Panorama

"Kirche gibt sich als Opfer aus" Papstrede empört Missbrauchsopfer

a169aa68435068d777a08df4307b0a0b.jpg

Der Gipfel der Kardinäle und Bischöfe in Rom wurde von Demonstrationen der Opfer begleitet.

(Foto: dpa)

Kirchenvertreter loben die Fortschritte, die unter der Führung von Papst Franziskus beim Gipfel zum Thema sexueller Missbrauch in Rom erzielt worden seien. Vertreter der Opfer und kritische Theologen sind dagegen maßlos enttäuscht.

Opfervertreter und kritische  Theologen haben mit Enttäuschung auf die Ergebnisse des Anti-Missbrauchsgipfels der katholischen Kirche reagiert. "Anstatt konsequent aus der Opferperspektive die Verantwortung der Kirche zu benennen, (war es) routiniertes und uninspiriertes Abspulen von Selbstverständlichkeiten", sagte Thomas Schüller, Direktor am Institut für Kanonisches Recht an der Universität Münster. Die Abschlussrede von Papst Franziskus sei "ein Fiasko" gewesen. 

Zwar soll es bald nach dem Spitzentreffen neue Anweisungen des Pontifex zum Schutz von Minderjährigen geben, die für den Vatikanstaat und die römische Kurie gelten sollen. Bischöfe sollen außerdem ein Praxishandbuch bekommen, wie sie mit Missbrauchsfällen umzugehen haben, wie die Organisatoren des Treffens ankündigten. Opferverbände und kritische Theologen hatten sich aber mehr versprochen.

Franziskus hatte zu dem historischen Gipfel die Spitzen der Bischofskonferenzen der Welt geladen, um die Kirche nach jahrzehntelangen Skandalen aus der Krise zu führen. Bei seiner Auftaktrede hatte er am Donnerstag selbst betont, dass die Welt nicht mehr auf die Verurteilung von Missbrauch warte, sondern auf konkrete Maßnahmen dagegen. Opfer fordern zum Beispiel, dass Vertuscher und Täter konsequent aus dem Klerikerstand entlassen werden oder die Machtstruktur und die Männerbünde in der Kirche diskutiert werden.  

Hinter diesen hohen Erwartungen blieb der Papst in seiner Abschlussrede zurück. Er nannte Missbrauch ein übergreifendes, gesamtgesellschaftliches Problem, das vor allem "Eltern, Verwandte, die Partner von Kinderbräuten, Trainer und Erzieher" betreffe. In der Kirche wiege das Problem jedoch noch schwerer. "Die Unmenschlichkeit dieses Phänomens auf weltweiter Ebene wird in der Kirche noch schwerwiegender und skandalöser, weil es im Gegensatz zu ihrer moralischen Autorität und ihrer ethischen Glaubwürdigkeit steht." Der Papst versprach: "Sollte in der Kirche auch nur ein Missbrauchsfall ausfindig gemacht werden - was an sich schon eine Abscheulichkeit darstellt, - so wird dieser Fall mit der größten Ernsthaftigkeit angegangen." Ihn erinnerte Missbrauch auch an die "grausame religiöse Praxis (...), die in der Vergangenheit in einigen Kulturen verbreitet war, nämlich Menschen - oft Kinder - bei heidnischen Ritualen zu opfern"

"Glaubwürdigkeit verloren"

Matthias Katsch vom deutschen Opferschutzverband Eckiger Tisch twitterte, die Rede sei "der schamlose Versuch, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen, ohne sich der Schuld und dem Versagen zu stellen und wirkliche Veränderung anzugehen". 

Für den Francesco Zanardi, Vertreter einer Organisation italienischer Missbrauchsopfer, ist "der Vatikan nicht mehr glaubwürdig". Die Kirche gebe sich weiterhin als Opfer aus. Auch der Brite Peter Saunders, der sich einmal in einem Ausschuss des Vatikans mit Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche befasst hatte, bezeichnete die Rede als enttäuschend. "Da ist vom Teufel die Rede, vom Bösen. Kein Wort von Null Toleranz oder dem Ausschluss von Kindervergewaltigern", sagte Saunders.

Der deutsche Kardinal Reinhard Marx zog dagegen eine positive Bilanz der Konferenz. "Vor allem ging es zunächst um den gemeinsamen, ehrlichen und realistischen Blick auf den sexuellen Missbrauch Minderjähriger in der Kirche, der eine schreckliche weltweite Realität ist", erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Es sei deutlich geworden, dass die Bischöfe die gleiche Einschätzung der Situation hätten. "Niemand von uns kann das Problem länger negieren oder gar tabuisieren." 

Marx verteidigte den Papst gegen Kritik: "Ich kann nicht erkennen, dass das nur qualmiges, nebulöses Gerede war", sagte er. Franziskus habe in seiner Rede in sieben Punkten seine Leitlinien dargestellt, die die Bischofskonferenzen nun in ihren Ländern umsetzen müssten. Marx begrüßte zudem die vom Vatikan angekündigten Schritte, die auf die Konferenz folgen sollen. Dem Papst schwebt zum Beispiel eine Art "Task Force" vor, die die Bistümer im Kampf gegen den Missbrauch unterstützen soll.

In seiner Grundsatzrede verteidigte Franziskus die Kirche gegen Kritik. Er forderte, sie müsse sich "über alle ideologischen Polemiken und die journalistischen Kalküle erheben, die oftmals die von den Kleinen durchlebten Dramen aus verschiedenen Interessen instrumentalisieren". Er sprach von einem "Gerechtigkeitswahn, der von den Schuldgefühlen aufgrund der vergangenen Fehler und dem Druck der medialen Welt hervorgerufen wird". Am Ende betonte er, dass die meisten Geistlichen unschuldig seien.

Quelle: n-tv.de, mbo/dpa/AFP

Mehr zum Thema