Panorama

Pflegekräfte in der Krise "Man wird innerlich kalt"

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Viele Pflegerinnen und Pfleger brennen aus und hören nach nur wenigen Jahren im Beruf auf.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auf diese Menschen kommt es in der Corona-Pandemie besonders an: die rund 1,6 Millionen Pflegekräfte in Deutschlands Kliniken, Altenheimen und ambulanten Pflegediensten. Gleichzeitig seien vielen von ihnen frustriert, warnt Krankenpfleger German Quernheim im Gespräch mit ntv.de. Angesichts der stark steigenden Infektionszahlen wachse die Arbeitsbelastung - und die sei schon vor der Pandemie viel zu hoch gewesen. Ohne Hilfe von der Politik würden immer mehr Pflegekräfte das Handtuch werfen.

ntv.de: Im Frühjahr wurde den Pflegekräften applaudiert. Doch an der drohenden Überforderung der Pflegekräfte in Deutschland hat sich nichts geändert. Tut die Politik nicht genug?

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Dr. German Quernheim schrieb zusammen mit seiner Kollegen Prof. Angelika Zegelin das Mutmachbuch "Berufsstolz in der Pflege".

German Quernheim: Die Politik hat bis jetzt viel zu wenig getan. Jahrelang wurden immer mehr Stellen abgebaut. Statt Pflegende hat man lieber mehr Ärzte eingestellt. Erst seit zwei, drei Jahren hat die Bundesregierung gemerkt, dass das zulasten der Gesundheitsversorgung geht. Darum hat man beispielsweise eine Höchstzahl von Patienten festgelegt, die ein Intensivpfleger betreuen darf. Das sollte die Arbeitsbedingungen verbessern. Doch dieser und ähnliche Beschlüsse wurden jetzt in der Pandemie wieder rückgängig gemacht. Eine feste Grenze lehnen viele Pflegemanager zurzeit ab, da das Personal nicht vorhanden sei. Denn dann müssten sie dafür haften, wenn dagegen verstoßen wird. Für die Intensivpflegekräfte bedeutet das, dass sie nicht nur mehr Patienten versorgen, sondern auch länger arbeiten müssen - bis zu zwölf Stunden am Tag.

Wie halten Pflegepersonen diesem Druck stand?

Damit sie den Stress und die hohen Anforderungen aushalten, werden viele innerlich kalt. "Coolout" heißt dieses Phänomen.

Was bedeutet das?

Die Leidenschaft für die Arbeit ist vor dem Berufseinstieg bei vielen Pflegenden groß. Doch weil die Organisationsstrukturen eng und die Personaldecke dünn sind, können sie im Arbeitsalltag nicht das umsetzen, was sie in ihrer Ausbildung gelernt haben. Oft reicht nicht einmal die Zeit, um ein paar Worte mit dem Patienten zu wechseln, obwohl dieser dringend Zuwendung braucht. Oder wenn jemand im Sterben liegt, ist es angemessen ihm beizustehen. Aber sie dürfen und können es nicht, weil draußen schon drei weitere Patienten warten.

Welche Auswirkungen hat das?

Dann resigniert man innerlich, um den Arbeitsaufwand bewältigen zu können. Doch auch das hält man nur eine gewisse Zeit aus. Irgendwann geht es nicht mehr. Man brennt aus - wird innerlich kalt, und viele steigen aus ihrem Pflegeberuf aus. Ich kenne zahlreiche ehemalige Kollegen, die nach wenigen Jahren Berufstätigkeit einfach abbrechen, weil sie sagen: Ich kann das mit meinem Gewissen nicht weiter vereinbaren.

Gerade in der Corona-Krise wäre das fatal…

Eine Katastrophe. Was nützen einem genug Beatmungsmaschinen, wenn man keine Fachkräfte hat, die sie bedienen können. Das machen nun mal nicht die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen, sondern Intensivpflegefachpersonen. Dafür durchlaufen sie eine anspruchsvolle Ausbildung und sammeln viele Jahre Erfahrung. Denn die Arbeit auf der Intensivstation ist nicht nur pflegefachlich komplex, sondern auch hoch technisch, physikalisch und intuitiv.

Angesichts der hohen Corona-Zahlen fehlen gerade diese speziell ausgebildeten Fachkräfte. Wie gehen die Krankenhäuser damit um?

Viele schichten einfach das Personal um. Dann werden Pflegende von anderen Stationen auf die Intensivstation gepackt, nachdem sie einem kurzen Crashkurs erhalten haben. Das ist so, als ob jemand, der gerade frisch seinen Führerschein erhalten hat, einen LKW durch enge Serpentinen steuern müsste.

Was könnten die Folgen sein?

Es gibt mehrere Studien die belegen, dass mit dem Absenken der Qualifikation der Pflegenden die Infektionen, Verwechslungen von Medikamenten und die Sterblichkeit nach dem Aufenthalt in der Intensivpflege deutlich steigen. Denn bei der Intensivpflege kommt es auf spezifisches Fachwissen und Erfahrung an. Ganz zu schweigen von psychologischen Kenntnissen, wie man mit den Patienten und Angehörigen umgehen sollte. Letztendlich hätte man schon viel länger darauf achten müssen, dass man genug weitergebildetes Personal auf den Stationen hat und dieses hält. Die Expertise, die es dafür braucht, vermittelt man nicht in wenigen Tagen oder Wochen.

Applaus alleine reicht also nicht aus, um Pflegende motiviert zu halten?

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Die Wertschätzung im Frühjahr war zwar schön. Doch es blieb leider bei dieser Geste. Denn im Sommer, als es darum ging, dass Pflegende Zulagen erhalten sollen, wurde viel diskutiert, aber wenig ausgeschüttet. Die Altenpflegerinnen und -pfleger haben schließlich Zulagen bekommen. Die Intensivpflegekräfte gingen zum größten Teil leer aus. Von den in den Medien versprochenen 500 Euro kommen meist weniger als 100 Euro an. Somit hat das alles einen faden Beigeschmack. Viele Kolleginnen und Kollegen fühlen sich nach wie vor kaum wertgeschätzt. Die Bereitschaft, wie im Frühjahr wieder freiwillig anzupacken, ist geringer geworden. Schließlich habe sich von früher zu heute nichts geändert.

Mit welchen Problemen haben die Pflegekräfte zu kämpfen?

In so einer Pandemie macht man natürlich gerne auch mal mehr. In der ersten Welle haben sich sogar ehemalige Pflegerinnen und Pfleger freiwillig gemeldet, um auszuhelfen. Aber das kann ja nicht zum Dauerzustand werden. Zu Beginn hatten Pflegemitarbeitende nicht mal ausreichend Schutzausrüstung und sollten dann auch noch 60 Stunden pro Woche oder mehr arbeiten. Viele Kolleginnen und Kollegen haben sich selbst mit dem Coronavirus angesteckt und fielen aus - oder noch schlimmer, mussten trotz positiven Tests weiterarbeiten, wenn sie keine Symptome hatten. Das passiert auch noch heute.

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Alleine ist es schwierig, etwas zu verändern. Wenn man sich solidarisiert, geht das schon viel besser. Wenn ich als gesamtes Team Missstände anprangere, habe ich bessere Chancen. Pflegende müssen sich besser organisieren, in einen Berufsverband oder in eine Gewerkschaft eintreten. Wir müssen von dieser Mutter-Theresa-Mentalität wegkommen und auch mal auf die Barrikaden gehen. Denn klar ist: Wir brauchen dringend mehr Personal. Und das muss ordentlich bezahlt werden und unter guten Bedingungen arbeiten können.

Mit German Quernheim sprach Hedviga Nyarsik

Quelle: ntv.de

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