Panorama

Der Corona-Gefahr ausgesetzt Risikopatientin muss zurück nach Berlin

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Von vielen Berlinern werden die Corona-Regeln eher großzügig ausgelegt.

(Foto: picture alliance / Global Travel Images)

Weil sie Hochrisikopatientin ist, hat sich eine Berlinerin in den vergangenen Monaten auf Rügen abgeschottet. Wegen der neuen Regelungen muss sie nun zurück in die Hauptstadt. Obwohl die Infektionsgefahr für sie damit erheblich steigt, scheint niemand berechtigt, das abzuwenden.

Obwohl sie Ärztin ist, kann Marie F. den Gefahren im Alltag normalerweise mit etwas Vorsicht gut aus dem Weg gehen. Die 31-Jährige leidet an Mukoviszidose, einer angeborenen Stoffwechselerkrankung. Da die Krankheit vor allem die Lunge betrifft und zu Husten, Atemnot und Entzündungen führen kann, ist F. besonders stark durch das Coronavirus gefährdet. Deshalb isolierte sich die junge Frau, die eigentlich in Berlin lebt und dort in einer dermatologischen Praxis arbeitete, seit einem halben Jahr auf Rügen. Die Familie eines Schulfreundes besitzt dort Ferienhäuser und hatte ihr angeboten, gemeinsam mit ihrer nierentransplantierten Freundin auf der Insel unterzukommen.

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Marie F. ist als Mukoviszidose-Patientin besonders gefährdet.

(Foto: privat)

Seitdem lebte die gebürtige Darmstädterin dort wie in einer kleinen Kommune. Sie konnte mit ihren Mitbewohnern gemeinsam einkaufen und essen oder einfach auf der Couch sitzen. "Das tat total gut", erzählt F. ntv.de. Weil sie viel Natur um sich hatte und wegen des Beherbergungsverbots nur wenige Menschen auf der Insel waren, konnte sie sich problemlos draußen aufhalten, ohne Angst vor einer Infektion zu haben.

Besonders schön war es für F., sich vom ersten halben Jahr der Pandemie zu erholen, in dem sie selten draußen war und wenn, nur mit Abstand und Mundschutz. "Berlin ist ein schwieriges Pflaster und die Menschen halten sich oft nicht an die Regeln", sagt F. Trotzdem muss sie dorthin nun wieder zurück. Genauer gesagt nach Neukölln - den Stadtteil mit der zweithöchsten Inzidenz in den vergangenen sieben Tagen in der Hauptstadt.

Nicht-Einheimische müssen raus

Weil Mecklenburg-Vorpommern die Corona-Maßnahmen verschärft, müssen alle das Bundesland verlassen, die dort nicht ihren Erstwohnsitz haben. Und der ist für F. in Berlin, obwohl sie für die Wohnung auf Rügen einen Mietvertrag hat. Jeder, der sich bereits im Bundesland befindet, muss ausreisen. Ausnahmen gibt es nur für Menschen, die dort aus beruflichen Gründen oder wegen bestimmter Termine hinmüssen.

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Auf Rügen konnte Marie F. ohne Angst vor einer Ansteckung leben.

(Foto: picture alliance / Zoonar)

Verzweifelt durchstöberte F. das Internet nach anderen Sonderregelungen, einem Schlupfloch, das es ihr ermöglicht, auf Rügen zu bleiben. Während ihre Vermieterin mit der Bürgermeisterin der nächst größeren Stadt sprach, schrieb F. eine E-Mail nach der anderen. Landräte, Landtag, Bundestagsabgeordnete, Bürgermeister, das Landesamt für Gesundheit und Soziales: "Ich glaube, ich habe ganz Mecklenburg-Vorpommern informiert." Sogar Ministerpräsidentin Manuela Schwesig schilderte sie ihre Lage.

Die junge Frau bekam auch recht schnell Antworten: "Alle waren sehr emphatisch und bemüht, sagten, sie würden gerne helfen, seien aber nicht berechtigt." Ein Landrat leitete ihre E-Mail an einen Amtsarzt weiter, der sich fachlich klar dafür aussprach, dass F. auf der Insel bleiben sollte. Doch auch er sei nicht dazu befugt, das zu entscheiden, er leitete das Anliegen an den Landkreis weiter.

"Entspannte Zeit ist vorbei"

"Viele Menschen sind informiert, gleichzeitig bleibt aber nicht viel Zeit", sagt F. Wer unrechtmäßig im Bundesland bleibt, kann mit 10.000 Euro Bußgeld und einer Anzeige bestraft werden. Das möchte F. nicht riskieren und reist daher nun ab. Die Hoffnung bleibt, dass sich in der kommenden Woche noch jemand meldet und sie vielleicht auf die Insel zurückkehren kann.

Bis dahin geht es zurück ins Großstadtleben. "Das heißt, dass die entspannte Zeit erst einmal vorbei ist", sagt F. Da in ihrem Bekanntenkreis nur vereinzelt Menschen geimpft sind und auch sie selbst erst ihre erste Dosis bekommen hat, muss sie sich nun wieder isolieren: "Mehr zurückziehen, weniger Kontakte, wieder in einer vollen Stadt mit Menschen, die wenig rücksichtsvoll sind, wenig aufeinander aufpassen und wenig Verständnis haben."

Unter solchen Umständen zu leben, ist für F. sehr anstrengend und verbraucht viel ihrer Energie, mit der sie ohnehin sparsam umgehen muss. Zurzeit geht es der jungen Frau dank einer sogenannten Modulatortherapie sehr gut. Dabei muss sie drei Tabletten am Tag nehmen, ab und zu inhalieren und auf ausreichend Bewegung achten.

Doch sie erinnert sich auch noch gut daran, wie ihr Leben vor dieser Therapie aussah. Täglich schleimlösende und Bronchien-erweiternde Mittel, Antibiotika, stundenlanges Inhalieren und regelmäßige Infusionen. "Da musste ich viel mehr mit meinen Energiereserven jonglieren", sagt F. Corona hält ihr nun immer wieder vor Augen, dass da ein großer Risikofaktor ist, der ihren jetzigen Gesundheitszustand gefährdet. "Ich will nicht zurück zu dem, wie es vorher war."

Und plötzlich sind da Grenzen

F. kann die strengeren Maßnahmen nachvollziehen. Sie weiß, dass die Zahlen sehr hoch sind und gerade in Mecklenburg-Vorpommern stark ansteigen. "Ich verstehe, dass man da einen Schritt zurückgeht und finde das auch richtig." Gleichzeitig sieht sie jedoch nicht ein, dass Leute, die schon lange auf der Insel sind und nicht pendeln, trotzdem ausreisen müssen. Vor allem ist sie jedoch von den anscheinend nicht vorhandenen Handlungsmöglichkeiten geschockt.

"Ich finde es erschreckend, dass es diese Verordnung seit Tagen gibt, aber keiner in der Lage ist, wirklich etwas zu entscheiden", sagt F. Für sie macht es den Eindruck, als habe niemand irgendwelche Rechte, die er einsetzen kann. "Es gibt das Gesetz, das von oben entschieden wurde, aber keine anderen Handlungsmöglichkeiten." Das merke sie deutlich an ihren E-Mails, die von Landrat zu Arzt, von Arzt zu Landkreis weitergeleitet werden. "Es wäre prägnant für die politische Ausführung, wenn da jetzt wirklich niemand etwas machen kann", findet die junge Frau.

Alarmierend ist für sie außerdem, dass es plötzlich innerhalb Deutschlands Länder gibt und Grenzen existieren. Es sei immer die Rede davon, man müsse "das Land" verlassen. "Das find ich schon sehr befremdlich." Seit September 2020 war F. nie länger als ein paar Tage in Berlin. Eventuell hat sie noch die Möglichkeit, in eine leere Wohnung in der Nähe von Darmstadt zu gehen, sicher ist das jedoch nicht. Bis sie eine Rückmeldung auf ihre zahlreichen E-Mails bekommt, "bleibe ich erstmal in Berlin und schaue, wie es sich anfühlt".

Quelle: ntv.de

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