Panorama

"Empörend und beschämend" Römer können ihre Toten nicht beerdigen

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Ein Arbeiter versprüht Desinfektionsmittel auf dem Friedhof Velletri.

(Foto: dpa)

In Rom warten etwa 2000 Särge seit Monaten darauf, eingeäschert zu werden. Angehörige verzweifeln an der herzlosen Bürokratie: Ein Unternehmer tapeziert die Stadt mit Plakaten, Bestatter starten eine Protestaktion und ein Vater fordert die Asche seiner siebenjährigen Tochter zurück.

Dario war 24 Jahre alt und litt seit seiner Kindheit an einer unheilbaren Krankheit. Vor zwei Monaten ist er gestorben. Seitdem warten seine Eltern darauf, ihn bestatten zu dürfen. Zwei Monate sind eine unglaublich lange Zeit für ein Land wie Italien, das seine Toten eigentlich binnen 48 Stunden beerdigt oder nach maximal 72 Stunden einäschert. Auf Twitter schrieb Darios Vater, der Parlamentsabgeordnete Andrea Romano, am vergangenen Donnerstag: "Heute ist es zwei Monate her, dass mein Sohn Dario nicht mehr bei seiner Mutter, seinen Geschwistern und mir ist. Die AMA (Roms städtisches Unternehmen für Müllentsorgung, Umweltschutz und Bestattungen, Anmerkung d. Red.) kann keinen Bestattungstermin angeben, der einer zivilisierten Stadt würdig ist. Die AMA kann überhaupt keinen Termin angeben. Eine Schande, die ihresgleichen sucht."

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"Wir bitten Sie um Entschuldigung. Aber uns wird nicht erlaubt, Ihre Lieben zu bestatten", ist auf diesem Bestattungswagen bei einem Protest zu lesen.

In Interviews mit italienischen Medien sagte Romano, er habe wegen seiner Position lange gezögert, diesen Tweet zu schreiben. Doch irgendwann sei die Situation unerträglich geworden. An die Bürgermeisterin von Rom, Virginia Raggi, gewandt, fügte er hinzu: "Ich will nicht Ihre Solidarität, ich will Antworten und Taten." Raggi reagierte nach Verbreitung der Nachricht bestürzt und rief die AMA-Vorsitzenden zu sich.

So traurig Darios Geschichte ist, sie ist in Rom kein Einzelfall. Laut Medienberichten sollen in der Ewigen Stadt seit Wochen 2000 Särge darauf warten, eingeäschert zu werden. Die drei Friedhöfe der Stadt sind restlos überfordert. In einer Reportage des italienischen Staatsfernsehens sieht man, wie zahllose Särge einfach in Räumen aufbewahrt werden, weil alle Kühlzellen belegt sind. Szenen, die die Hinterbliebenen zur Verzweiflung bringen.

"Tut mir leid, Mamma"

Über alle Maße entrüstet war auch Oberdan Zuccaroli. Seine 85-jährige Mutter starb am 8. März an einem Herzinfarkt, seine 90-jährige Tante schon im Januar an Altersschwäche. Beide waren im Krankenhaus, weswegen er sie wegen der Corona-Pandemie nicht besuchen konnte. Das sei schon schmerzhaft genug gewesen, sagt Zuccaroli. Dass Mutter und Tante aber nicht bestattet werden konnten, habe das Fass bei ihm zum Überlaufen gebracht. Zuccaroli besitzt ein Plakatierungsunternehmen und beschloss, Rom mit 250 großformatigen und mehreren digitalen Plakaten zu tapezieren. Auf ihnen las und liest man noch immer: "Tut mir leid, Mamma, dass ich dich noch nicht bestatten lassen kann."

"Die Lage ist in der Tat empörend und beschämend für eine Hauptstadt der EU", sagt Gianluca Fiori, der Vorsitzende des römischen Verbands der Bestattungsunternehmen Assifur, gegenüber ntv.de. "Empörend finde ich aber auch, dass es erst einen Politiker treffen musste, bis endlich die höheren Ebenen diese Schande, die seit Monaten andauert, zur Kenntnis genommen haben."

Fiori ist 54 Jahre alt und ein Leben lang als Bestatter tätig, das Unternehmen hat er von seinem Vater übernommen. Er weiß vom Schmerz der Angehörigen, die sich an ihn wenden und von ihm Antworten erwarten, die er ihnen nicht geben kann. Vorige Woche protestierten in Rom mehrere Bestattungsunternehmer. Auf ihren Bestattungswagen hatten sie Plakate befestigt, auf denen zu lesen war: "Wir bitten Sie um Entschuldigung. Aber uns wird nicht erlaubt, Ihre Lieben zu bestatten."

Fiori weiß, wie es so weit kommen konnte. "Bis Anfang der 90er-Jahre wurden die römischen Friedhöfe direkt von der Stadt verwaltet, die machte damit auch ein gutes Geschäft. Mit den Friedhof-Einnahmen wurden die Grünflächen in der Stadt gepflegt, Kindergärten finanziert und auch der städtische Zoo." Mit der Gründung der AMA, der Azienda Municipale Ambiente, deren einziger Gesellschafter die Gemeinde Rom ist, habe sich alles zum Schlechteren gewendet, so Fiori.

Und in der Tat steht die AMA immer wieder unter heftiger Kritik, früher schon wegen der miserablen Müllentsorgung, jetzt wegen der Friedhöfe. "Für eine Bewilligung zur Einäscherung braucht die AMA 30 bis 45 Tage, in anderen italienischen Städten sind es gerade einmal 72 Stunden", fährt Fiori fort. Und nicht nur das: Es mangele an neuen Gräbern. Auch ein Angehöriger, der einen Toten in einem Familiengrab bestatten lassen möchte, müsse eine halbe Ewigkeit auf die Genehmigung warten. Obwohl die Krematorien seit April letzten Jahres auch Samstag und Sonntag arbeiten dürfen, "war das hier in Rom nie der Fall".

Siebenjährige "eine Geisel des Friedhofs"

Die AMA will die Kritik nicht auf sich sitzen lassen und verweist auf die rasant gestiegenen Zahlen der Einäscherungen, 2006 waren es 6000 in einem Jahr, 2017 waren es 17.000. Schon da seien die sechs städtischen Krematorien am Limit gewesen, "mit den Covid-Opfern sind sie überfordert." Wobei die Tageszeitung "La Repubblica" hinzufügt, dass zwei der sechs Krematorien seit Längerem außer Betrieb sind. "Von wegen Notstand", sagt auch Fiori. 2017 hätte es mehr Verstorbene in der Stadt gegeben als 2020. "Die können das einfach nicht."

In den Augen der Römer hat die AMA noch ein weiteres Problem: das herzlose bürokratische Vorgehen. In einem Eintrag auf Facebook schrieb unlängst Simone, ein junger Vater: "Meine siebenjährige Tochter, die am 2. Februar gestorben ist, ist eine Geisel des Friedhofs Prima Porta." Auf seine dringende Bitte, ihm die Asche seiner Tochter auszuhändigen, habe er, "ich zitiere wortwörtlich, folgende Antwort erhalten - 'es handelt sich hierbei nicht um eine dringende Handlung'. Doch die Asche meines Kindes abzuholen, ist für mich im Moment das Dringendste, was es gibt."

Nach dem Treffen mit Bürgermeisterin Raggi hat die AMA wissen lassen, dass man ab sofort die Verwaltungsverfahren zur Einäscherung vereinfachen und beschleunigen werde. Das städtische Unternehmen sprach außerdem all jenen "die in dieser außerordentlichen Zeit einen Toten zu beklagen haben", ihre Anteilnahme aus. Man werde alles unternehmen, "um auch die indirekten Folgen der Pandemie so gut es geht zu lindern". Schwer zu glauben, dass diese Worte, mit denen die AMA weiter versucht, die Verantwortung zumindest zum Teil von sich zu weisen, die Angehörigen versöhnen werden.

Quelle: ntv.de

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