Panorama

Polit-Rundgänge in Gummistiefeln Rom verhängt Notstand über Venedig

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Italiens Ex-Premier Silvio Berlusconi eilt an den Ort des Hochwassers.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Touristen lassen sich von den Fluten nicht schrecken. Im Gegenteil: Venedig unter Wasser ist als Fotomotiv fast noch besser. Die Anwohner macht das wütend. Derweil besuchen Premier Conte und Ex-Premier Berlusconi die geplagte Stadt - in Gummistiefeln.

Nach dem schlimmsten Hochwasser in Venedig seit mehr als 50 Jahren hat die italienische Regierung in der Lagunenstadt den Notstand verhängt. Das Kabinett habe den Notstand gebilligt, teilte Ministerpräsident Giuseppe Conte am Abend auf Twitter mit. 20 Millionen Euro sollten "für die dringendsten Maßnahmen" bereitgestellt werden, fügte er hinzu. Weite Teile der Lagunenstadt stehen weiterhin unter Wasser.

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Notstand und 20 Millionen Euro Soforthilfe: Premier Conte macht sich vor Ort ein Bild.

(Foto: AP)

Das "Acqua Alta" war in der Nacht zum Mittwoch auf einen Pegel von 1,87 Meter gestiegen. Der Markusplatz und die Krypta des Markusdoms waren überflutet. Das von Regen, Wind und den Gezeiten verursachte Hochwasser stieg allerdings nicht mehr weiter, am Freitag sollte es dann bei 1,45 Meter liegen. Nur einmal seit Beginn der Aufzeichnungen hatte das Wasser noch höher gestanden: 1966 lag der Pegel bei 1,94 Meter.

Schulen und Museen in Venedig blieben geschlossen. Conte nahm in der Stadt an einer Krisensitzung teil und besuchte Ladenbesitzer, deren Geschäfte durch das schmutzige Salzwasser verwüstet wurden. "Ich lebe davon. Was soll ich sonst machen?", sagte der 54-jährige Stefano Gabbanato, der seinen Zeitungskiosk am Dogenpalast bis zum nächsten Hochwasser wieder geöffnet hat - und derzeit vor allem Gummistiefel verkauft. Die Hochwasserkatastrophe sei "ein Stich in das Herz unseres Landes", sagte Conte.

Tolle Erfahrung: "Touristen machen Fotos, wir leiden"

Auf dem Markusplatz wateten unbeirrt Touristen durch die Pfützen und machten Selfies mit den Überschwemmungen im Hintergrund. "Es ist komisch. Touristen machen Fotos, während die Stadt leidet", sagte die österreichische Touristin Cornelia Litschauer. Der Hongkonger Jay Wong berichtete, seine Venedig-Reise sei durch das Hochwasser "ein Abenteuer" und eine "tolle Erfahrung" geworden.

Nach dem schlimmen Hochwasser am Dienstagabend waren viele Anlegestellen für die berühmten Touristen-Gondeln weggerissen worden. Ein 78-jähriger Mann wurde durch einen Stromschlag getötet, als Wasser in sein Haus eindrang. Nach Angaben des Präsidenten der Region Venetien, Luca Zaia, standen zeitweise 80 Prozent der Stadt unter Wasser. Bürgermeister Luigi Brugnaro bezifferte die Schäden auf mehrere hundert Millionen Euro und machte den Klimawandel für die Katastrophe verantwortlich. Der Bürgermeister machte mit dem früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi einen Gummistiefel-Rundgang über den Markusplatz. 

Conte will über "Probleme Venedigs" beraten

Conte kündigte vor der Verhängung des Notstandes bereits Entschädigungszahlungen an, die für Bewohner bei 5000 Euro und für Geschäftsleute bei 20.000 Euro liegen sollten. Übernächste Woche soll zudem eine Sonderkommission über die "Probleme Venedigs" beraten, kündigte Conte weiter an. Dabei solle es auch um ein geplantes Anlegeverbot für große Kreuzfahrtschiffe und ein umstrittenes Hochwasserschutzsystem gehen, das die Lagunenstadt mit schwimmenden Barrieren schützen soll.

Das Großprojekt Mose ist schon seit 2003 in Bau, aber immer noch nicht funktionstüchtig. Ursprünglich waren dafür zwei Milliarden Euro veranschlagt, mittlerweile hat der Bau schon sechs Milliarden Euro verschlungen. Conte sagte nun, der Bau sei mittlerweile zu 93 Prozent abgeschlossen und "wahrscheinlich" im Frühjahr 2021 fertig. Zuletzt hatten Ingenieure entdeckt, dass Teile der Konstruktion verrostet waren.

Quelle: n-tv.de, mau/AFP