Studie untersucht 45 TäterSex-Serienmörder pendeln zwischen Größenwahn und Verletzlichkeit
Von Solveig Bach
Über Serienmörder gibt es die Vorstellung, dass sie ihre Taten meist aus einem übersteigerten Ego heraus begehen. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass die Motivlage meist sehr viel komplexer ist.
Wissenschaftlerinnen der Universität Bamberg haben herausgefunden, dass sexuell motivierte Serienmörder oft von einer komplexen Mischung aus Größenwahn und tiefsitzender emotionaler Verletzlichkeit getrieben werden. Es ist bereits bekannt, dass viele dieser Täter narzisstische Persönlichkeitsmerkmale erfüllen. In ihrer Untersuchung identifizierten die Forscherinnen nun vier Merkmale, die potenzielle Serienmörder besonders auszeichnen.
Die meisten Serienmörder waren demnach von grandioser Rivalität, grandioser Bewunderung, verletzlicher Feindseligkeit und verletzlicher Isolation motiviert. Für die Studie nutzten Evangelia Ioannidi und ihre Kolleginnen die Radford/FGCU Serial Killer Database, die Datensätze von mehr als 1000 Personen enthält. Anhand der Datenbank identifizierten sie 45 männliche Serienmörder, die zwischen 1960 und 2021 in den USA aktiv waren und deren Tötungen vorwiegend sexuell motiviert waren. Die Ergebnisse wurden im "Journal of Police and Criminal Psychology" veröffentlicht .
"Diese Täter werden nicht nur von ihrem Ego oder dem Wunsch nach Machtgefühl angetrieben", sagte die Psychologin und Kriminologin Ioannidi gegenüber der Wissenschaftswebseite "PsyPost". Die Psychologie von Serienmördern sei "komplexer", als die meisten Menschen annehmen. Das liege daran, dass Serienmörder sowohl Verletzlichkeit als auch "Grandiosität" besitzen. Mit Grandiosität werden Persönlichkeitsmerkmale psychologisch zusammengefasst, die Menschen als Selbstherrlichkeit, als Arroganz oderals ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Überlegenheit wahrnehmen.
Zwischen verschiedenen Extremen
Grandiose Rivalität wird bei den Forschenden als die Abwertung anderer und das Streben nach Überlegenheit definiert, während grandiose Bewunderung durch Selbstdarstellung und ein extremes Bedürfnis nach Bewunderung gekennzeichnet ist. Verletzliche Feindseligkeit umfasst unbegründete Ängste, Aggression und die Überzeugung, ungerecht behandelt zu werden, während verletzliche Isolation den Rückzug aus sozialen Situationen zum Schutz eines fragilen Selbstwertgefühls bedeutet.
Viele der meist männlichen Täter zeigten grandiose Züge, "aber ein ebenso wichtiger Teil ist die verletzliche Seite", so Ioannidi. Sie nennt vor allem "Groll, Überempfindlichkeit und das tiefe Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein". Die komplexe Mischung aus Größenwahn und tief sitzender emotionaler Verletzlichkeit können erklären, warum die Gewalt dieser Täter "so persönlich ist und von Kontrollstreben angetrieben wird".
Historisch wurden Serienmörder meist anhand ihrer mutmaßlichen Motive kategorisiert. Sie wurden in Täter, die von Machtstreben, sexueller Befriedigung oder missionsbezogenen Wahnvorstellungen getrieben werden, unterteilt. Die neuere Narzissmusforschung unterscheidet klar zwischen grandiosen und verletzlichen Formen. Diesen Forschungsstand habe sie auf "eine sehr extreme, aber viel diskutierte Tätergruppe" anwenden wollen, so die Wissenschaftlerin.
"Verletzliche Feindseligkeit"
Die untersuchten Daten umfassten polizeiliche Geständnisse, Verhörprotokolle und vom FBI durchgeführte Interviews. Die Analyse konzentrierte sich insbesondere auf Abschnitte, in denen die Täter über ihre Kindheit, ihre Erziehung und die Motive für ihre ersten beiden Morde sprachen. Alle 45 Mörder hatten unabhängig voneinander als Einzeltäter gehandelt, wurden für verhandlungsfähig befunden und verurteilt. Die Zahl ihrer Opfer reichte von 2 bis 22 pro Täter, mit einem Durchschnitt von 8,04 Opfern.
Die Analyse ergab, dass Merkmale von verletzlichem Narzissmus in dieser Gruppe etwas häufiger vorkamen als grandiose. Hinweise auf verletzlichen Narzissmus fanden sich in 89 Prozent der Aussagen, in 87 Prozent wurde grandioser Narzissmus festgestellt. Bei der Aufschlüsselung der Merkmale in spezifische Dimensionen zeigte sich, dass verletzliche Feindseligkeit mit 84 Prozent das häufigste Merkmal war.
"Ich hatte erwartet, dass grandiose Züge dominieren würden, da Serienmörder üblicherweise so dargestellt werden", sagte Ioannidi. "Stattdessen war die vorherrschende Dimension verletzliche Feindseligkeit: tiefe Feindseligkeit, Überempfindlichkeit und eine Fixierung auf vermeintliche Zurückweisung oder Respektlosigkeit." Sie hoffe, dass ihre Forschung zu einem "tieferen Verständnis der tatsächlichen Triebkräfte solcher Verbrechen führt". Es gehe nicht darum, diese Täter zu entschuldigen, "sondern darum zu verstehen, dass die Psychologie hinter diesen Verbrechen komplexer ist, als die meisten Menschen annehmen", so Ioannidi.