Panorama

Trotz Lockdown volle Geschäfte Statt in die Kneipe gehen jetzt alle shoppen

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In den Innenstädten drängen sich Menschen durch Einkaufsmeilen - meist mit Maske, selten mit nötigem Abstand.

(Foto: picture alliance/dpa)

Fitnessstudios dicht, Bars geschlossen und Restaurants liefern nur noch. Das Einzige, was zurzeit geht: einkaufen. Doch wie viel Sinn ergibt der "Wellenbrecher-Lockdown", wenn sich Menschenmassen dicht gedrängt durch Shoppingmeilen und Einkaufszentren schieben?

Dichtes Gedränge auf der Friedrichstraße, volle Bahnhöfe und eine meterlange Schlange vor Ikea: Von einem Lockdown ist an diesem sonnigen Wochenende in der Hauptstadt nur wenig zu spüren. Lediglich die gestapelten Tische und Stühle vor Cafés und Restaurants geben einen Hinweis darauf, dass die Bundesregierung erst am vergangenen Montag erneut die Notbremse in der Corona-Pandemie gezogen hat. Wie schon im Frühjahr sollen die Maßnahmen die hohen Infektionszahlen senken, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Der Unterschied: Diesmal darf der Einzelhandel geöffnet bleiben. Statt gespenstischer Leere wie im März herrscht jetzt in den Einkaufsstraßen und Malls Trubel wie eh und je. Die Berliner shoppen sich durch den Corona-Lockdown.

Doch nicht nur in der Hauptstadt frönen die Menschen ihrer Konsum-Lust. Auch in anderen Städten drängen sich an diesem Wochenende Einwohner durch Einkaufsmeilen - meist mit Maske, selten mit nötigem Abstand: Auf dem Dortmunder Westenhellweg ist es "fast wie immer", sagt eine Mitarbeiterin einer Bäckerei der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Ganz zum Unmut einiger Passanten. "Man kriegt Angst, wenn man die vielen Menschen sieht", sagt eine Passantin. Und ihr Mann ist überzeugt: "Wenn wir nicht alles für ein paar Wochen schließen, wird das nichts mit Weihnachten." Wie sinnvoll ist also dieser sogenannte Wellenbrecher-Lockdown?

CDU-Gesundheitsexperte Tim-Christopher Zeelen hält die getroffenen Maßnahmen für richtig. "Der Geist der Maßnahme ist, die Kontakte einzuschränken, ohne die Wirtschaft wieder so massiv zu belasten wie im Frühjahr", sagte er der "B.Z.". Die Entwicklung der Fallzahlen zeige, dass viele Gesundheitsämter bei der Kontaktnachverfolgung die Kontrolle verloren haben. So könne man beispielsweise in Berlin "nicht mehr nachvollziehen, wo sich die Menschen angesteckt haben". Deshalb sei es dringend erforderlich gewesen, den Bewegungsmodus der Menschen einzuschränken.

Von weniger Bewegung kann in den Innenstädten nicht die Rede sein. Anders als im Frühjahr bleiben die Menschen heute nicht mehr überwiegend zu Hause. Da hauptsächlich der Freizeit- und Kulturbereich dichtmachen musste, drängen sich Unternehmungslustige somit an den weniger gewordenen Stellen, die noch offen haben. Nach mehr als acht Monaten Pandemie schwindet offenbar die Angst vor dem Virus. Nach Angaben des aktuellen Corona Consumer Check des IFH Köln besuchen die Deutschen trotz ansteigender Infektionszahlen wieder häufiger stationäre Geschäfte. Während im Juli zwei Drittel angaben, Läden zu meiden, gehen mittlerweile nicht mal mehr sieben Prozent seltener shoppen als vor Corona.

"Sie bummeln, aber unterhalten sich nicht"

"Ich sehe diese Bilder in der Stadt, aber sie beunruhigen mich nicht", beschwichtigt Gesundheitspolitiker und Mediziner Karl Lauterbach. Denn: "In Geschäften und Einkaufszentren sind die verschiedenen Menschen mit Masken unterwegs, bummeln, aber unterhalten sich nicht, sondern gehen nur kurz aneinander vorbei", erklärt er der "B.Z.".

Anders als in Restaurants, Bars oder Fitnessstudios beschränkt sich der Aufenthalt in Geschäften in der Regel auf einen kurzen Zeitraum. Virologen gehen davon aus, dass das Risiko für eine Ansteckung mit Corona erst ab einer Kontaktdauer von 15 Minuten erheblich steigt. Auch die Experten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) kommen in einer Studie in Dortmund zu dem Ergebnis, dass das Infektionsrisiko für Kunden in Supermärkten und Drogerien eher gering ist. Meist beschränke sich der direkte Kontakt mit anderen Menschen auf wenige Minuten.

Einen weiteren Punkt hält Lauterbach im Teil-Lockdown ebenfalls für zielführend: "Es gelingt, die Aktivitäten der Menschen nach draußen zu verlagern. Gefährlich ist nämlich das gesellige Beisammensein in Innenräumen, das ausgedehnte Gespräch zum Beispiel in Cafés, Bars, Restaurants", mahnt der Politiker. Wenn dort dann auch noch Musik laufe, müsse man lauter sprechen, wodurch die zehnfache Menge an Aerosolen freigegeben werde. "Das ist gefährlich, denn nachweislich werden 70 bis 80 Prozent der neuen Infektionen durch Superspreader verursacht", erklärt Lauterbach.

Also kann munter weiter geshoppt werden? Bislang gilt der Einzelhandel nicht als Treiber der Corona-Pandemie. Allerdings sind laut Bundesregierung inzwischen 75 Prozent aller Corona-Fälle nicht mehr auf ihren Ursprung zurückverfolgbar. Und auch die BAuA warnt: Unabhängig von der geringen Ansteckungshäufigkeit in Geschäften könnten hohe Infektionsrisiken entstehen, beispielsweise durch enge räumliche Nähe zu infizierten Personen.

Quelle: ntv.de