
Es ist heiß, die Menschen suchen Schatten. Sie wollen an die Luft, sie brauchen Sauerstoff spendendes Grünzeug. Sie schlafen auf dem Balkon und sie spähen in die beleuchteten Fenster ihrer Nachbarn gegenüber. Sie fragen sich: "Wie kann dieser Balkon nur so hässlich aussehen?" Oder so schön.
Verschwindet die Schönheit der Welt? Mancherorts hat man den Eindruck. Sie verschwindet in den meisten Fällen jedoch nicht über Nacht. Sie verblasst vielleicht einfach nur. Und während alles, was einst "Ahs" und "Ohs" hervorrief durch rein Funktionelles ersetzt wird, Theater ihre vergoldeten Details verlieren, Uhren zu leblosen Flatscreens werden, Brunnen vertrocknen und Bibliotheken zweckmäßiger werden, kann man dennoch froh sein, dass es überhaupt noch einige dieser wunderbaren Zeitzeugen gibt. Doch nicht nur die Architektur wandelt sich, auch unser eigener Blick auf Orte - und auf das Leben selbst - verändert sich stetig.
Es gab eine Zeit, in der selbst die alltäglichen Dinge mit Sorgfalt angefertigt wurden. Es beginnt beim Brotbacken, geht über Kleidung, Möbel und Automodelle - alles Dinge, die man mit Sorgfalt, mit Liebe, herstellen oder einfach nur hinrotzen kann. Auch Balkone gehören zu den Dingen, die sehr, sehr schön sein können oder sehr, sehr hässlich. Vor einer Weile habe ich eine Wohnung in einer anderen Stadt gesucht, ein Balkon war meine Voraussetzung. Der Balkon ist für mich der erste Schritt in den Tag, ins Licht, und vielleicht der letzte Moment draußen, bevor ich schlafen gehe. Dort mache ich Pause, dort sitze ich und telefoniere, dort wird geraucht und getrunken, ich schaue auf die Straße, halte das Gesicht in die Sonne und im Sommer wachsen Basilikum und Rosmarin und Geranien.
Als mir jemand zum zweiten Mal eine Wohnung ohne Balkon anbot, verneinte ich, zum zweiten Mal. Er hielt mich für schwierig, denn seine Wohnungen wären sehr schön und in der Stadt wären Wohnungen ohnehin rar, ich könnte doch froh sein, überhaupt eine zu bekommen. In der Gegend! Ich wollte aber nicht. Ich fühle mich eingesperrt ohne Balkon. Und ein Balkon ist schließlich nicht nur da, um diverse Zwecke der Bewohner zu erfüllen - Balkone sind auch für die, die daran vorbeigehen, wichtig. Sie besitzen elegante Schwünge, üppige Pflanzen, kunstvolle Geländer und tragen die Spuren der Menschen, die dort lebten. Es gibt auch einfache Balkone, die schön sind - so wie meiner jetzt, denn ich konnte abwarten - und leider gibt es die Balkone, auf denen all der Müll gestapelt wird, den Menschen normalerweise im Keller sammeln und am besten sowieso entsorgen sollten. Das ist schlimm für alle Betrachter, entwertet eine solche Mülldeponie doch die ganze Fassade. Dabei ist es so wichtig, einen - irgendeinen, und sei er auch noch so kleinen - Balkon zu haben.
Was es heißt, zu bleiben
Straßen leben durch Plätze, Brunnen, Bäume, Uhren und Fassaden (mit Balkonen idealerweise), die Passanten für einen Moment innehalten lassen, um sie zu bewundern. Wir wandeln durch Florenz oder Madrid, Paris oder Venedig, weil wir uns nicht sattsehen können an der üppigen Pracht, für die früher noch Zeit und Muße war. Wenn heute gebaut wird, muss alles schnell, preiswert, geradlinig, sauber, leicht zu vervielfältigen, zu reinigen und einfach auszutauschen sein. Wir schaffen Räume, in denen nichts für die Ewigkeit bestimmt scheint. Haben wir verlernt, was es heißt, zu bleiben? Zu sein? Sich Zeit zu nehmen?
Wir bezeichnen ja gern alles als Fortschritt, was Zeit spart, fragen uns jedoch selten, was wir mit der gewonnenen Zeit anfangen wollen (auf dem Balkon sitzen, würde ich sagen). Wir fragen eher Siri, als selbst das Gehirn einzuschalten, benutzen KI ohne darüber nachzudenken, dass wir uns mit dem Füttern der Technologie auch irgendwie Stück für Stück den Ast absägen. Wir eilen zwischen identitätslosen Gebäuden umher, überqueren leere Plätze mit dem Blick auf unsere Smartphones und gehen an Wänden vorbei, die keine Geschichten mehr erzählen, außer jemand hat ein Graffiti gesprayt. Und schrittweise, ohne dass wir es wirklich wahrnehmen, gleicht sich unser Inneres der Welt an: funktional, still und gleichgültig.
Dabei wissen wir, fühlen wir, wie Schönheit nach Zeit verlangt, nach Aufmerksamkeit, Absicht, Präsenz - denn warum begeben wir uns, meist im Urlaub, an Orte, die von Schönheit zeugen? Gehen in eine verschnörkelte Oper, ein süßes Café, ein Museum voller goldener Bilderrahmen, werfen Münzen in Brunnen mit nackten Statuen und staunen über hohe Decken mit unglaublichem Stuck oder Holzintarsien an den Wänden? Wollen das Zimmer mit Meerblick? Die Terrasse am Berg? Warum nur in den Ferien? Warum nehmen wir es hin, dass wir uns im Alltag nicht mehr Mühe mit allem geben? Warum nehmen wir uns keine Zeit mehr für die Schönheit? Also - sie selbst zu erschaffen, und nicht nur zu konsumieren, weil andere vor uns das bereits erledigt haben?
It's all about the details
Noch ist es, vielleicht, nicht zu spät, die Welt hat ihre Schönheit natürlich noch nicht komplett verloren, auch wenn wir die Spuren der Vergangenheit vielerorts getilgt, das Moos vom Geländer gekratzt, Ornamente an der Wand übermalt und Handwerkskunst durch kurzlebige Bequemlichkeit ersetzt haben. Das wirkt oft leer, und vielleicht nennen wir es "modern", aber "zweckmäßig und karg" ist noch lange nicht Bauhaus. Dabei brauchen wir in harten Zeiten mehr Samt, Leder, Fell und Wolle - gern vegan, kein Tier sollte sterben müssen für eine Inneneinrichtung.
Zurück zum Balkon: Das Tolle daran ist auch, dass man nicht Rasen mähen muss. Dass man gar nicht erst darüber nachdenken kann, ob der Pool rund oder eckig sein sollte. Sie können den Nachbarn unter Ihnen auf den Teller gucken und den neben Ihnen kennenlernen. Sie können den Sonnenschirm so positionieren, dass Sie niemand sieht. Das Katzenklo kann raus. Sie geben kein Vermögen für Pflanzen aus. Sie spüren, ob Ihnen diese Luft heute guttun wird oder Sie lieber zu Hause bleiben wollen. Die Entscheidung "Jacke mitnehmen oder brauch' ich nicht" fällt auf einem Balkon viel leichter. Regisseure haben Balkonen schon ganze Filme gewidmet ("Sommer vorm Balkon", Andreas Dresen), Bücher wurden geschrieben ("Der Balkon", Reinhold Schneider) und Musik gemacht ("Auf dem Balkon", König Boris). Achten Sie einfach wieder mehr auf die Details - nicht nur in den Ferien, sondern immer. Sie haben ein Anrecht auf Schönheit in Ihrem Leben.
PS: Zuschriften, in denen es um Enteignung, Wahlkampf und bezahlbaren Wohnraum in Städten geht, die unter der Gürtellinie sind, werden nicht beantwortet.
