Geht auch ohne TalentSing-along - singen mit Spaß, ohne Scham
Von Solveig Bach
In den USA oder Großbritannien sind gemeinschaftliche Sing-along-Filmvorführungen und "song circles" schon lange verbreitet. Auch in Deutschland findet das Miteinandersingen immer mehr Freunde. Was ist so cool daran?
Miteinander singen, das klingt ein bisschen verstaubt, nach Blockflöte und steifen Kragen. Als Sing-along ist das miteinander Singen aber zunehmend wieder im Trend. Sing-alongs sind Veranstaltungen, zu denen sich Menschen beispielsweise in Konzerthallen, Musicaltheatern, zunehmend aber auch Clubs oder Kinos treffen, um dann gemeinsam zu singen.
Patrick Kuhlmann veranstaltet seit 2023 Sing-alongs. Was in Hamburg begann, findet inzwischen in elf Städten deutschlandweit sowie in Wien statt. "Ich wollte ein Event kreieren, wo man einfach singen kann, aber ohne, dass die anderen einen unbedingt hören müssen", erzählt er ntv.de über die Anfänge. "Viele singen gern, trauen sich aber nicht."
Anders als im Chor, bei dem man regelmäßig zu den Proben kommen sollte, oder beim Karaoke, wo man meist allein oder zu zweit am Mikrofon steht, bieten Sing-alongs mehr Unverbindlichkeit und Anonymität. "Man hat keinen weiteren Verein oder etwas, wo man regelmäßig hinmuss, sondern kann, wenn man Lust hat, ab und zu mal mitmachen. Und man kann dort im Stimmengewirr untergehen und einfach laut mitsingen", sagt Kuhlmann.
Noten braucht es nicht unbedingt
In den USA, Großbritannien und Australien sind gemeinschaftliche Sing-along-Filmvorführungen und "song circles" schon lange verbreitet. Deutschland hat in den vergangenen Jahren aufgeholt, mit Kneipenchören, Singgruppen oder Kino-Abenden mit eingeblendeten Texten. Die Mathilde-Bar in Hamburg-Eimsbüttel veranstaltet einmal im Monat ein Sing-along als Party mit der Ansage: "Wer nicht mitsingt, fliegt raus". Die Komische Oper Berlin bietet im Juni ein Mitmachsingen für Kinder an, auch die Alte Oper Frankfurt hat immer wieder Mitsingkonzerte im Kalender. Andere Gruppen treffen sich einfach mit einer Gitarre und Liederbüchern oder ausgedruckten Noten zum Miteinandersingen.
Gemeinsam ist allen Formaten, dass hier niemand Noten lesen können oder den Quintenzirkel draufhaben muss. Tenor oder Alt oder irgendwas, das ist nicht wichtig, Textkenntnisse sind nicht notwendig, selbst beim Musikgeschmack werden fast jeder und jede abgeholt.
Bei Kuhlmanns Mitsing-Events gibt es jeweils verschiedene Mottos, das können Schlager, Weihnachtslieder oder Karnevalhits sein, aber auch Hits der 80er und frühen 90er oder Best of ABBA. In den etwa zweistündigen Veranstaltungen kann und soll jeder und jede den Spaß am Singen ungehemmt ausleben. "Singen macht einfach so gute Laune", findet Kuhlmann. "Es wird Energie freigesetzt, hat aber auch eine ähnliche Stimmung wie ein Konzert, es ist nur aktiver, weil man gleichzeitig auch Teil davon ist."
Ein gemeinsamer Song
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass beim Singen in der Gruppe Endorphine, Dopamin, Serotonin und Oxytocin ausgeschüttet werden, die mit Freude, Vertrauen und Bindung verknüpft sind. Menschen bekommen dadurch bessere Laune, das Stresslevel sinkt, Atmung und Herzfrequenz der Teilnehmenden synchronisieren sich, was viele als körperliche Erfahrung von Verbundenheit und "Wir-Gefühl" beschreiben.
Die meisten Gäste bei Kuhlmanns Veranstaltungen sind zwischen 20 und 50, je nach musikalischem Motto. Sie treffen auf Moderatorinnen oder Moderatoren, die als Sänger oder Musical-Schauspielerinnen meist auch Gesangserfahrung haben. Oft werden Gäste auf die Bühne geholt. Manchmal gibt es Tanzeinlagen. Die Liedtexte werden genau wie beim Karaoke auf eine große Leinwand projiziert, sodass alle mitlesen und mitsingen können. Das Ziel sei, "zusammen einen guten Song zu kreieren", sagt Kuhlmann. "Durch die vielen Stimmen ergänzt man sich in der Gesamtheit wieder." Etwa 26 Songs performen alle zusammen, natürlich gibt es bei den einzelnen Themen "Banger", die jeder vermissen würde, wären sie nicht dabei.
Zur Vorbereitung auf den Weltsingtag, der jährlich am dritten Samstag im Oktober stattfindet, veröffentlichte Worldsingingday.org eine Liste von 100 englischsprachigen Liedern, mit denen man selten daneben liegt. Die Regel der Organisation für einen geeigneten Song lautet: "Gute Mitsinglieder sind in Dur-Tonarten gehalten, haben sich wiederholende Refrains und leicht zu singende Texte und Melodien."
Kuhlmann und seine Mitstreitenden haben inzwischen verlässliche Playlists, die sie aber auch immer wieder durch andere Titel ergänzen. "Manchmal probieren wir Songs aus und merken, dass sie nicht so gut ankommen wie erhofft - die muss man vielleicht nicht noch mal bringen. Und andere Songs kommen überraschend richtig gut an, die bringen wir dann mehr rein." Ob nun "Sweet Caroline" von Neil Diamond, "Dancing Queen" von ABBA oder "Junimond" von Rio Reiser - wenn man zusammen mit 200 anderen singt, wird fast jeder Song zum besonderen Erlebnis.