Panorama

Religion, Geschichte, Symbol Notre-Dame ist viel mehr als eine Kirche

RTSTT92.jpg

Notre-Dame thront über ganz Paris - hier auf einer Aufnahme von 2016.

(Foto: REUTERS)

Die größte Kirche von Paris hat gebrannt, die Kathedrale Notre-Dame. Der jahrhundertealte Kirchenbau steht für Frankreichs Geschichte und das Selbstverständnis einer ganzen Nation. Aber warum?

Notre-Dame im Herzen von Paris ist eine der größten touristischen Attraktionen der französischen Hauptstadt. Jedes Jahr wird sie von 12 bis 14 Millionen Menschen besucht. Kein Paris-Stadtführer kommt ohne einen Hinweis auf sie aus. Die Kirche ist Unesco-Weltkulturerbe.

Doch die Kathedrale ist viel mehr als eine Kirche oder eine Sehenswürdigkeit. Der Grundstein des katholischen Gotteshauses wurde im Jahr 1163 gelegt. Seit der Fertigstellung der beiden massiven Türme um 1245 gehört diese Silhouette zum Pariser Stadtbild. "Die Kirche ist nicht nur ein religiöses Symbol, sondern sie ist ein weltliches und kulturelles Symbol für Frankreich, für die Geschichte Frankreichs", sagte der langjährige Frankreich-Korrespondent der ARD, Ulrich Wickert, am Morgen nach dem Brand im DLF Kultur.

Unzählige historische Ereignisse in der französischen Geschichte sind mit der Kathedrale verbunden. Im 17. Jahrhundert sorgte König Ludwig XIII. dafür, dass die Dornenkrone, die Jesus angeblich getragen hat, hierher kam. (Die Reliquie wurde am heutigen Morgen unversehrt aus den Flammen gerettet.) In der Kirche wurde Napoleon im Dezember 1804 zum Kaiser gekrönt. Die Glocken der Kathedrale läuteten im August 1944, als Paris von den Deutschen befreit war. Hier fanden auch die Trauerfeiern für die Staatspräsidenten Charles de Gaulle oder François Mitterrand statt. Hier weinte der deutsche Altbundeskanzler Helmut Kohl um seinen langjährigen politischen Weggefährten und Freund Mitterand.

"Das Gedächtnis von Paris"

Berühmt wurde die Kathedrale auch durch den Roman "Der Glöckner von Notre-Dame" des Schriftstellers Victor Hugo von 1831. Vor dem Erscheinen des Romans war die Kirche fast zwei Jahrhunderte sich selbst überlassen und verfiel zunehmend. Aber Hugo machte die Kirche und ihre vielen architektonischen Details zum Mittelpunkt seiner Erzählung und erinnerte die Franzosen an den Schatz, den sie mit diesem Bauwerk haben. Danach begannen Renovierungsarbeiten an dem Gotteshaus. Der Historiker Fabrice d'Almeida bezeichnete Notre-Dame als "eine Zusammenfassung der Geschichte Frankreichs", "das Gedächtnis von Paris".

Auch wenn Frankreich heute streng auf die Trennung von Kirche und Staat achtet, ist die lange katholische Prägung des Landes hier deutlich zu spüren. Papst-Sprecher Alessandro Gisotti meldet sich dazu am Montagabend zu Wort: "Der Heilige Stuhl hat die Nachricht des entsetzlichen Brandes, der die Kathedrale von Notre-Dame, Symbol der Christenheit in Frankreich und der Welt, verwüstet hat, mit Schock und Trauer aufgenommen", erklärte er. Allein an jedem Wochenende wurden in der Kirche bis zu zwölf Gottesdienste abgehalten. 10.000 Menschen fanden in dem gewaltigen Innenraum Platz. Auch an Werktagen waren vier Messen der Standard.

Dass dieser Ort nicht nur das Herz von Paris, sondern von ganz Frankreich ist, belegt auch eine Messingplatte auf dem Kirchenvorplatz. Sie bildet den Punkt null, von dort aus wird jede Entfernung in Frankreich gemessen, jede Straße, jeder Schienenweg geht von diesem Referenzpunkt aus.

Eine Nation vereint

Die Kathedrale überdauerte die Französische Revolution, zwei Weltkriege, zahlreiche Stürme und politische Veränderungen. Über die Jahrhunderte ist die Kathedrale "Unsere Liebe Frau von Paris" zum Fixpunkt für eine ganze Nation geworden. Während die gotische Kirche in Flammen stand, berichteten viele internationale Korrespondenten, schwiegen und weinten die Franzosen.

Angesichts des Feuers verschob Staatspräsident Emmanuel Macron eine lange geplante wichtige Rede an die Nation, mit der er auf die anhaltenden Proteste der Gelbwesten reagieren wollte. Bis die Bilder der brennenden Kirche um Welt gingen, warteten viele Franzosen auf Macrons Zugeständnisse in der aktuellen Reformdebatte im Land. Dann eilte der Präsident direkt zur Ile de la Cité, der Insel inmitten der Seine, auf der Notre-Dame steht. Die Prioritäten waren eindeutig.

"Notre-Dame von Paris den Flammen ausgeliefert. Emotion einer ganzen Nation", schrieb Macron auf Twitter. "Wie alle unsere Landsleute bin ich an diesem Abend traurig, diesen Teil von uns brennen zu sehen." Wieder einmal wurde die Kirche zum Symbol für ein geeintes Frankreich, in dem die politischen Streitfragen hintenanstehen. In ihrer Mitteilung über eine Spendensumme von 200 Millionen Euro teilte die Unternehmensgruppe LVMH (Moët Hennessy - Louis Vuitton) mit, man wolle nach "dieser nationalen Tragödie" Solidarität zeigen. Notre-Dame sei ein Symbol Frankreichs, seines kulturellen Erbes und seiner Einigkeit.

Selbst für die europäische Identität ist Notre-Dame wichtig. EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker fasste dies so zusammen: "Notre-Dame gehört der gesamten Menschheit. Sie hat Schriftsteller, Maler, Philosophen und Besucher aus aller Welt inspiriert."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema