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Letzte Rettung für Kampfpiloten So funktioniert ein Schleudersitz

Bei einem Übungseinsatz kommt es zur Katastrophe: Zwei Kampfjets der Luftwaffe stoßen zusammen und stürzen ab. Beide Piloten können sich aus ihren zerstörten Maschinen katapultieren. Doch nur einer der beiden Männer überlebt. Wie konnte er sich retten?

Das Szenario zählt zu den schlimmsten Albträumen jedes Piloten: Die eigene Maschine kommt einem anderen Flugzeug zu nahe und gerät außer Kontrolle. Im Flug genügen dabei schon kleinste Berührungen, um katastrophale Schäden an Tragflächen, Tanks oder Leitwerk auszulösen.

Bei dem Crash über der Mecklenburger Seenplatte musste der Pilot des dritten Jägers mit ansehen, wie nach der Kollision zwei Fallschirme zu Boden schwebten: Demnach konnten beide Piloten in den Sekunden nach dem Zusammenstoß noch ihren Schleudersitz betätigen. Einer der beiden Flugzeugführer konnte eine gute Dreiviertelstunde nach seiner Bruchlandung am Fallschirm durch die Feuerwehr verletzt aus einer Baumkrone gerettet werden. Der zweite Pilot überlebte den Notausstieg per Schleudersitz nicht.

Schleudersitzkanone zündet

Dabei handelt es sich im Fall des Eurofighters um speziell angefertigte Schleudersitze des britischen Luftfahrtausrüsters Martin Baker. Die im Eurofighter verbauten Hightech-Sitze vom Typ MK16A bestehen aus dem Pilotensitz, einer Treibladung, dem Fallschirm, der Notausstattung und einer digitalen Steuereinheit, die den komplexen Ablauf nach dem Auslösen des Schleudersitzes steuert.

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Spezialtechnik aus Großbritannien: Im Eurofighter sitzen Piloten auf MK16A-Schleudersitzen von Martin Baker.

Im Notfall können sich Piloten mit den raketengetriebenen MK16A in Sekundenbruchteilen aus ihrer Maschine katapultieren. Das ist selbst unter günstigen Bedingungen alles andere als komfortabel: Sobald der Pilot den Schleudersitz betätigt, wird binnen Sekundenbruchteilen die Cockpithaube abgesprengt und eine ganze Kaskade an automatischen Maßnahmen eingeleitet.

Automatische Rückholeinrichtungen zerren etwa Arme, Beine und den Oberkörper des Piloten mit Gewalt zurück an den Sitz, um das unkontrollierte Herumschleudern der Gliedmaßen während des Ausschusses zu verhindern. Zugleich werden Sprechfunk und Sauerstoffversorgung zwischen Pilotensitz und Cockpit durchtrennt. Fast im gleichen Moment zündet der Raketentreibsatz unter dem Sitz, um den Piloten samt Sitz, Notausstattung und Fallschirm an einer kurzen Startschiene aus der aufgesprengten Cockpit-Kanzel ins Freie zu schießen.

Binnen Sekunden bewusstlos

Bei dem Herausschießen aus einer havarierten Maschine treten enorme Kräfte auf. Sobald der Pilot die speziell markierte Auslöserschlaufe zwischen seinen Beinen betätigt, muss er kurzzeitig Belastungen vom bis zu 16-fachen der Erdbeschleunigung (g) verkraften. Zum Vergleich: Für den Kurvenkampf trainieren Kampfpiloten, Belastungen von maximal 9 g auszuhalten. Zugleich verlässt der Pilot im Fall eines Notausstiegs den geschützten Bereich der Cockpitkanzel. Bei Fluggeschwindigkeiten von bis zu zweifacher Schallgeschwindigkeit kann schon allein der schlagartig auftretende Luftwiderstand lebensgefährliche Verletzungen verursachen.

Da Piloten in einer solchen Situation häufig das Bewusstsein verlieren, entscheidet die Schleudersitz-Steuerung je nach Flugsituation, Geschwindigkeit und Flughöhe selbstständig, wie schnell sich Bremsfallschirme und Hauptfallschirm entfalten müssen. Sobald sich der ausgeschossene Pilot unterhalb einer Höhe von 5000 Metern befindet und die Beschleunigungskräfte nachlassen, löst der Rettungsfallschirm automatisch aus und der schwere Sitz trennt sich vom Piloten. Wenn alles gut geht, kann der verunglückte Flieger dann an seinem Fallschirm zu Boden schweben.

Geschützt ist der Pilot während des Notausstiegs nur durch seinen Helm und seine Atemmaske. Am Sitz befindet sich eine Notsauerstoffflasche, die auch in großen Höhen die Versorgung gewährleistet. Gleichzeitig wird das Notfunkgerät in der Fliegerweste aktiviert, sodass der Pilot auch bei Bewusstlosigkeit geortet werden kann.

Heikle Landung am Schirm

Bei der Landung am Fallschirm drohen jedoch weitere Gefahren: Der Pilot hängt an einem militärischen Schirm, der ihn in erster Linie möglichst rasch und sicher zurück auf den Erdboden bringen soll. Effektiv lenken lässt sich ein solcher Fallschirm kaum. Der Pilot muss hoffen, dass er möglichst über freiem Gelände niedergeht. Landungen im Wasser werden bei der Luftwaffe intensiv geübt. Verfängt sich der Fallschirm bei der Landung im Geäst, bleibt dem Piloten in der Regel nichts anderes übrig, als auf schnelle Hilfe zu hoffen.

Im Eurofighter sitzen Piloten festgeschnallt auf einem sogenannten Zero/Zero-Sitz. Das heißt, ihr MK16A kann sie im Notfall auch bei Null Flughöhe und Null Geschwindigkeit aus ihrer Maschine schießen. Die Treibladung unter ihrem Sitz reicht aus, um den Flugzeugführer samt Sitz und Notfallpaket aus dem Stand bis in eine Höhe von rund 80 Metern zu katapultieren. Diese Höhe ist notwendig, um dem Fallschirm auch beim Notausstieg aus dem Stand genügend Zeit zum Entfalten zu geben.

Ein Sprecher der Luftwaffe bestätigte noch am Tag des Unglücks, dass die Schleudersitze tatsächlich in beiden Maschinen ausgelöst wurden. Damit ist klar, dass zumindest zum Zeitpunkt des Zusammenstoßes noch beide Piloten am Leben waren. Doch entweder während der Kollision oder beim Notausstieg in den Sekunden danach muss der zweite Pilot massive Verletzungen erlitten haben. Einsatzkräfte der Polizei fanden in der Umgebung einer der beiden Absturzstellen eigenen Angaben zufolge "Leichenteile".

Mehr als 7500 Notausstiege

Für den überlebenden Piloten beginnt jetzt eine schwere Zeit. Er muss neben seinen eigenen Verletzungen auch den Schock und den Verlust seines Kameraden ertragen. Die Ermittlungen der Flugunfallermittler dürften sich über Monate hinziehen. Jede einzelne Entscheidung wird dabei auf den Prüfstand gestellt, um den Unfallhergang am Unglückstag minutiös zu rekonstruieren.

Der Schleudersitz-Hersteller Martin Baker, der erst Ende Mai den 70. Jahrestag des ersten erfolgreichen Notausstiegs beging, hält für den Piloten einen schwachen Trost bereit. Das britische Unternehmen führt eine Liste aller Flugzeugführer, deren Leben durch Schleudersitze aus dem eigenen Haus gerettet werden konnte. Durch seinen Notausstieg über Mecklenburg-Vorpommern wurde der Eurofighter-Pilot offiziell Mitglied des exklusiven "Ejection Tie Club". Die Liste der Mitglieder umfasst nach Angaben der Briten mittlerweile mehr als 7500 Namen.

Quelle: n-tv.de

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