Panorama

Komplizierter Tuğçe-Prozess Schuldig, aber kein Totschläger

Tuğçe Albayrak ist tot. Um die Umstände ihres Todes wird ein aufwendiger Prozess geführt. Er kreist um Opfer-Verklärung und Täter-Erzählungen. Das Gericht hat es schwer, überhaupt herauszufinden, was im Detail passiert ist.

Sanel M. ist zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt worden. Der 18-jährige Offenbacher schlug im vergangenen November die Studentin Tuğçe Albayrak zu Boden, sie prallte mit dem Kopf auf den Asphalt und zog sich tödliche Kopfverletzungen zu. Doch der Fall war komplizierter als diese Kurzversion vermuten lässt. Und womöglich ist er auch noch nicht abgeschlossen. Wie n-tv-Reporter Benjamin Holler aus dem Gericht berichtet, prüft der Verteidiger M.'s, in Revision zu gehen. Das Urteil sei zu hart.

Einen Teil der jetzt verhängten Strafe hat Sanel M. in der Untersuchungshaft bereits abgesessen. Dort wurde ihm von einem Mithäftling die Nase gebrochen und dieser Vorfall war einer der Gründe, warum der Verteidiger ein Jahr auf Bewährung gefordert hatte. Tenor: Der Jugendliche sei schon genug gestraft. Das sah das Landgericht Darmstadt offensichtlich anders. Es unterbot in seinem Urteil nur um drei Monate die Forderung der Staatsanwaltschaft. Der Vorsitzende Richter sagte aber auch, Sanel M. sei "kein Killer, Totschläger oder Koma-Schläger".

Die Familie und die Freunde von Tuğçe Albayrak wiederum sind enttäuscht über das aus ihrer Sicht zu milde Urteil. Vor dem Gericht stellten einige von ihnen Fotos von Tuğçe auf. Zu finden ist dort vor dem Gericht jenes Motiv, von dem es mehrere Versionen gibt, auf dem Tuğçe von unten mit großen Augen in die Kamera blickt. Es passt perfekt zur Rolle, die Albayrak als Symbol für Zivilcourage und unschuldiges Opfer noch während ihrer letzten Tage im Koma zukam. Es steht aber auch für die Dynamik einer öffentlichen Inszenierung, der das Gericht während der Verhandlung dann doch nicht ganz folgen wollte. Das führte zu viel Kritik an Richter und Staatsanwaltschaft, die bis hin zum Vorwurf "patriarchalischer" Denkweise reichte, wo das Opfer zum Täter gemacht werde.

Gericht musste "demontieren"

Der hohe "Sockel", auf den die 22-jährige Studentin nach ihrem Tod von der Öffentlichkeit gehoben worden war, wie der Oberstaatsanwalt kritisierte, erregte eben auch Misstrauen. Misstrauen gegenüber einer allzu einfach erscheinenden Täter-Opfer-Logik. Deshalb wurden die Nachfragen des Gerichts nach Gewohnheiten und Charakteristika der Toten, aber auch nach möglicherweise von ihr ausgehenden Provokationen in der Tatnacht mitunter als Angriff auf diese untadelige junge Frau missverstanden. Am Ende bekam Sanel M., der für sein jugendliches Alter schon oft zuvor mit Gewaltdelikten aufgefallen war, aber die geforderte Haftstrafe.

Die Konstellation trug es in sich, dass Täter und Opfer heillos überzeichnet wurden: Albayrak war demnach die couragierte, schöne Studentin aus einem integrierten deutsch-türkischen Elternhaus. M. war der Totschläger mit zwielichtiger Vergangenheit und ohne sinnvolle Beschäftigung in seinem Leben im Offenbacher Ghetto. Die Richter konnten gar nicht anders, als die "Heilige" Tuğçe ein Stück weit zu demontieren – was ihr als Person aber im Grunde gar nicht schadet, sondern sie nur wieder zurück auf eine menschliche Ebene holt.

Verschwommene Erinnerung

Der Prozess war von chaotischen Vernehmungsszenen geprägt: Für die Richter war es schwierig, herauszufinden, was wirklich passiert ist. 60 Zeugen wurden in zehn Prozesstagen angehört. Und dabei ging es um einige wenige Minuten in den frühen Morgenstunden im November vergangenen Jahres. Ein Überwachungsvideo fand schon Tage nach dem Vorfall seinen Weg in die Medien. Konnten alle Beteiligten noch sauber unterscheiden zwischen dem, was die – vielleicht müde und angetrunken – mit eigenen Augen gesehen hatten und dem, was später alles so dazu berichtet wurde?

Viele der Zeugen hatten sich vor ihren Aussagen zum Teil bereits in einer Art "Schulhofatmosphäre" vor dem Gerichtsgebäude, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" es beschrieb, über ihre Versionen des Hergangs ausgetauscht. Einige wussten offenbar selbst nicht mehr, was sie gesehen hatten und was nur gehört. Die Medienberichterstattung tat ihr übriges. So berief sich einem Prozessbeobachter zufolge eine der Freundinnen von Tuğçe Albayrak auf einen Online-Liveticker.

Wichtig war die Frage, ob Sanel M. beim Zuschlagen bewusst war, dass dieses tödliche Folgen haben könnte. Die Gerichtsmedizin musste zudem darüber aufklären, woran Tuğçe eigentlich gestorben war. Es stellte sich heraus, dass der Aufprall auf dem Asphalt die letztlich tödliche Hirnblutung verursachte. Doch hatte Sanel M.'s Ohrfeige Albayrak offenbar ausgeknockt, sodass es keine Schutzreaktion des Körpers beim Fall gab. Die "Ohrfeige", wie M. seinen Schlag nannte, hat der Angeklagte gestanden. Er sagte auch, wie leid es ihm tue und dass die Ohrfeige der "schlimmste Fehler" seines Lebens gewesen sei. Viele nahmen ihm das nicht ab.

Quelle: ntv.de

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