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"Die ganze Welt ist gegen uns" Russischer Militärexperte äußert sich im Staats-TV pessimistisch

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Kaum zu glauben: Der russische Militärexperte Michail Chodarenok beschönigt im Staatsfernsehen nicht die Lage in der Ukraine, vielmehr klingt er erstaunlich negativ: Der Gegner werde mithilfe des Westens immer stärker, die eigene Armee könne nicht mithalten, die ganze Welt sei gegen Russland, sagt er.

Jeder, der in Russland offen seine Meinung zum Krieg in der Ukraine äußert, riskiert Freiheit, Leib und Leben. Umso erstaunlicher ist, dass der ehemalige russische Oberst Michail Chodarenok im Staatsfernsehen des Landes offen seine Meinung zu Putins "Sonder-Militäraktion" sagt. Er wischt die offizielle Propaganda zur Seite und erklärt, von linientreuen Zwischenfragen der Moderatorin unbeirrt, wie schlecht es tatsächlich um die russische Armee im Nachbarland steht.

Man dürfe keine Informations-Beruhigungsmittel nehmen, sagte Chodarenok gleich zu Beginn seiner Ausführungen. Die Berichte über einen moralischen und psychischen Zerfall der ukrainischen Armee seien, "um es gelinde auszudrücken, falsch". Es gäbe natürlich Einzelfälle, aber im Großen und Ganzen sei die strategische Situation die, dass die ukrainische Armee in der Lage sei, eine Million Menschen zu bewaffnen. Für Russland sei es zwar auch kein Problem, eine Million Menschen zu mobilisieren, so der Ex-Oberst. Die Frage sei aber, in welchem Umfang man diese Armee mit modernen Waffen und Hardware ausrüsten könne.

Alleine sei die Ukraine dazu nicht in der Lage, erklärte Chodarenok. Man müsse aber berücksichtigen, dass das US-amerikanische Land-Lease-Programm kurz vor der Verabschiedung stehe und der Widerstand eines einzelnen Senators schnell überwunden sei.

"Unsere Situation wird schlimmer"

Der Militärexperte meint damit ein Gesetz, das - wie zuletzt im Zweiten Weltkrieg bei der Unterstützung der Alliierten - dem US-Präsidenten gestattet, der Ukraine ohne langwierige Abstimmungsprozesse Militärhilfe im großen Umfang zu gewähren. Ein erstes 40-Milliarden-Paket scheiterte allerdings vergangenen Donnerstag vorerst am Widerstand des republikanischen Senators Rand Paul aus Kentucky.

Zusätzlich erwartet Chodarenok, dass die europäische Militärhilfe bald voll zum Tragen kommt. Dadurch müssten letztendlich eine Million bewaffnete ukrainische Soldaten als Realität betrachtet werden. Daher sei es notwendig, bei den operativen und strategischen Kalkulationen zu berücksichtigen, "dass die Situation in dieser Hinsicht, offen gesagt, für uns schlimmer wird".

"Kampfmoral entscheidend"

Als die Moderatorin einwendet, dass es doch letztendlich auf die Anzahl der professionellen Soldaten ankomme, antwortete der Ex-Oberst, das professionelle Niveau einer Armee werde nicht durch die Anzahl ihrer Berufssoldaten, sondern durch den Ausbildungsstand ihres Personals, dessen Moral und Bereitschaft, für ihr Vaterland ihr Blut zu vergießen, bestimmt. Auch eine Wehrpflichtigen-Armee könne hochprofessionell sein. Die Art und Weise, wie sie ihr Personal rekrutiere, sei dafür nicht ausschlaggebend.

In Russland habe sich sehr stark das Dogma in den Köpfen der Menschen verankert, ein Soldat mit Vertrag sei ein Profi, so Chodarenok. Weit gefehlt, der Wunsch, das Heimatland zu schützen, was in der Ukraine wirklich der Fall sei, der Wille bis zum letzten Mann zu kämpfen, sei entscheidend. Dies sei eine der wichtigsten Komponenten der Kampfbereitschaft einer Armee. Wie es schon im Marxismus-Leninismus geheißen habe, hänge der Sieg auf dem Schlachtfeld letztendlich von der Moral der Truppe ab, die für eine Idee ihr Blut vergießen soll, sagte er. Exakt darum gehe es jetzt.

"Schluss mit Säbelrasseln in Richtung Finnland!"

Auch zu Russlands Reaktion auf den angekündigten NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens hat der Ex-Oberst eine sehr klare Meinung. In diesem Geschäft gehe es immer darum, einen militärpolitischen Realismus zu bewahren. Früher oder später werde man von der historischen Realität so hart getroffen, dass man es bedauern werde. Das Wichtigste sei jetzt, mit dem Säbelrasseln aufzuhören und nicht mit Raketen in Richtung Finnland zu drohen.

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Russlands militärpolitisches Hauptproblem sei, dass man in gewisser Weise geopolitisch total isoliert sei, erklärte der Ex-Oberst. "Und auch wenn wir es nur ungern zugeben, ist praktisch die ganze Welt gegen uns. Das ist die Situation, aus der wir herauskommen müssen."

Es war nicht das erste Mal, dass Chodarenok im russischen Staatsfernsehen erstaunlich offen redete. Schon vor einer Woche äußerte er sich skeptisch zur Wirksamkeit einer möglichen Mobilmachung. Vor Ende des Jahres würde man keine neuen Panzer, Flugzeuge oder Schiffe haben. Und Menschen mit veralteten Waffen in einen Krieg des 21. Jahrhunderts zu schicken, sei falsch.

Quelle: ntv.de, kwe

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