworden. Nichtsdestotrotz bestehe weiter ein gewisser unterschwelliger Widerstand, zuzugeben, dass die Mafia auch hierzulande Wurzeln geschlagen hat. "Es ist genau so, wie in den späten 80er und 90er Jahren in Norditalien. Dass es den Clans gelungen war, sich auch im reichen Norden anzusiedeln, empfand man schlichtweg als Schande. Und dieselbe Befangenheit gibt es in Deutschland." Nur, diese Scham sei nicht nur fehl am Platz, sondern auch gefährlich. Denn es gebe nur einen Weg, um diese Organisation zu bekämpfen: sich dem Problem schonungslos zu stellen und geschlossen dagegen anzutreten.

Quelle: n-tv.de