Regie führt schwuler Putin-GegnerIn Russland wegen "LGBTQ-Propaganda" verbotenes Ballett kommt nach Berlin

Die Aufführung eines Ballettstücks über einen homosexuellen Tänzer, der an Aids starb? In Russland undenkbar. Seit 2023 gelten dort strenge Gesetze gegen die Verbreitung "nicht-traditioneller Werte". In Berlin wird "Nurejew" jedoch eine Bühne erhalten.
Zweites Leben für "Nurejew": Bei seiner Premiere in Russland hochgelobt und gefeiert, verschwand das Ballett 2022 im Zuge der neuen russischen Gesetze gegen "LGBTQ-Propaganda" aus dem Programm des Moskauer Bolschoi-Theaters. Jetzt kehrt es an der Deutschen Oper in Berlin auf die Bühne zurück, inszeniert vom regierungskritischen und offen schwul lebenden russischen Regisseur Kirill Serebrennikow.
Es sei "etwas ganz Besonderes", das Stück über den berühmten Tänzer Rudolf Nurejew nun in Berlin "ein zweites Mal zum Leben zu erwecken", sagt der Brasilianer David Soares, der mit mehreren weiteren Solisten die Titelrolle tanzt. Der heute 28-Jährige war schon an der Inszenierung in Russland beteiligt, floh aber ebenso wie Regisseur Serebrennikow nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine in den Westen.
"Nurejew" zeichnet die Geschichte des preisgekrönten und offen homosexuellen Tänzers nach, der 1961 aus der Sowjetunion nach Frankreich floh und 1993 an den Folgen einer Aids-Erkrankung starb. 2023 wurde das Stück in Russland wegen angeblicher Verbreitung "nicht-traditioneller Werte" und LGBTQ-"Propaganda" verboten. Zehntausende Russen sind seither aus ihrer Heimat geflohen - ähnlich wie seinerzeit Nurejew. Viele von ihnen fanden in Berlin als inoffizieller Hauptstadt der russischen Opposition eine Zuflucht.
Serebrennikow konnte Premiere in Moskau nicht beiwohnen
Die gefeierte Premiere von "Nurejew" am Moskauer Bolschoi-Theater im Dezember 2017 konnte dessen Regisseur Serebrennikow selbst nicht miterleben - wegen strafrechtlicher Vorwürfe, die von Beobachtern als politisch motiviert eingestuft wurden, stand er damals unter Hausarrest. 2022 gelang ihm die Flucht nach Berlin, wo er heute im Exil lebt. Die Botschaft des Stückes an das westliche Publikum sei die Gleiche wie zu Zeiten der Uraufführung vor gut acht Jahren in Russland, sagt der 56 Jahre alte Regisseur: "Denn wir leben in einer Zeit, in der es an Freiheit und gesundem Menschenverstand mangelt."
Rudolf Nurejew verkörpere für ihn einen "Rebellen", der zu keiner bestimmten Epoche gehöre. Er sei vielmehr "ein Vorbild dafür, wie man gegen die graue und langweilige Normalität ankämpfen kann", sagt Serebrennikow. Für Solo-Tänzer David Soares ist es "unmöglich, Nurejew wirklich zu verkörpern". Dieser sei "mehr gewesen als ein Ballett-Star, er war eine Persönlichkeit", sagt der 28-Jährige. Zur Vorbereitung auf die Rolle habe er sich Nurejew-Interviews angeschaut, "um sein Verhalten zu studieren, seine Art zu stehen, zu gehen und mit Leuten zu reden".
Als Tänzer habe Nurejew einen "einzigartigen" Stil gehabt, mit "explosiven Sprüngen, extremem Ausdruck und einer künstlerischen Freiheit in jedem Sinne des Wortes". In Berlin wird "Nurejew" ab dem kommenden Samstag mit kleinen Abweichungen praktisch in der gleichen Choreographie zu sehen sein wie bei seiner Premiere 2017 in Moskau. Dies sei die Bitte des Intendanten des Berliner Staatsballetts gewesen, sagt Serebrennikow.