Kino

Tabuthema Pädosexualität Ausgezeichnet: Max Riemelt in "Kopfplatzen"

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Verleiht seiner Figur größtmögliche Glaubwürdigkeit: Max Riemelt.

(Foto: dpa)

Max Riemelt ist natürlich ganz vorbildlich zu Hause, während er mit ntv.de am Telefon über "Kopfplatzen" spricht. Ein Film, der jetzt ins Kino gekommen wäre, nun aber, aufgrund der aktuellen Lage, als Video-on-Demand angeboten wird. Und der ein absolutes Tabuthema behandelt. Riemelt spielt Markus, einen Endzwanziger, der als Architekt beruflich angekommen ist. Niemand weiß, dass er pädosexuell ist, Körper kleiner Jungs erregen ihn. Er kämpft jeden Tag gegen sein Verlangen an. Als die alleinerziehende Mutter Jessica mit ihrem achtjährigen Sohn Arthur nebenan einzieht, verliebt sie sich in Markus, das Drama nimmt seinen Lauf. In seinem Spielfilmdebüt "Kopfplatzen" nimmt Regisseur und Drehbuchautor Savaş Ceviz bewusst die Perspektive eines potenziellen Täters ein, um dessen Innenleben zu ergründen und um den Zuschauer damit zu konfrontieren, wie wir mit dieser Problematik umgehen können.

ntv.de: Jetzt läuft "Kopfplatzen" nicht im Kino an, sondern als Video-on-Demand - auch ok?

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Max Riemelt als pädosexueller Architekt Markus und Isabell Gerschke als alleinerziehende Mutter Jessica mit Sohn Arthur (großartig: Oskar Netzel).

(Foto: dpa)

Max Riemelt: Es ist schade, aber dass der Film überhaupt zu sehen ist, freut mich sehr! Streaming ist ja gerade hoch im Kurs. Und dementsprechend ist auch die Möglichkeit, dass viele Menschen den Film sehen können, hoch. Der Film behandelt ein schwieriges Thema. Kino ist als gemeinsames Seherlebnis unschlagbar, aber so ist jetzt auch okay.

Ist wirklich alles andere als Popcorn-Kino.

Ja, das ist keine leichte Unterhaltung.

Es gibt eine Szene, in der Markus in einer Praxis von einem Arzt abgewiesen wird, als er ihm sein Problem schildert. Ist das nicht grob fahrlässig?

Wenn jemand, der aufgrund seines Problems schon so isoliert ist, dann auch noch abgewiesen wird, kann das natürlich katastrophale Folgen haben. Der Regisseur hat es auf Location-Suche erlebt. Eine Ärztin hat ihm gesagt, wenn jemand mit dem Problem "Pädosexualität" zu ihr käme, würde sie diese Person erstmal auf einen Tumor untersuchen. Das sagt viel aus darüber, wie wenig Faktenwissen es zu diesem Thema gibt. Dass das eine Neigung ist, mit der man geboren wird und erst einmal keine freie Wahl, das wissen die wenigsten.

Die meisten halten diese Menschen schlicht für pervers.

Aufgrund fehlenden Wissens. Man kann Betroffenen Medikamente geben. Sie müssen mit ihrem Problem ernst genommen werden, damit man präventiv handeln kann.

An der Berliner Charité und anderen Standorten gibt es ein Programm "Kein Täter werden" als Modellvorhaben der Krankenkassen.

Das ist ein erster Schritt.

Wie hast du dich vorbereitet? Pädosexualität ist ein Tabuthema - mit wem kann man darüber überhaupt sprechen?

Ich habe mir ein anonymes Tape im Internet angesehen, wo jemand darüber spricht, wie der Alltag eines Pädophilen aussieht. Schnell habe ich gemerkt: Ich muss mir etwas Eigenes bauen, um keine Klischees zu erzählen, sondern meiner Figur die größtmögliche Glaubwürdigkeit zu verpassen, eine emotionale Brücke zu schlagen und umso verständlich zu machen, wie Markus sich fühlt, wie verzweifelt er ist.

Worauf greift man da zurück als Schauspieler?

Zum Glück ist man als Schauspieler nicht allein am Set. Ich habe einen hervorragenden Regisseur an meiner Seite gehabt, dem ich voll vertrauen konnte und mit dem ich immer in Absprache war, wie wir diese Geschichte erzählen wollen. Wir wollten unbedingt ganz sachlich und nüchtern bleiben und mussten mit sehr viel Fingerspitzengefühl arbeiten.

Kannst du dich an "Spanner "in deiner Kindheit erinnern?

Das habe ich überhaupt nicht mitbekommen. Da gibt es sicher eine riesige Dunkelziffer und Grauzone. Kinder verstehen die Situationen nicht immer und wenn sie ein seltsames Gefühl haben, ist die Hürde, darüber zu sprechen, immer noch sehr groß.

Dem Film ist gelungen, dass man trotzdem mit Markus mitfühlt. Man will, dass ihm geholfen wird.

Dankeschön. Wenn wir erreichen können, dass man anfängt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, dann ist schon viel gelungen. Und wenn wir wieder mehr über Prävention reden könnten, dann wäre das ein großer Fortschritt.

Wo sehen wir dich demnächst? Gerade steht die Welt ja still, also wird auch nicht gedreht.

Am 5. April kommt der Dresdner "Tatort" mit mir, "Die Zeit ist gekommen".

Wie geht es dir im Moment mit der jetzigen Situation?

Ich habe Glück und leide nicht unter der Situation. Ich versuche, möglichst viel zu reflektieren, in mich zu gehen und Dinge zu tun, die ich sonst nicht schaffe.

Fühlst du dich in deiner Freiheit beschnitten?

Ich muss die Situation für mich hinnehmen, wie sie ist. Und ich verstehe die Sorgen derjenigen, die jetzt nicht arbeiten können und kein Geld verdienen. Vielleicht schaffen wir es dennoch, stärker aus der Situation rauszugehen, als wir vorher waren.

Mit Max Riemelt sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de