Panorama

Lange entwickelte Fantasien Stefan R. hat seine Kannibalismustat penibel vorbereitet

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Knochenteile von Stefan T. wurden an einem Waldstück in Berlin gefunden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Anfang September verabreden sich zwei Männer in Berlin, am Ende ist einer der beiden tot. Was ist da zwischen dem Opfer Stefan T. und dem mutmaßlichen Täter Stefan R. passiert? Noch liegt vieles im Dunkeln, doch es sieht danach aus, als habe R. lange entwickelte Fantasien in die Tat umgesetzt.

Den mutmaßlichen Täter hat die Polizei in dem Berliner Kannibalenfall sehr schnell festgenommen. Aber darüber hinaus geben die Ereignisse rund um die Begegnung von Stefan T. und Stefan R. noch viele Rätsel auf.

Das Opfer Stefan T. gilt als zuverlässig. Der 44-Jährige lebt in einer WG in Berlin-Lichtenberg, arbeitet als Monteur im Hochleitungsbau. Auf verschiedenen Datingplattformen verabredet er sich sowohl mit Männern als auch mit Frauen. Zu einer dieser Verabredungen bricht er am 5. September kurz vor Mitternacht auf und kehrt nie zurück.

Zunächst scheinen die Bemühungen der Berliner Polizei, T. zu finden, ins Leere zu laufen. Doch am 8. November entdecken Spaziergänger in einem Park in der Nähe der Schönerlinder Chaussee in Berlin-Buch einen Knochen. Ein DNA-Abgleich bestätigt schließlich, dass es sich um den Oberschenkelknochen von Stefan T. handelt. Was die Ermittler irritiert, die Knochen sind komplett fleischlos. Die Polizei setzt Leichenspürhunde ein. Es gelingt zudem, den Taxifahrer ausfindig zu machen, der T. am 5. September gefahren hat. Demnach stieg der 44-Jährige an einer S-Bahnstation aus und korrigierte damit sein zunächst genanntes Ziel.

Sowohl von der S-Bahnstation als auch von der Fundstelle des Knochens aus führen die Mantrailer-Hunde die Ermittler direkt zu einer Adresse in Berlin-Pankow. Hier lebt Stefan R., ein 41-jähriger Mathematik- und Chemielehrer. Er arbeitet an einer Sekundarschule im gleichen Stadtbezirk. Nach dem Knochenfund sind die Ermittler bereits auf der Spur einer möglicherweise kannibalistisch motivierten Tat, denn die Knochen sind nach Angaben des Sprechers der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, "skelettiert". Später heißt es aus Ermittlerkreisen, es gebe eindeutige Sägespuren.

Recherchen nötig

"Das hört sich so an, als wäre das Fleisch von den Knochen gelöst worden", sagt die Kriminologin Petra Klages ntv.de. Sie forscht unter anderem zu kannibalistischen Tätern. Im Internet gebe es "eindeutige Anleitungen für das Schlachten und Entbeinen von Menschen". Man müsse danach sicher suchen, aber auch Täter wie Armin Meiwes, der als Kannibale von Rotenburg bekannt wurde, oder Detlef Günzel, der in seiner Pension im sächsischen Gimmlitztal einen Menschen "schlachtete", seien schließlich fündig geworden.

In R.s Wohnung und Keller werden menschliches Blut, eine medizinische Knochensäge, eine Sackkarre, eine Kühltruhe und 25 Kilogramm Ätznatron gefunden, jedoch keine weiteren Leichenteile. Trotzdem gehen die Ermittler davon aus, dass Stefan T. dort entweder getötet oder zumindest zerteilt wurde. Für Klages sprechen die Funde eine deutliche Sprache. "Das spricht dafür, dass er es vorbereitet hat, sein Opfer zu zerteilen und zumindest für einen gewissen Zeitraum fachgerecht zu lagern."

Zumindest R. könnte gezielt nach einem Partner gesucht haben, mit dem er kannibalistische Fantasien ausleben kann. Ob darüber mit T. Einvernehmen herrschte, gehört zu den Fragen, auf die die Ermittler Antworten suchen. "Es besteht ja auch die Möglichkeit, dass lediglich eine Verabredung bestand, Amputationshandlungen vorzunehmen. Es könnte auch sein, dass das Opfer von seinem eigenen Körper probieren wollte", meint Klages. Bisher ist nur klar, der mutmaßliche Täter und das spätere Opfer kannten sich aus einem Datingchat. R. hatte sich seinen Suchverläufen nach zudem für Kannibalismus interessiert. Der Staatsanwaltschaft zufolge gibt es derzeit jedoch keine Hinweise darauf, dass sich auch das Opfer "in dieser Szene bewegt haben könnte". Deshalb halten die Ermittler derzeit eine einvernehmliche Übereinkunft zur Tat für ausgeschlossen.

Um sich über Amputations-, Tötungs-, Zubereitungs- und Verspeisungsfantasien auszutauschen, muss man ins Darknet. Den Chat Zambian Meat, über den einst der Kannibale von Rotenburg sein Opfer fand, gibt es mittlerweile nicht mehr. Aber die Expertin weiß von mindestens zwei Chaträumen, in denen sich Kannibalismus-Interessierte finden.

Schwere Störung

Auch Stefan R. dürfte sich zunächst lange mit entsprechenden Fantasien beschäftigt haben. "Die Fantasie ist der Ursprung eines möglichen Handelns, obwohl sicher nur ein sehr kleiner Teil der Menschen mit kannibalistischen Fantasien schließlich zur Umsetzung bereit ist", sagt Kriminologin Klages. Das im menschlichen Wertkanon durchaus verankerte Kannibalismustabu verliere dabei seine Gültigkeit. "Diese Menschen setzen sich damit ja unentwegt auseinander." Die Fantasien entstünden zudem nicht von jetzt auf gleich. "Der mutmaßliche Täter wird sich lange mit Kannibalismus auseinandergesetzt haben, gelesen haben, alle Informationen herangezogen haben, die er bekommen konnte." Diese immer genauer ausformulierten Fantasien schaukeln sich dann immer weiter hoch, bis schließlich eine Verabredung zu kannibalistischen Handlungen erfolgt.

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Dabei handele es sich natürlich um "extrem gestörtes Verhalten", betont die Expertin. Diesem Verhalten können bestimmte Erkrankungen zugrunde liegen, beispielsweise Schizophrenie, hirnorganische Schäden oder schwere Persönlichkeitsstörungen. Trotzdem ist die Antwort nach dem Warum in jedem Kannibalismusfall eine andere, selten fällt sie einfach aus. Bei Armin Meiwes war das Handeln "erschreckenderweise von romantischen Gefühlen geprägt. Er wollte einen Menschen, der ihm mehr als sympathisch war, für immer in sich behalten. Weil er frühzeitig Menschen verloren hat." Detlev Günzel lebte dagegen sadistische Fantasien aus und befriedigte sich dabei sexuell.

Aus wissenschaftlicher Sicht steht jedoch fest, dass es bei den Tätern in Kindheit und früher Jugend schwere Traumata gegeben hat, die ihre Entwicklung zum Negativen beeinflusst haben. Klages geht davon aus, dass es in Deutschland "mit Sicherheit einige Tausende Menschen in Deutschland gibt, die kannibalistische Tendenzen oder Fantasien haben".

Ihrer Ansicht nach gibt es auch deutlich mehr kannibalistische Taten, als schließlich bekannt werden. Wenn beispielsweise lediglich Teile von Leichen gefunden werden, könnte das ein Hinweis auf kannibalistische Handlungen sein. Selten sind die Spuren so eindeutig wie jetzt im Berliner Fall. Ob Stefan R. sein Opfer getötet hat, um es zu verspeisen und ob er das tatsächlich getan hat, weiß nur er selbst. Und bisher schweigt er.

Quelle: ntv.de