Panorama

Missstände in Fleischindustrie Schlachthöfe bekommen Corona nicht in Griff

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Missstände in der Fleischindustrie sind seit Jahren ein Thema. Das Virus bringt es nun wieder auf die Tagesordnung.

(Foto: imago images/Westend61)

Zum wiederholten Mal wird ein großer Schlachtbetrieb zum Corona-Hotspot. Dieses Mal trifft es in Rheda-Wiedenbrück mehr als 650 Arbeitnehmer. Was steckt dahinter - und hat die Branche aus der ersten Ansteckungswelle nichts gelernt?

Welche Informationen gibt es zum aktuellen Fall?

Im Fokus des aktuellen Corona-Ausbruchs in einem Schlachtbetrieb steht der bundesweit bekannte Fleischfabrikant Tönnies. Rund 650 Mitarbeiter im Schlachthof und Fleisch-Zerlegebetrieb im ostwestfälischen Kreis Gütersloh sind positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Fabrik gehört Clemens Tönnies, der als Aufsichtsratsvorsitzender des Bundesligisten FC Schalke 04 auch in der Sportwelt ein bekanntes Gesicht ist.

Das NRW-Gesundheitsministerium kündigte an, im Gesundheitsausschuss des Landtages ausführlich zu informieren. Am Dienstag hatte das Unternehmen von 128 positiv auf das Virus getesteten Mitarbeitern gesprochen und Maßnahmen zugesagt, die Ausbreitung einzudämmen.

Bei einem groß angelegten Corona-Reihentest durch die Behörden nach einem Ausbruch in einer Fleischfabrik im Kreis Coesfeld im Mai waren bei Tönnies zunächst nur wenige Fälle festgestellt worden. Nach Unternehmensangaben wurde allerdings bei späteren Tests ein Infektionsherd identifiziert. Obwohl alle Kontaktpersonen von Infizierten damals vorsorglich in Quarantäne geschickt worden seien, habe es weitere Infektionen in dem Schweinefleisch-Zerlegebetrieb gegeben.

Welche Folgen hat das für den Kreis Gütersloh?

Aufgrund der vielen Fälle sind nun 7000 Menschen in Quarantäne. Auch Schulen und Kindergärten mussten im gesamten Kreis geschlossen werden.

Was ist über andere Fälle in Schlachtbetrieben bekannt?

In den vergangenen Wochen kam es immer wieder zu größeren Corona-Infektionen in Schlachtbetrieben. Betroffen waren unter anderem ein Betrieb im Kreis Coesfeld und ein niederländisches Unternehmen an der Grenze zu Deutschland. Diese Vielzahl an Covid-19-Fällen in dieser bestimmten Branche hatten zu einer großen Diskussion über die Missstände in der Branche geführt.

Warum sind ausgerechnet die Fleischbetriebe so stark betroffen?

Die Gründe sind vielschichtig: Als mutmaßliche Gründe für die neuen Infektionen nannte Tönnies die Rückkehr von Arbeitern nach Heimaturlauben. Viele der häufig aus Rumänien und Bulgarien stammenden Beschäftigten hätten die langen Wochenenden für Reisen genutzt. Allerdings ist die Zahl der bestätigten Infektionen, auf die Zahl der Einwohner gerechnet, in diesen Ländern vergleichsweise gering. Außerdem beförderten offenbar gekühlte Räume das Übertragen des Virus auf viele Personen, so Tönnies-Vertreter Gereon Schulze Althoff. "Wir können uns nur entschuldigen", sagte Tönnies-Sprecher Andre Vielstädte. Man habe "intensiv" daran gearbeitet, das Virus "aus dem Betrieb zu halten".

Auch in anderen Schlachtbetrieben arbeiten vielen Menschen aus Osteuropa. Sie kommen teilweise nach Deutschland, um hier eine Zeit lang zu arbeiten und ihre Familien im Ausland zu versorgen. Möglich machen das sogenannte Werkverträge. Die Beschäftigten werden dabei von Subunternehmen angestellt, häufig zu Niedriglöhnen, und müssen lange Arbeitszeiten auf sich nehmen.

Experten kritisieren schon seit mehreren Jahren die Umstände, unter denen die Arbeitnehmer leben und ihren Berufen nachgehen. Viele von ihnen wohnen in dieser Zeit in Sammelunterkünften, in denen sie mit vielen Kollegen räumlich beengt zusammenleben. Deshalb gehen einige Experten davon aus, dass sich das Virus auch innerhalb dieser Wohnungen gut ausbreiten könne.

Was sagen die Virus-Experten dazu?

Einer Expertin für Infektionskrankheiten zufolge ist es "extrem unwahrscheinlich", dass die Hunderte Corona-Fälle auf Familienbesuche am Wochenende zuvor zurückgehen. "Die Inkubationszeit beträgt im Mittel fünf Tage, sodass ein Wochenendbesuch kaum so eine große Anzahl an Personen erklären kann", sagte Isabella Eckerle, Leiterin der Forschungsgruppe Emerging Viruses in der Abteilung für Infektionskrankheiten der Universität Genf. Die hohe Anzahl betroffener Mitarbeiter des Unternehmens weise auf ein unbemerktes, schon länger vor sich gehendes "Superspreading Event" in dem Betrieb hin, sagte Eckerle.

"Bei engem Kontakt und unter ungünstigen Arbeits- sowie Wohnbedingungen können ein Einzelner oder nur sehr wenig initial Infizierte zu einer sehr hohen Anzahl an Sekundärinfektionen führen." Die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen seien offenbar mit den aktuell notwendigen Hygienemaßnahmen nicht gut vereinbar, so Eckerle. Dazu zähle der lange Aufenthalt vieler Personen in geschlossenen Räumen ohne Möglichkeit, ausreichend Abstand zu wahren.

Was wird gegen die Missstände getan?

Bereits nach den Corona-Fällen im Kreis Coesfeld hatte die Politik auf die Rahmen-Umstände in der Fleischindustrie reagiert und sogenannte Werkverträge für die Branche verboten. Allerdings hat das Bundeskabinett diese Regel erst zum 1. Januar 2021 beschlossen. Sie tritt somit erst in gut einem halben Jahr in Kraft. In der aktuellen Pandemie ist das eine lange Zeit.

Die bisherigen Missstände zeigen sich in der Corona-Krise besonders deutlich, ändern sich aber nicht innerhalb weniger Wochen. Und solange sich die Lebens- und Arbeitsumstände nicht unmittelbar verändern, wird die Infektionsgefahr nicht verringert. Deshalb bleibt die Virus-Gefahr in diesem Bereich wohl zunächst bestehen. Es ist also damit zu rechnen, dass das Virus noch weiter in Schlachtbetrieben kursiert und sich in der jeweiligen Region verbreitet.

Auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann will in der Fleischindustrie Dinge aufarbeiten: Die Schlachtindustrie habe sich eine Systematik über die Werkverträge angewöhnt, wo man sagen müsse, "dass sich die Besitzer von Schlachthöfen nicht mehr verantwortlich fühlen für große Teile der Belegschaft", verdeutlichte Laumann. "Wir brauchen jetzt wirklich eine klare restriktive Gesetzesüberarbeitung. Und es muss im Grunde dazu kommen, dass der, der einen Schlachthof besitzt, auch eine Haftung hat für die Werkvertragsarbeitnehmer, für die ausländischen Arbeitnehmer, die wir ja dringend auch in dieser Branche - das muss man ja ganz klar sagen - brauchen", erklärte er im WDR.

Was sagen Branchen-Kenner dazu?

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Freddy Adjan von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) spricht von "katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen für die meist osteuropäischen Werkvertrags-Beschäftigten". Die Arbeitnehmervertreter fordern das sofortige Ende der Werkverträge, zum gesundheitlichen Schutz und um der finanziellen Ausbeutung ausländischer Arbeiter einen Riegel vorzuschieben. Die Präsidentin des Bundesverbandes der Fleischwarenindustrie, Sarah Dhem, sieht allerdings große personelle Probleme, wenn die Regierung das Verbot umgehend umsetzt. Die Löhne seien aus ihrer Sicht auf diesem Niveau, weil der Konsument billiges Fleisch wolle und auf den Preis achte.

Bei der gesamten Schlachthof-Debatte wird also nicht nur über Lohn- und Lebensumstände der Arbeitnehmer diskutiert, sondern auch über Tierwohl und Billigfleisch. Es ist ein Geflecht aus diesen Faktoren, die die Aufarbeitung der Missstände und damit auch die Eindämmung der Corona-Infektionen komplex macht.

Quelle: ntv.de, mit dpa