Panorama

 "Als würden wir erpresst" Pfizer verhandelt in Lateinamerika eisenhart

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Eine Lieferung von Pfizer/Biontech trifft am 15. Februar in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá ein.

(Foto: via REUTERS)

Der US-Pharmakonzern Pfizer verhandelt in Lateinamerika mit extremen Mitteln. "Sie werden wegen euch sterben", sollen seine Verhandler zu einer Regierung gesagt haben. Zwei Staaten brachen die Gespräche ab, weil Pfizer immer mehr forderte, sich aber kaum bewegte.

Wenn es um Verhandlungsmacht geht, stehen die Länder südlich der großen Wirtschaftsmächte in der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten hinten an. Wer keinen eigenen Impfstoff entwickelt, ist auch ein Stück weit auf den guten Willen der vorhandenen Anbieter angewiesen.

Die lateinamerikanischen Länder haben sich ganz unterschiedlich versorgt. Chile etwa verhandelte früh mit potenziellen Produzenten in aller Welt; nun impft es erfolgreich im Akkord. Auch das Produkt von Pfizer/Biontech ist dabei. Auf die deutsch-amerikanische Koproduktion haben das benachbarte Argentinien sowie Brasilien hingegen verzichtet, obwohl sie den Impfstoff hätten bestellen können. Doch sie brachen die Verhandlungen ab. Aus guten Gründen, die das "Bureau of Investigative Journalism" in Zusammenarbeit mit regionalen Medien nun veröffentlicht hat. Demnach setzte der US-Pharmakonzern lateinamerikanische Länder mit dreisten Forderungen massiv unter Druck.

Pfizer wollte den Recherchen zufolge in manchen Fällen, dass Regierungen dem Konzern ihre Botschaftsgebäude und Militärbasen im Ausland oder Teile ihrer Nationalbankreserven als Sicherheiten überschreiben, falls sie verklagt würden. Zudem sollten die Käuferstaaten offenbar jegliche mögliche Schadenersatzforderungen aus zivilrechtlichen Klagen übernehmen, falls jemand nach einer Impfung an schwerwiegenden Nebenwirkungen leiden oder gar daran sterben sollte. Dies berichteten Regierungsmitarbeiter aus Argentinien und eines weiteren Landes, dessen Vertreter wegen einer mit Pfizer unterzeichneten Verschwiegenheitsklausel nur anonym mit den Journalisten sprachen.

Insgesamt hat Pfizer mit über 100 Ländern weltweit verhandelt. Neun lateinamerikanische Länder haben Verträge mit ihm abgeschlossen: Chile, Kolumbien, Costa Rica, Dominikanische Republik, Ecuador, Mexiko, Panama, Peru und Uruguay. Von fast allen sind die genauen Bedingungen der Recherche zufolge unbekannt. Argentinien und Brasilien haben ihre Impfstoffe woanders bestellt, etwa den russischen "Sputnik V".

"Unglaubliche Starrköpfigkeit"

Vereinbarungen über Haftungsausschluss der Pharmakonzerne sind zwar nicht ungewöhnlich in einer Pandemie und bei neuen Impfstoffen, schreiben die Autoren. Ein eigens dafür vom argentinischen Kongress verabschiedetes Gesetz reichte Pfizer aber nicht aus. Das Unternehmen wollte auch im Falle von eigener Fahrlässigkeit, etwa einer unterbrochenen Lieferkühlkette oder eines falschen Impfstoffs, nicht haften. Argentinien sollte dafür geradestehen. Der US-Konzern vertraute offenbar seinem Produkt und sich selbst nicht.

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Argentiniens Regierung verzichtete auf den Pfizer/Biontech-Impfstoff: Präsident Alberto Fernández (li.) und der damalige Gesundheitsminister Ginés González García.

(Foto: AP)

"Wir hatten angeboten, Millionen von Impfdosen im Voraus zu bezahlen, (..) aber die letzte Forderung war ungewöhnlich", sagte ein argentinischer Verhandler. Pfizer wollte Dollarreserven, Botschaftsgebäude und Militärbasen als Sicherheiten für eventuelle Schadenersatzklagen. "Es war eine extreme Forderung (..), die wir sofort abgelehnt haben." Der damalige argentinische Gesundheitsminister Ginés González García sagte, der Konzern habe sich "sehr schlecht benommen. Sie legten eine unglaubliche Starrköpfigkeit an den Tag".

In Verhandlungen mit dem brasilianischen Gesundheitsministerium stellte der US-Konzern die gleichen Forderungen wie in Argentinien. Zudem sollte die brasilianische Regierung ein mit Geld gedecktes Sicherheitskonto im Ausland für Pfizer einrichten. Das Ministerium lehnte das im Januar ab. Die entsprechenden Klauseln nannte es "beleidigend".

In einem anderen Land verzögerten sich die Verhandlungen wegen der ungewöhnlichen Forderungen um drei Monate. Auch wenn solche Verzögerungen in anderen Fällen zum Geschäft gehören sollten, ist die Pandemie ein Sonderfall. "Pharmaunternehmen sollten ihre Macht nicht nutzen, um lebensrettende Impfstoffe in Ländern mit niedrigem Einkommen zu verknappen", wird Lawrence Gostin von der Weltgesundheitsorganisation WHO zitiert: "Aber anscheinend tun sie genau das." Der Haftungsschutz sollte nicht "als Damoklesschwert über den Köpfen verzweifelter Länder mit einer verzweifelten Bevölkerung hängen", urteilt Gostin.

"Sie werden wegen euch sterben"

Das US-Unternehmen teilte mit, es verkaufe seine Impfstoffe zum Produktionspreis an Länder mit niedrigem Einkommensniveau. Entwicklungsländern wolle es den gleichen Zugang ermöglichen.

Doch spätere Einigungen und Lieferungen bedeuten potenziell mehr Ansteckungen und Todesfälle in den jeweiligen Ländern. Einer der Verhandler nannte Pfizers Forderungen "Schikane auf höchster Ebene". Die Regierung fühlte sich, "als würden wir erpresst". Sie hätten die Bedingungen akzeptieren müssen, um an den lebensrettenden Impfstoff zu kommen. Der Konzern habe "guter Polizist, böser Polizist" gespielt.

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Eine Verhandlerin habe der Regierung immer wieder Druck gemacht, noch mehr vom Impfstoff zu bestellen: "Ihr werdet Menschen töten, sie werden wegen euch sterben", sagte sie demnach. Am Ende unterschrieb das Land den Vertrag und muss nun auch für mögliche Schadenersatzkosten bei Fehlern von Pfizer aufkommen.

Das US-Unternehmen wird im Jahr 2021 rund 2 Milliarden Impfdosen produzieren und liefert anscheinend nach dem Wer-zuerst-kommt-Prinzip. Die Regierung fürchtet, wegen der dreimonatigen Verzögerung erst viel zu spät an den Impfstoff zu kommen. Pfizer habe zwar vor der Unterschrift eine schnelle Lieferung versprochen, die Fristen sind jedoch nicht verbindlich. Damit hat das Unternehmen den Großteil der Risiken auf seinen Kunden abgeschoben.

Quelle: ntv.de

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