Panorama

Verantwortung für Sexualität "Pädophil Veranlagten bleibt nur die Fantasie"

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(Foto: imago/photothek)

Seit 2005 läuft das Programm "Kein Täter werden" an der Berliner Charité. Hier sollen vor allem Männer, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, lernen, ihre Neigungen zu kontrollieren. Sexualmediziner Klaus Beier sieht seine Arbeit als aktiven Kinderschutz, hat aber auch großen Respekt vor seinen Patienten.

ntv.de: Woran messen Sie den Erfolg Ihres Programms "Kein Täter werden"?

Dr. Klaus Michael Beier: Zunächst mal ist es ein Riesenerfolg, dass so viele Menschen mit einer Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema Vertrauen gefasst und sich an uns gewandt haben. Dies belegt auch den großen Bedarf der Betroffenen - unabhängig von einer Strafverfolgung, da wir uns ja auf das Dunkelfeld konzentrieren. Es gibt uns seit 2005 - und die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten können, sind die, die offen sind, die sich einem solchen Programm überhaupt stellen. Man kann bei Personen mit einer pädophilen Sexualpräferenz dann Risikofaktoren erheben - also sich ein fundiertes Bild davon machen, wie groß die Gefahr ist Missbrauchsabbildungen zu nutzen oder einen Übergriff zu begehen.

Was gehört zu den Risikofaktoren?

Das wären zum Beispiel Wahrnehmungsverzerrungen, geringe Opferempathie, soziale Isolation, aber auch eine starke Befasstheit mit sexuellen Inhalten, was uns zeigt, dass die emotionale Regulation sehr intensiv über Sexualität erfolgt. Diese Faktoren können wir alle erfassen und dann mit der Behandlung beeinflussen, was sich wiederum messen lässt. Allerdings sind aus ethischen Gründen dann doch Einschränkungen für unsere Forschungsmethodik hinzunehmen.

Wie meinen Sie das?

Der Königsweg wissenschaftlicher Forschung würde ja verlangen, dass man die Behandelten in einen Vergleich setzt mit einer Gruppe, die keine Behandlung erfahren hat. Und genau das funktioniert hier nicht, weil sie ja bei einem drohenden Risiko für das Kind auf jeden Fall behandeln würden. Besonders deutlich wird das ja beim Einsatz von Medikamenten, von denen wir wissen, dass sie das sexuelle Verlangen dämpfen. Bei einem bestehenden Übergriffsrisiko würde man selbstverständlich dieses Medikament verabreichen und den Vergleich mit der Einnahme eines sogenannten Placebos, also eines Scheinmedikaments, das gar keine wirksame Substanz enthält, mit Blick auf den Kinderschutz eher scheuen. Das ist das ethische Dilemma an der Sache: Die Königswege der Wissenschaft sind in diesem Gebiet nur sehr begrenzt zu beschreiten.

Wie gehen Sie dann aber vor?

Wir behandeln mit dem Medikament in Verbindung mit therapeutischen Gesprächen, überprüfen im Verlauf die Wirkung hinsichtlich des gesunkenen sexuellen Interesses und erreichen dadurch eine klinische Evidenz im jeweiligen Einzelfall, die zwar sehr überzeugend ist, aber eben nicht das Signifikanzniveau einer doppelblinden, placebo-kotrollierten Studie aufweisen kann.

Es kommen überwiegend Männer zu Ihnen?

Ja. Überwiegend Männer.

Was passiert nach so einer Medikamentengabe? Heißt das, dass die Männer überhaupt gar keine Sexualität mehr haben?

Es kommt zu einer Dämpfung des sexuellen Erlebens und es hängt von der eingesetzten Substanz ab, wie stark die ist. Das führt dann zu einer Distanzierung von den sexuellen Wünschen, was als entlastend erlebt wird. Die Stärke sexueller Signale nimmt ab und das kann therapeutisch für die Auseinandersetzung mit der Grundproblematik genutzt werden. Es geht ja darum, einen Weg im Leben zu finden, der eine befriedigende soziale und berufliche Integration ermöglicht und gleichzeitig die auf Kinder gerichteten sexuellen Wünsche auf der Fantasieebene belässt.

Jemand der eine pädophile Neigung oder Veranlagung hat - ist es für den möglich, Sex mit einem Mann oder einer Frau zu haben? Als Ersatzhandlung?

Prinzipiell ist es natürlich möglich, sexuelle Kontakte einzugehen, auch wenn der Partner gar nicht der sexuellen Präferenz entspricht. Das Erleben ist dann allerdings nicht so intensiv und der andere merkt die fehlende eigene Anziehungskraft, was für die Beziehungsqualität ungünstig ist. Neben dem ausschließlichen Typus einer Pädophilie, also einer sexuellen Erregbarkeit ausschließlich durch das kindliche Körperschema, gibt es auch Menschen, die sowohl durch Kinder als auch durch Erwachsene erregbar sind. Das ist der sogenannte "nicht-ausschließliche Typus". Für diese Person besteht trotzdem die Gefahr, in bestimmten Situationen ihre sexuellen Interessen für Kinder auszuleben.

Das wiederum hängt ab von den genannten Risikofaktoren sowie auch Persönlichkeitseigenschaften und Impulskontrolle. Wenn sich beispielsweise ein antisozialer Denkstil verknüpft mit einer Pädophilie und einer geringen Impulskontrolle, dann ist das Übergriffsrisiko sehr hoch. Es ist Aufgabe der Diagnostik, das genau zu erfassen.

Aber es ist möglich?

Ja. Geschieht aber zu wenig, vor allem im juristischen Hellfeld, also bei den Taten, die der Justiz bekannt werden. Dort erfolgt leider noch viel zu wenig an diagnostischer Abklärung. Deshalb werbe ich seit vielen Jahren dafür, dass im Hellfeld eine entsprechende Diagnostik verstärkt durchgeführt wird. Dies geschieht derzeit nur, wenn die Staatsanwaltschaft oder das Gericht eine Begutachtung veranlasst, was aber nur in ca. zehn Prozent der Strafverfahren der Fall ist.

Können Menschen mit pädophiler Neigung in Partnerschaften leben?

Das ist zumindest der nachvollziehbare Wunsch von sehr vielen. Das ist allerdings dann schwer zu verwirklichen, wenn die sexuelle Beziehungsebene nicht authentisch gelebt werden kann. Man müsste also dem anderen am Anfang der Beziehung die Problematik eröffnen - man kann sich vorstellen, wie schwierig das für beide Partner ist. Hinzu kommt das Wunschdenken - es wäre alles so schön, wenn es diese Neigung nicht gäbe, also schiebt man gerne die Auseinandersetzung damit weg, was aber ganz falsch ist, weil dann die innere Vorbereitung auf mögliche Risikosituationen unterbleibt.

Man kann das nicht heilen, oder? Die betroffenen Personen sind zu einem gewissen Teil in ihrem Leben auch zu Unglück und Einsamkeit verdammt.

Das ist genau das, was wir abwenden wollen, denn aufgrund dieser Isolation haben sie meist erhebliche psychische Belastungen, etwa eine depressive Symptomatik oder Ängste. Deshalb versuchen wir, Angehörige einzubeziehen, oftmals sind es Geschwister, aber auch Freunde, um den sozialen Empfangsraum zu verbessern. Je mehr Vertraute es gibt, denen die Problematik bekannt ist und die gleichwohl zu dem Betroffenen stehen, umso besser ist es. Nun könnte man meinen, dass das Leben unfair zu diesen Menschen ist. Da muss ich aber klar sagen: Das Leben ist zu vielen anderen Menschen unfair. Viele müssen lernen, mit unabänderlichen Umständen klarzukommen - und es bedeutet eben oftmals trotzdem nicht, dass damit das ganze Leben nicht lebenswert ist. Dennoch bleibt einem ausschließlich pädophil Veranlagten nichts anderes als die Fantasie.

Natürlich - außerdem steht der Schutz eines Kindes ja über den sexuellen Neigungen eines Erwachsenen.

Hilfe bei sexuellem Missbrauch

Betroffene oder Menschen, die einen Missbrauch vermuten, können sich kostenfrei und anonym an das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch wenden: 0800-22 55 530. Weitere Infos zu Beratungs- und Hilfeangeboten vor Ort gibt es unter: www.hilfeportal-missbrauch.de

Genau. Und dafür Verantwortung zu übernehmen ist etwas, das Respekt verdient und einen sehr zufrieden machen kann. Aber es gibt immer auch diejenigen, die Einschränkungen aufgrund ihrer Erkrankung nicht hinnehmen möchten. Zum Beispiel beim Diabetes diejenigen, die auf Rauchen und Alkohol nicht verzichten möchten.

Die nehmen das Risiko allerdings nur für sich allein auf sich.

Das ist richtig, denn wer seine sexuellen Interessen für das kindliche Körperschema auslebt, der macht Kinder zu Leidtragenden seiner Problematik.

Haben Sie Angaben dazu, wie vielen Männern Sie bisher helfen konnten?

In Berlin haben sich seit Beginn über 3000 Männer gemeldet, wir haben seit 15 Jahren jeden Monat neue Anmeldungen …

… und die kommen auch alle?

Etwa die Hälfte kommt dann auch zur ausführlichen Diagnostik. Und von denen können wir der Hälfte therapeutische Maßnahmen anbieten. Wir haben inzwischen das Netzwerk "Kein Täter werden" deutschlandweit ausgedehnt, und da sind es, einschließlich Berlin, etwa 12.000 Männer, die sich angemeldet haben. Als wir in Berlin starteten, kamen Männer teilweise von weit her angereist. Inzwischen sind wir in Deutschland an elf Standorten vertreten - finanziert durch den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen im Rahmen eines Modellvorhabens auf der Grundlage einer neuen gesetzlichen Regelung im Sozialgesetzbuch, wonach die präventiven Hilfen im Übrigen anonym in Anspruch genommen werden können.

Was löst die Arbeit, die Sie seit 15 Jahren machen, in Ihnen aus?

Große Zufriedenheit, weil ich ja sehe, dass wir mit unseren Programmen und Behandlungen helfen können psychische Belastungen zu reduzieren und eine ganz neue Lebensqualität für viele Betroffene schaffen. Und darüber hinaus haben wir die Möglichkeit Einfluss zu nehmen, bevor Fremdgefährdung entsteht, oder wenn diese bereits gegeben ist, das Risiko signifikant abzusenken. Das ist primäre Prävention und direkter Kinderschutz.

Polizisten sehen die andere Seite, nämlich die Kinder, die misshandelt wurden, die Videos, die im Darknet kursieren …

Ich weiß, wie überaus belastend die Befassung mit den Materialien ist, und dass deren Verbreitung in den letzten Jahren exponentiell zugenommen hat. Wir müssen in diesem Feld viel wirksamere Strategien entwickeln und auch hier stärker verursacherbezogene Prävention in den Blick nehmen - also potentielle Konsumenten von Missbrauchsabbildungen möglichst früh erreichen und von einer Nutzung abhalten.

Warum können Täter, die bereits auffällig geworden sind, ihren Neigungen weiterhin nachgehen, Stichwort Münster. Mit Beihilfe und allem, was man sich an Horror vorstellen kann.

Hier macht sich eben geltend, dass im Hellfeld, also bei justizbekannten Sexualstraftätern nur in den wenigsten Fällen eine sachverständige Diagnostik erfolgt. Und Beihilfe von Frauen entsteht meist aus einer besonderen Beziehung zu dem Haupttäter - nicht aus einem eigenen sexuellen Interesse am kindlichen Körperschema.

Wann stellt man fest, dass man pädophile Gefühle hat, schon als Jugendlicher?

Wir haben für Jugendliche tatsächlich ein Extra-Projekt ins Leben gerufen, weil wir wissen, dass sich die sexuelle Ausrichtung grundsätzlich in dieser Lebensphase manifestiert, und das auch für auf Kinder gerichtete sexuelle Interessen gilt. Für diese Jugendlichen sind kindliche Körper erregungssteigernd und sie stellen das in ihren Begleitfantasien bei der Masturbation fest. Früher haben uns übrigens mehr die Eltern aufgesucht - gemeinsam mit ihren jugendlichen Söhnen, weil sie Missbrauchsabbildungen auf deren Handys gefunden haben. Mittlerweile kommen zunehmend Jugendliche allein, eben weil sie Leidensdruck empfinden und Hilfe wollen.

Ist das schon ein Ergebnis Ihrer Aufklärungsarbeit?

Das hoffen wir sehr. Bei möglichst vielen Menschen sollte die Botschaft ankommen, dass eine pädophile Neigung eine Variante der menschlichen Sexualität ist. Pädophilie geht durch alle Schichten, betrifft alle Intelligenzgrade und Persönlichkeitsverfasstheiten - eben weil sie Teil der menschlichen Sexualität ist. Warum das so ist, entzieht sich bisher noch unserer Kenntnis. Ein Prozent der männlichen deutschen Bevölkerung hat diese Ausrichtung, weltweit wären das etwa 25 Millionen Personen mit dieser Ausrichtung. Das würde auch erklären, warum es diese starke Zunahme von Missbrauchsabbildungen im Netz gibt - die technischen Möglichkeiten sorgen nun für eine Verbreitung bis in den letzten Winkel der Erde. Es gibt keine wirklichen Einschränkungen, sodass jeder mit sexuellen Interessen an Kindern auf diese Bilder zugreifen kann - ohne großes Entdeckungsrisiko.

Das ist eine furchtbare Vorstellung.

Insbesondere dann, wenn man keine wirksamen Strategien zur Eindämmung zur Verfügung hat. Hier plädiere ich für den internationalen Ausbau von verursacherbezogenen Präventionsangeboten, die damit werben, dass niemand für seine sexuelle Präferenz verurteilt wird, sehr wohl aber für sein Verhalten. Menschen mit pädophiler Neigung müssen ihr Verhalten darum sicher kontrollieren können und sollten gegebenenfalls zur Erreichung dieses Ziels Hilfe in Anspruch nehmen.

Mit Prof. Dr. Dr. Klaus Michael Beier sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de