Panorama

Pflegekind und Serienstraftäter Wer ist Maddies mutmaßlicher Mörder Christian B.?

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Christian B. fiel immer wieder durch Sexualstraftaten auf.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Nach fast 15 Jahren ist die Staatsanwaltschaft sicher, den Täter im Fall Maddie McCann zu kennen und steht kurz davor, Anklage zu erheben. Der heute 45-jährige Christian B. soll der Mann sein, der das dreijährige Mädchen in Portugal entführte.

Es ist eines der größten Rätsel der Kriminalgeschichte, und deutsche Ermittler wollen es jetzt gelöst haben. Vor 15 Jahren verschwand die damals 3-jährige Maddie McCann spurlos aus einem Hotelzimmer in Portugal. Trotz jahrelanger Suche und Ermittlungen gab es nie eine heiße Spur. Nun ist die Braunschweiger Staatsanwaltschaft sicher. Der Entführer und Mörder von Maddie ist Christian B. Die Recherchen von SPIEGEL TV zeigen: Das Leben des heute 45-Jährigen geriet früh auf die schiefe Bahn.

Christian B. wird 1976 in Würzburg geboren. Seine Mutter will oder kann sich nicht um ihn kümmern. Er und sein Bruder landen bei einer Pflegefamilie in der kleinen Gemeinde Bergtheim nördlich von Würzburg. Seine Pflegeeltern bekommen dafür vom Staat Geld. Elterliche Zuneigung ist im Preis offenbar nicht inbegriffen. Ein Nachbar erzählt, dass der Pflegevater dem Jungen schon mal mit einem Gürtel auf das nackte Gesäß geschlagen habe und die Mutter auf die Beschwerde der Nachbarn entgegnet habe, die Kinder brauchen eine harte Hand.

Christian B. beging mit 17 den ersten Missbrauch

Als der Pflegevater nach einem Unfall im Rollstuhl landet, kommt die Pflegemutter mit Christian B. nicht mehr klar. Der Junge muss in ein Heim. Von hier aus geht es nur noch abwärts. Schon mit 15 Jahren begeht er die ersten kleineren Diebstähle. Als er 17 ist, versucht er sich an einem kleinen Kind zu vergehen. Auf einem Spielplatz entblößt er vor einem 6-jährigen Kind sein Geschlechtsteil und fordert das Kind zu sexuellen Handlungen auf. Als das Kind schreiend davon läuft, flieht auch Christian B.

Er wird gefasst und wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt. Es scheint ihn wenig zu beeindrucken. Nur drei Tage vor Prozessbeginn schlägt er erneut zu. Diesmal entblößt er sich vor einem 9-jährigen Mädchen, verlangt sexuelle Handlungen. Der Richter ist fassungslos. Er fragt Christian B., was er gedacht habe, als er die Hosen runter ließ. Christian B. antwortet: "Ich habe mir überhaupt nichts gedacht." Ein Gutachter kommt damals zu dem Schluss, dass davon auszugehen ist, dass er weitere Taten begehen wird. Auch deshalb muss er für zwei Jahre ins Gefängnis. Christian B. versucht sich nach Portugal abzusetzen, wird aber gefasst und muss seine Haftstrafe absitzen. Doch 1995 zieht er nach Portugal.

Christian B. ist 20 Jahre alt, als er sich für ein paar Jahre an der Algarve niederlässt. Er kellnert, jobbt als Barkeeper oder verkauft Autos aus Deutschland. Doch das ist alles nur Fassade. Tatsächlich soll er hauptsächlich von Einbrüchen und Diebstählen leben. Ob Solarpaneele oder Diesel, den er gleich fassweise klaut. Wo sich eine Gelegenheit bietet, schlägt er zu. Manfred Seyfehrt lernt den jungen Mann kennen und beschreibt B.s Geschäfte so: "Einbrüche, Solarpaneele, Diesel. Das war das Hauptgeschäft an der Algarve. Da hat er richtig Geld verdient, nicht wie wir so. Diesel haben sie fässerweise geklaut und LKW leer geräumt." Doch was wohl niemand weiß: Christian B. treibt als schwerer Vergewaltiger sein Unwesen.

2005 die erste Vergewaltigung

Es ist ein Sommerabend im Jahr 2005. Christian B. ist 28 Jahre alt. Er bricht bei einer 72-jährigen US-Amerikanerin ein. Aber diesmal geht es nicht um Diebstahl. Er hat ein anderes Ziel. Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft hat die Tat so rekonstruiert: "Er ist ins Haus eingedrungen. Er war dabei mit einem Krummsäbel bewaffnet und hatte Fesselungsmaterial dabei. Er hat die Amerikanerin schnell überwältigt. Er hat sie aufs Bett geworfen, entkleidet. Auch eher brutal. Er hat sie dann wiederholt an mehreren Stellen auch Intimstellen mit einem mitgebrachten Metallgegenstand geschlagen und dann vergewaltigt." Als Täter wird Christian B. erst viele Jahre später ermittelt. Zwei weitere Vergewaltigungen sollen ebenfalls auf sein Konto gehen.

Schon kurz nach Maddies Verschwinden flieht Christian B. nach Deutschland. Er soll gehetzt gewirkt haben, sagen Menschen, die ihn damals trafen. B. verkauft Drogen in ganz Deutschland. Mit einem riesigen amerikanischen Wohnmobil fährt er dafür bis auf die Nordseeinsel Sylt. Irgendwann wird er erwischt. Doch der vorbestrafte Sexualtäter muss nicht ins Gefängnis. Das Urteil: Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten - auf Bewährung.

Der Grund: Christian B. wird eine günstige Sozialprognose attestiert. Eine fatale Fehleinschätzung, die erst Jahre später korrigiert wird. Christian B. kehrt nur wenige Monate nach Maddies Verschwinden zurück an die Algarve. Offenbar mit seiner Freundin Nicole F. zusammen raubt er Häuser und Hotels aus. 2010 kehrt er wieder zurück nach Deutschland.

Kiosk nur Fassade

2012 eröffnet Christian B. in Braunschweig einen kleinen Kiosk. Hier lernt er auch Björn R. kennen. Die beiden werden beste Freunde. Gegenüber SPIEGEL TV erzählt Björn R. erstmals über die gemeinsame Zeit. Es sind Beschreibungen über einen Mann, der zwar sehr hilfsbereit sein, aber gleichzeitig seine andere Seiten nicht lassen kann. Er klaut, bricht in Häuser ein und begeht weitere sexuelle Straftaten. Die Ermittler wollen beweisen können, dass er die Tochter einer Ex-Freundin missbraucht. Es gibt Fotos, die Christian B. wohl selber gemacht hat. Wie schon in anderen Fällen. Die Polizei wird später hunderte Videos und Fotos finden, die Christian B. von seinen Taten aufgenommen hat. Er versteckt sie unter der vergrabenen Leiche seines Hundes. Zu der Zeit hat er eine neue Freundin. Sie ist erst 17 Jahre alt. Mehrfach zeigt sie Christian B. wegen Gewaltausbrüchen an.

B. gerät immer öfter ins Visier der Polizei. Vor allem wegen seiner sexuellen Delikte. Zudem finden sie bei einer Durchsuchung kinderpornografisches Material. Er taucht unter. Zuerst in einer Kleingartenanlage, dann in einer Industrieruine in Sachsen-Anhalt. Aber auch dort stöbert ihn die Polizei auf. Bei einer Durchsuchung des Geländes geht Christian B. den Beamten durch die Lappen, aber sie finden hier weitere Beweise.

Und sie stoßen auf Chatprotokolle aus dem Darknet. Hier offenbart Christian B. deutlich seine Fantasien gegenüber anderen Pädophilen. Es geht um Entführung und Vergewaltigung eines Mädchens. Eine Fantasie, die längst real geworden war? Offenbar merkt B., wie dicht die Ermittler ihm auf der Spur sind und flüchtet erneut. Wieder nach Portugal. Wieder an die Algarve. Doch hier kann er sich nur kurz verstecken. Eine Bekannte entdeckt auf seinem Computer Kinderpornos und schmeißt ihn raus. Er zieht weiter. 2017 wird er nach einem weiteren versuchten Übergriff auf ein Kind auf einem Spielplatz festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert. Er muss für 15 Monate ins Gefängnis. Im Hintergrund laufen aber längst weitere Ermittlungen.

Hat Christian B. Maddie McCann entführt und getötet?

Im Fall der 2005 vergewaltigten US-Amerikanerin gelingt den Ermittlern endlich der Durchbruch. Ein Haar, das man damals am Tatort gefunden hatte, kann Christian B. zugeordnet werden. Trotzdem kommt er durch einen Justizirrtum auf freien Fuß und flieht sofort wieder. Kurz danach wird er in Mailand festgenommen. Zurück in Deutschland wird er wegen der Vergewaltigung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

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Im Hintergrund arbeiten die Ermittler jedoch längst an der Lösung des noch größeren Falls. Den will man nun geklärt haben. Die Ermittler sind sicher: Christian B. hat Maddie McCann entführt und getötet. Sie sprechen von einer Vielzahl an Beweisen und Indizien. Welche, das wird die Öffentlichkeit wohl bald erfahren. Die Anklageerhebung steht kurz bevor.

Für die Dokumentation "Verdächtig im Fall Maddie - Wer ist Christian B.?" (am 26.1. um 20:15 Uhr bei VOX) hat sich SPIEGEL TV ein Jahr lang auf Spurensuche begeben und exklusiv mit Freunden und Weggefährten des Tatverdächtigen gesprochen. Dabei wurden neue Erkenntnisse über den Mann gewonnen, der möglicherweise ein Verbrechen begangen haben soll, das die ganze Welt erschüttert hat.

(Dieser Artikel wurde am Mittwoch, 26. Januar 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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