Panorama

Hausbesitzer ohne Zusatzpolice Nicht versichert in der Flutkatastrophe

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Viele Hausbesitzer im besonders stark betroffenen Schuld haben keine Elementarschadenversicherung.

(Foto: picture alliance/dpa)

Eins der heftigsten Unwetter in der deutschen Geschichte hinterlässt eine Schneise der Verwüstung. Die deutsche Versicherungswirtschaft rechnet mit einer Schadenssumme im "hohen Milliardenbereich". Viele Hausbesitzer haben aber gar nicht den nötigen Versicherungsschutz.

Kaputte Autos, vollgelaufene Keller, abgerissene Häuser. Viele Menschen in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Sachsen stehen vor dem Nichts, die Flutkatastrophe hat ihr Hab und Gut zerstört. Der Wiederaufbau wird lange dauern und teuer werden. Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft könnte Tief "Bernd" eines der teuersten Unwetter aller Zeiten werden. "Wir rechnen damit, dass der Schaden im hohen Milliardenbereich liegen wird. Das ist ein ziemlicher Kracher", sagt GDV-Sprecher Stephan Schweda im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Zwar kann auch die beste Versicherungspolice das liebgewonnene Eigenheim oder das emotional wichtige Erbstück nicht einfach so ersetzen, aber zumindest kann sie finanziellen Schaden dämpfen. Viele Menschen aber haben gar keine entsprechende Versicherung. Eine normale Hausrat- oder Wohngebäudeversicherung reicht jedenfalls nicht, um Hochwasserschäden abzudecken.

Versicherte brauchen deshalb zusätzlich eine sogenannte Elementarschadenversicherung. Die greift auch bei Überschwemmungen, Erdrutschen, Erdbeben und Lawinen. Eine solche Police hat statistisch gesehen nur knapp jeder zweite Hausbesitzer. "Der Bundesdurchschnitt bei der Elementarschadenversicherung liegt bei 46 Prozent Versicherungsdichte. Das heißt, über die Hälfte der Hausbesitzer haben diesen Schutz nicht", bilanziert Schweda.

Hausrat- oder Gebäudeversicherung reicht nicht

Eine fehlende Elementarschadenversicherung habe viele Gründe, so der Sprecher. Manche Menschen seien sich der Gefahr durch Hochwasser schlicht und einfach nicht bewusst. Es gebe aber auch Fälle, "da ergibt es wirtschaftlich nicht ganz so viel Sinn, weil der Versicherungsbeitrag sehr hoch ist". In Hochwasser-Risikogebieten ist es oft gar nicht so leicht, überhaupt einen entsprechenden Vertrag abzuschließen.

Laut Schweda seien das aber lediglich Einzelfälle. In den meisten Fällen sei es "nicht so problematisch", einen Versicherungsschutz zu bekommen. "Der Versicherer will ja versichern. Das ist sein Geschäft. Da sitzen die Leute nicht und denken, wie lehne ich jetzt möglichst schnell viele Kunden ab. Aber natürlich kann es im Einzelfall schwierig werden, wenn man in einer exponierten Lage wohnt", betont der GDV-Experte. In solchen Fällen seien Stadt, Land und Bund gefordert, "Gelder zuzuschießen".

Aus der Politik kommen unterdessen vermehrt Forderungen, die Elementarschadenversicherung zu einer Pflichtversicherung zu machen. Unter anderem hat sich Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, nicht zum ersten Mal in die Richtung geäußert. In seinem Bundesland sind 90 Prozent der Hausbesitzer mit einer Elementarschadenversicherung abgesichert. Bundesweit sollten nun alle Immobilienbesitzer in eine Solidargemeinschaft gehen, sonst werde das Folgen haben, die man nicht mehr gut bewältigen könne, so der Grünen-Politiker.

Auch im weitgehend überfluteten 700-Einwohner-Ort Schuld an der Ahr besitzen viele der betroffenen Hausbesitzer keine Elementarschadenversicherung, sagte Schulds Ortsbürgermeister Helmut Lussi am Wochenende nach einer Begutachtung der immensen Schäden. "Die Versicherung sagt: Du hast keine Elementarschadenversicherung, also bekommst du vielleicht nur den Hausrat oder sonst etwas ersetzt. Aber das sind Leute, die wieder aufbauen wollen, die leben wollen." Gemäß einer ersten Kostenschätzung eines Sachverständigen beträgt der Schaden allein in dem kleinen Ort im Landkreis Ahrweiler "31 bis 48 Millionen Euro", berichtete Lussi.

"Dinge, die beim Versicherungsbeitrag kalkuliert werden"

Welche Regionen in der Versicherungsbranche als risikobehaftet gelten, sei schwer zu sagen, sagt GDV-Sprecher Schweda im Podcast. Im aktuellen Fall gehe es vor allem um Starkregen und der sei "im Prinzip in ganz Deutschland gleich wahrscheinlich". Aber natürlich sind Menschen, die in der Nähe von Flüssen wohnen, im Falle von heftigen Regenfällen besonders stark durch Überschwemmungen gefährdet.

"Es gibt ein Zonierungssystem, das sogenannte Geoinformationssystem Zürs, welches sich mit Flusshochwasser beschäftigt. Hier wird bewertet, wie hoch ein Gebäude flusshochwassergefährdet ist. Dann haben wir uns in einem nächsten Schritt gemeinsam mit dem Deutschen Wetterdienst dem Phänomen Starkregen gewidmet." Die Ergebnisse seien eindeutig gewesen, erklärt Schweda. Klar sei, dass Starkregenereignisse immer häufiger vorkommen. "Und das sind natürlich auch Dinge, die beim Versicherungsbeitrag kalkuliert werden."

Allerdings ist das Verfahren der Versicherer nicht unbedingt transparent. Beispielsweise gebe es kein "bundesweites Informationsportal", wo sich Versicherungsnehmer informieren können, wie hoch die Extremwettergefahren an ihrem Wohnort sind, kritisiert Schweda. "Wir haben den sogenannten Naturgefahren-Check ins Leben gerufen, um den Menschen eine Einschätzung zu geben. Wie war es in den letzten Jahren? Welche Schäden gab es? Wie stark bin ich betroffen? Darüber hinaus kann man sich auch bei seinem Versicherer erkundigen. Der kann ganz genau in das Geoinformationssystem schauen. Man kann sich auch beim Wasserwirtschaftsamt erkundigen, auch die haben die Informationen vorliegen."

Wuppertal ist die gefährdetste Stadt

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Das gilt auch für die Starkregengefährdungsklassen, kurz SKG. Dabei spielt vor allem die exakte Lage eines Gebäudes eine Rolle. Steht ein Haus auf einer Kuppe oder am oberen Bereich eines Hangs, wird es in der Klasse 1 einsortiert. In dieser Zone gibt es nur eine geringe Starkregengefahr. Alles, was in der Ebene oder weiter unten am Berg steht, findet sich in der mittleren Gefährdungsklasse 2 wieder. Gebäude im Tal oder in der Nähe eines Flusses oder eines Bachs kommen in die SKG 3, was einer hohen Gefährdung entspricht.

Laut einer Statistik des GDV befinden sich etwa zwei Drittel aller Gebäude in Deutschland in der mittleren Gefährdungsklasse. Knapp zwölf Prozent sind in der höchsten Gefährdungsklasse einsortiert. Demnach lebt es sich diesbezüglich in Wuppertal am gefährlichsten, teilte der Verband im April dieses Jahres mit. Die Stadt im Bergischen Land habe "aufgrund ihrer geografischen Lage bundesweit die meisten Gebäude, die bei unwetterartigen Regen hoch gefährdet sind". Jedes siebte Haus stehe in einem Tal oder in der Nähe eines kleinen Gewässers, heißt es. Auf Platz 4 in der Rangliste steht das etwas weiter nördlich gelegene Hagen.

Drei Monate später zeigt sich, wie richtig die Einschätzung war: Wuppertal und Hagen sind zwei der Städte, in denen die Flut mit am stärksten gewütet hat.

Quelle: ntv.de

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