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Wie ist das möglich? Schweden feiert trotz niedriger Impfquote

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Schweden beendet geplant Ende September fast alle Corona-Maßnahmen.

(Foto: imago images/YAY Images)

Ende September wird Schweden nahezu alle Corona-Einschränkungen fallen lassen, obwohl seine Impfquote ähnlich niedrig ist wie die deutsche. Das sieht auf den ersten Blick extrem riskant aus, doch das Land hat ganz andere Voraussetzungen, wodurch es den Schritt in die Freiheit wagen kann.

Dass Dänemark am 10. September alle Corona-Regeln beendet hat, leuchtet ein, schließlich hat es eine der höchsten Impfquoten weltweit. Aber dass jetzt auch Schweden Ende des Monats alle verpflichtenden Einschränkungen fallen lässt, ist schon erstaunlich. Schließlich ist die Impfquote dort doch kaum höher als in Deutschland, wo man angesichts eines stagnierenden Fortschritts sehr sorgenvoll Herbst und Winter entgegenblickt. Doch die Quote der Skandinavier setzt sich anders als die deutsche zusammen, und auch sonst haben die Skandinavier bessere Voraussetzungen als die Bundesrepublik.

Zunächst kommt es darauf an, auf welcher Basis man die Impfquote berechnet. Auf die Gesamtbevölkerung bezogen sieht es für Schweden nicht so toll aus. Laut Dashboard des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) sind dort aktuell nur 58,8 Prozent vollständig geschützt, 67,6 Prozent haben wenigstens eine Dosis erhalten. In Deutschland trifft dies auf 61,3 und 65,8 Prozent zu, die beiden Länder scheinen also nicht weit auseinander zu liegen.

Hohe Impfquoten bei den Älteren

Wenn man aber die Werte für die erwachsene Bevölkerung betrachtet, sieht die Sache schon etwas anders aus. Denn während in Schweden 74,1 Prozent der über 18-Jährigen vollständig und 83,1 Prozent mindestens einmal geimpft sind, sind es in Deutschland nur 73,4 beziehungsweise 78,8 Prozent. Beachtlich ist hier vor allem der große Unterschied bei den Erstimpfungen.

Noch deutlicher wird dies, wenn man sich die Impfquoten nach Altersgruppen ansieht. 91,3 Prozent der über 80-jährigen Schweden sind komplett geimpft, 94,9 Prozent werden es bald sein. Noch besser sieht es bei den 70- bis 79-Jährigen mit 93,8 und 96,2 Prozent aus. Hohe Quoten weist auch die Bevölkerung zwischen 60 und 69 Jahren mit 88,6 und 91,3 Prozent auf, richtig gut sieht es auch bei den 50- bis 59-Jährigen mit 84,5 und 88,6 Prozent aus.

Junge, impfbereite Bevölkerung

63,9 Prozent der Schweden zwischen 25 und 49 Jahren haben bereits zwei Impfdosen erhalten, 76,2 wenigstens eine. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es immerhin auch schon 45,3 und 68,1 Prozent, bei den unter 18-Jährigen dagegen erst 1,8 und 9,7 Prozent.

Direkt vergleichbar sind die deutschen Quoten nicht, denn neben den Niederlanden und Liechtenstein stellt die Bundesrepublik als einziges EU-Land der ECDC keine entsprechend detaillierten Daten zur Verfügung. Man kann aber anhand anderer Statistiken sehen, dass die besonders vulnerablen älteren Menschen in Deutschland deutlich schlechter als in Schweden geschützt sind.

So sind laut RKI immer noch nur 83,4 Prozent der über-60-Jährigen vollständig geimpft - rund 7 Prozent weniger als in Schweden. Das betrifft sehr viele Menschen, denn die Bundesrepublik hat nach Italien (47,2) mit einem Median von 45,9 Jahren die zweitälteste Bevölkerung der EU, die Schweden sind dagegen mit 40,5 Jahren relativ jung.

28,9 Prozent der rund 83 Millionen Deutschen sind laut Statistischem Bundesamt über 60 Jahre alt. Das bedeutet, fast 4 Millionen von ihnen sind nicht oder noch nicht vollständig geimpft. Und bei einer Quote von 85,7 Prozent Erstimpfungen wird sich daran auch nicht viel ändern.

Daten der Weltbank nach betrug 2020 der Anteil der über 60-Jährigen in Schweden 25,9 Prozent. Bei einer Gesamtbevölkerung von aktuell knapp 10,4 Millionen und einer durchschnittlichen Quote der vollständig Geimpften in diesen Altersgruppen von 91,2 Prozent sind also rund 237.000 nicht oder noch nicht ausreichend geschützt. Bei einer durchschnittlichen Erstimpfungs-Quote von 94,1 Prozent sind es bald nur noch knapp 159.000.

Relativ niedrige Inzidenz

Schweden hat aktuell auch sonst recht gute Pandemie-Zahlen. So hat das Land trotz eines bereits wesentlich lockereren Umgangs mit der Krise eine heute eine 7-Tage-Inzidenz von 73,7 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, die Bundesrepublik kommt auf 81,9. Damit steht Schweden auch im Vergleich zu seinen direkten skandinavischen Nachbarn nicht schlecht da, Finnland zählt 63,7 Fälle, Norwegen 162,4.

Wichtiger als die Inzidenz ist die Zahl der schweren Erkrankungen. Da die besonders vulnerablen Altersgruppen hohe Impfquoten aufweisen, kommen in Schweden nur wenig Covid-19-Patienten täglich neu auf Intensivstationen. Seit Juni waren es laut Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten trotz einer leichten Steigerung nie mehr als zehn Fälle. Dem schwedischen Intensivpflegeregister SIR zufolge waren heute in Schweden insgesamt 44 Corona-Patienten in Intensivbehandlung.

Konstant wenig Todesfälle

Gar keinen Anstieg ist bei den Todesopfern zu beobachten. Seit Mitte Juli registriert die Behörde konstant weniger als fünf Fälle, an den meisten Tagen deutlich weniger. Im August zählte sie insgesamt 33 Covid-19-Tote.

Mit einer Fallsterblichkeit von rund 1,3 Prozent aller Infektionen gehört Schweden trotz der vielen Toten in Pflegeheimen zu Beginn der Pandemie inzwischen zu den weltweit erfolgreicheren Ländern. Deutschland kommt hier auf einen Anteil von knapp 2,3 Prozent, Finnland auf 0,8, Norwegen auf 0,5. EU-weit beträgt die Rate 2,0 Prozent.

Die 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner beträgt aktuell in Schweden 0,15 Todesfälle, in Deutschland 0,44, in Finnland 0,31, in Norwegen 0,13. Die EU kommt auf 1,11 Corona-Tote.

Schrittweise Lockerungen nach Plan

Auch in Schweden steigen die Inzidenzen vorwiegend bei den nicht oder noch selten geimpften 10- bis 19-Jährigen. Doch Ferienende war in Schweden bereits Mitte August, seitdem befinden sich die Schüler wieder ohne Maskenpflicht im Präsenzunterricht. Auch an den Universitäten kehrt allmählich Normalität ein. Außerhalb von Vorlesungen und Kursen sollen die Lehrenden aber noch im Homeoffice arbeiten, für alle Staatsbediensteten ist das Pflicht.

Insofern werden die weiteren Lockerungen am 29. September an den Bildungseinrichtungen kaum große Veränderungen bringen. Außerdem forciert Schweden die Impfungen von Lehrkräften. Die Gefahr, dass die Pandemie außer Kontrolle gerät, ist daher vor allem im privaten Bereich am höchsten. Im Beruf steigt die Ansteckungsgefahr ebenfalls, da unter anderem auch die Empfehlung zum Homeoffice wegfällt.

Schweden öffnet nicht Hals über Kopf, sondern folgt einem fünfstufigen Plan, der schon im Mai beschlossen wurde und dessen Umsetzung mit Schritt 1 am 1. Juni begonnen hat. Die Lockerungen Ende des Monats stellen die Stufe 4 dar. Auch sie sind im Vergleich zum aktuellen Umgang mit der Pandemie in Schweden kein sehr großer Schritt. Hauptsächlich fallen die Beschränkungen bei den Teilnehmerzahlen von privaten und öffentlichen Veranstaltungen weg, wobei bei Großveranstaltungen ab 15.000 Personen ein Impfnachweis erforderlich sein könnte.

Modernes Gesundheitssystem

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Wie in Dänemark ist auch in Schweden noch offen, ob das Experiment gutgeht oder doch wieder Einschränkungen in Herbst und Winter nötig werden. Aber das Land hat einen Plan und beobachtet die Entwicklung sehr genau. Dabei kommt Schweden wie Dänemark zugute, dass es ein modernes, digitalisiertes Gesundheitssystem hat, das schnell reagieren kann.

Im Digital-Health-Index der Bertelsmann Stiftung liegt Schweden mit 68 Punkten unter 17 Ländern auf Rang 7, Dänemark ist mit 72,5 Punkten Dritter. Spitzenreiter ist Estland mit 81,9 Punkten. Deutschland ist mit 30 Punkten Vorletzter, nur Polens Gesundheitssystem (28,5) ist noch veralteter.

Quelle: ntv.de

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