Konzert mit bunten InstrumentenRiccardo Muti dirigiert hinter Gittern
Von Andrea Affaticati, Mailand
Der italienische Stardirigent Riccardo Muti tritt zusammen mit seinem Orchester in einem Mailänder Gefängnis auf. Die Musiker und Musikerinnen spielen unter anderem auf bunten Streichinstrumenten, die von Häftlingen gebaut wurden. Das Holz hat einen ganz besonderen Ursprung.
Was die Musik betrifft, soll der Heilige Franz von Assisi gesagt haben: "Schon ein kleines Lied kann viel Dunkel erhellen". Diese Feststellung passt bestens zu dem Konzert, das der international geschätzte Dirigent Riccardo Muti an diesem Samstag dirigieren wird - an einem ganz besonderen Ort und vor einem ganz besonderen Publikum.
Die Rede ist vom Gefängnistheater der Strafvollzuganstalt in Opera, einem der drei Mailänder Gefängnisse, in dem man immer wieder neue Wege beschreitet, um die Welten innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern in Verbindung zu bringen. Eine Aufgabe, auf die auch der zweite Absatz von Artikel 27 der italienischen Verfassung hinweist. Dort heißt es: "Die Strafen dürfen nicht in einer gegen die Menschlichkeit verstoßenden Behandlung bestehen; sie dienen der Resozialisierung des Verurteilten."
Es ist nicht das erste Mal, dass Muti sein Jugendorchester Cherubini hinter Gitter bringt. Sogar in den Jugendhaftanstalten von Chicago hat er Konzerte gegeben. In Opera sind auch der Chor La Nave di San Vittore, bestehend aus Häftlingen der Mailänder Strafanstalt San Vittore und Freiwilligen, mit dabei sowie "ehemalige willige Chorsänger der Scala" (Ex Scaligeri di buona volontà) und die Sopranistin Rosa Feola.
Der Maestro engagiert sich schon seit Längerem im sozialen Bereich. Und zwar mit dem Projekt "Le vie dell'amicizia" (Die Straßen der Freundschaft). Es startete 1997 und hat zum Ziel, Brücken zu Städten zu schlagen, die von zerstörerischen Ereignissen heimgesucht wurden.
Das erste Konzert fand gleich 1997 im Stadium von Sarajevo statt. Damals lag die Belagerung der Stadt durch die Armee der bosnischen Serben noch kein Jahr zurück. In einem Interview mit der Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" erzählt Muti von dem Ereignis und von einem Schriftsteller, der für eine Untergrundzeitung einen Beitrag dazu schrieb. "Er bedankte sich auch bei uns, weil wir, wie er schrieb, seiner Mutter, die dem Konzert beigewohnt hatte und zutiefst ergriffen war, die Würde zurückgegeben hätten."
Lieber "Macbeth" statt Rap
Für Muti ist es etwas ganz anderes, für einen guten Zweck vor einem ausgewählten Publikum zu spielen, oder vor Menschen, die gerade in Schwierigkeiten stecken. Das gilt natürlich auch für das Publikum in einem Gefängnis. Außerdem weiß dort nicht jeder, wer er ist. Und wenn, dann stellt sich so mancher die Frage: "Was macht der hier?"
Argwohn und Misstrauen verfliegen aber zum Glück schnell. Ihn überrasche stattdessen immer wieder aufs Neue, "dass es nicht schnelle, rhythmische Musik ist, die die Zuhörer mitnimmt, sondern vielmehr eine bedachte, in die Tiefe gehende". Auch unter den jungen Sträflingen in Chicago sei das so gewesen.
Nicht Jazz, Rap oder Hip-Hop riss sie mit, sondern Giuseppe Verdis "Macbeth". Ein paar junge Mädchen um die 15, 16 Jahre alt, die wegen schwerer Straftaten im Gefängnis waren, lasen Passagen aus Shakespeares Werk und auch ihnen merkte man eine tiefe Ergriffenheit an.
Bei dem Konzert in Opera ist aber nicht nur das Publikum ein besonderes, hinzu kommt das "Orchestra del Mare" mit kunterbunten Streich- und Saiteninstrumenten. Bunt, wenngleich ein wenig verwaschen und ausgeblichen sind sie, weil ihr Holz von den Booten stammt, mit denen Migranten und Migrantinnen über das Mittelmeer auf die sizilianische Insel Lampedusa gekommen sind oder es versucht haben. Daher der Name "Orchester des Meeres".
Instrumente aus der Gefängnisschreinerei
Eine weitere Besonderheit ist, dass es die Häftlinge im Gefängnis von Opera und in dem neapolitanischen von Secondigliano sind, die die Instrumente gebaut haben. Wieder ein Projekt, das auch jenen, die Fehler gemacht haben, doch noch eine Chance gibt. Das Projekt, das die Entstehung des Orchestra del Mare ermöglich hat, heißt "Metamorfosi". Es wurde 2012 von der Mailänder Stiftung "Casa dello Spirito e delle Arti" initiiert und wird von dieser bis heute weitergeführt.
Es begann mit einer Schreinerwerkstatt im Gefängnis von Opera, die langsam und unter der Leitung eines Geigenbauers immer mehr zu einer Werkstatt für Streichinstrumente mutierte. 2021 war dann die erste Geige oder besser gesagt der erste "Violino del mare" fertig. Der Komponist Nicola Piovani schrieb extra für diesen Anlass das Stück "Il canto del legno" (Der Gesang des Holzes), das zum ersten Mal am 4. Februar 2022 vor Papst Franziskus aufgeführt wurde.
Mittlerweile besteht das Orchester aus 48 Instrumenten, darunter Geigen, Violoncelli, Cembali, sowie klassische, elektrische Gitarren und Mandolinen. Die drei Letztgenannten werden im neapolitanischen Secondigliano gebaut, die anderen in Opera.
"Musik überwindet alle Barrieren", meint Arnoldo Mosca Mondadori, die treibende Kraft der Stiftung. "Egal ob man religiös ist oder nicht, egal ob man politisch links oder rechts orientiert ist."
Auf dem Programm für den Auftritt in dem Gefängnis in Opera stehen Vivaldis Konzert in La-Dur für Streicher und Cembalo und Stücke aus Opern von Giuseppe Verdi - von der Ouvertüre und dem "Va, pensiero" aus "Nabucco" bis hin zum "Ave Maria" aus "Otello". Wie schon in einer der Jugendstrafanstalten in Chicago werden inhaftierte Frauen Texte vortragen - dieses Mal allerdings von ihnen selbst geschriebene.
In einer schriftlichen Stellungnahme wies Gefängnisdirektorin Rosalia Marino einerseits auf die "erzieherische und rehabilitierende Funktion" der Haft hin, andererseits aber auch darauf, dass man die "Identität der Häftlinge" nicht vergessen dürfe. Sie selbst habe erlebt, mit welch "großer Begeisterung" diese zusammen mit dem Gefängnispersonal an den Vorbereitungen des Konzerts teilgenommen haben. Was wiederum "die Macht der Kultur und der Schönheit" beweise, die "den Wandel des Einzelnen aber auch einer Strafvollzugsanstalt" ermöglicht. Und es vermag Licht in die Dunkelheit zu bringen.