Panorama

"Dann hol dir deinen Döner" Terror-Prozess: Vater schildert letzten Tag seines Sohnes

imago0094107630h.jpg

In diesem Imbiss wird Kevin erschossen. Sein Vater ist seitdem ein gebrochener Mann.

(Foto: imago images/Lutz Winkler)

Im Prozess um das Attentat in Halle berichtet der Vater eines Opfers von jenem dramatischen Tag. Voller Liebe erzählt er von seinem Sohn und dessen Bemühungen um ein eigenes Leben. Dann verändern wenige Augenblicke alles. Zurück bleibt ein gebrochener Mann.

Tag zwölf im Prozess gegen Stephan B. wegen des Terroranschlags von Halle: Erstmals kommt ein Angehöriger eines der beiden Todesopfer zu Wort. Es ist der Vater des damals 20-jährigen Kevin S. Sein Sohn hatte sich in der sachsen-anhaltischen Stadt einen Döner holen wollen, als ihn der Attentäter erschoss. In den folgenden gut 20 Minuten wird in der Aussage überdeutlich, dass im Leben des Mannes nichts mehr so ist wie zuvor. Unvergessen ist das letzte Telefonat mit seinem Sohn, jenes, das so dramatische Folgen haben wird.

Als der Attentäter auf Kevin trifft, hat er bereits vergeblich versucht, in die nahe gelegene Synagoge einzudringen, in der mehr als 50 Gläubige den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur begingen. Direkt vor dem Gotteshaus erschießt er eine 40 Jahre alte Passantin. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 28-Jährigen vor, "aus einer antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Gesinnung heraus einen Mordanschlag auf Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens" geplant zu haben. Der Deutsche hat die Taten gestanden.

"Er war megastolz"

Kevins Vater erscheint vor Gericht mit einem Fan-Schal des Halleschen FC. Es war der Lieblingsklub seines Sohnes. Kevin, so schildert er es, hatte einen schweren Start ins Leben. Das Kind war geistig behindert, besuchte später eine Förderschule. Trotzdem lässt er sich von seinem großen Traum, Maler zu werden, nicht abbringen. Er absolviert Praktika in Malerbetrieben und schafft mit viel Durchhaltevermögen seinen Schulabschluss. "Er hat es geschafft, als Maler seinen Traumberuf zu bekommen. Er hat sich das alleine aufgebaut." Sein Geld gibt Kevin für Fußballtickets aus. Er hebt sie alle auf - aus Stolz, sie von seinem eigenen Geld gekauft zu haben. "Er war megastolz" - dieser Satz fällt in der gut 20-minütigen Aussage öfter.

Mehrfach versagt dem Vater, während er erzählt, die Stimme. Dann legt der Anwalt zur Beruhigung seine Hand auf den Rücken des Mannes. Ein wenig übergewichtig sei Kevin gewesen. Deswegen habe seine Mutter eigentlich auf gesunde Ernährung geachtet.

Am 9. Oktober ruft Kevin seine Mutter an. Er habe sein Pausenbrot vergessen, erzählt er und wolle nun zusammen mit seinen Kollegen einen Döner holen dürfen. Die Mutter sagt nein, er solle doch an seine Figur denken. Doch Kevin lässt nicht locker. Die Eltern sind geschieden. Kevin ruft seinen Vater an. "Er hat uns manchmal ein bisschen gegeneinander ausgespielt, aber nicht in böser Absicht", sagt der Vater nun. Als er dies erzählt, bricht er beinahe zusammen. Denn an jenem Tag erlaubt er seinem Sohn, mit den Kollegen in den Imbiss zu gehen. "Okay", habe er zu dem 20-Jährigen gesagt, "dann hol dir deinen Döner, aber das ist diese Woche der letzte."

Dann sieht er im Video seinen Sohn sterben

Im beinahe voll besetzten Saal des Landgerichts Magdeburg herrscht in diesem Moment absolute Stille. Gestützt durch seinen Anwalt sowie zwei Opferbetreuer bemüht sich der Vater weiter, das für ihn noch immer Unbeschreibliche in Worte zu fassen: der Moment, als er vom Tod seines Sohnes erfährt.

Als am Mittag in jenem Oktober die ersten Berichte über eine Schießerei in der Stadt die Runde machen, können weder er noch Kevins Mutter ihren Sohn erreichen. Der Vater beginnt, die Freunde seines Sohnes anzurufen. Auf Facebook schaltet er eine Vermisstenanzeige. "Gegen 18 Uhr sagte ein Freund, 'ich habe was, ich schicke Dir was rüber'." Es ist das Video, das zeigt, wie Kevin getötet wird. In diesem Moment wird der Vater von seiner Trauer überwältigt. Die Vorsitzende Richterin unterbricht die Verhandlung. Der Angeklagte Stephan B. schaut scheinbar teilnahmslos in Richtung des Vaters.

Als es weitergeht, fragt die Richterin, wie es der Familie nun gehe. "Es ist jetzt ein anderes Leben, das wir so bisher nicht kannten. Wir brauchen extrem viel Hilfe", sagt der Vater. Er sei stark suizidgefährdet. In den vergangenen drei Monaten wurde er dreimal in einer geschlossenen Psychiatrie behandelt. Einmal hatte sein Bruder den Krankenwagen gerufen, zweimal alarmierte er selbst die Polizei, "weil es nicht mehr ging". Stephan B. zeigt weiter keine Regung, schaut aber aufmerksam zu.

"Bitte nicht, bitte nicht!"

Später am Tag werden noch die Brüder Rifat und Izmet aufgerufen. Beide arbeiteten am Tag des Amoklaufes im "Kiez-Döner". Inzwischen gehört ihnen der Imbiss. Der Besitzer hatte ihn beiden nach dem Amoklauf überlassen. Er sei alleine im Imbiss gewesen, nach und nach kamen die ersten Kunden, erzählt Rifat. Gerade als er den zweiten Döner fertig machen will, sieht er Stephan B. in einer militärischen Kampfmontur kommen. Er hält ihn für einen Soldaten.

Dann aber habe dieser eine kleine Bombe oder Handgranate auf die Tür des Imbisses geworfen, sagt Rifat. Dann beginnt er zu schießen. "Ich habe mich dann hinter der Salattheke versteckt." Von dort hört er, wie jemand im Laden um sein Leben fleht: "Bitte nicht, bitte nicht!" In dem Moment habe er gewusst, dass der Attentäter ihm den Rücken zudrehte und er sei ins gegenüberliegende chinesische Restaurant geflohen, so Rifat. Von dort ruft er seinen Bruder Izmet an.

Dieser überlegt nicht und rennt sofort zum Imbiss. Auf dem Weg dorthin warnen ihn entgegenkommende Passanten, dass jemand wild um sich feuere, erzählt er. "Ich habe als großer Bruder die Verantwortung für meinen Bruder." Er frage sich, warum solche Vorfälle seit Jahren immer wieder passieren und nicht verhindert werden. Er ist sich sicher, "dass der deutsche Staat, wenn er sich dieser Dinge wirklich ernsthaft annimmt, sie auch lösen kann".

"Wir werden nicht weggehen"

Mehr zum Thema

Er frage sich, sagt Izmet weiter, ob sich der Angeklagte überhaupt vorstellen könne, was für einen Verlust er bei den Angehörigen verursacht hat? Was für einen Schmerz? Einst hatte er sich vorgenommen, seiner Mutter immer die Wahrheit zu sagen, sagt er. Seit fast einem Jahr erzähle er stets seiner Mutter, dass es ihm gut gehe. Dabei stimme es gar nicht, so Izmet. Rifat erzählt, seit jenem Tag vor knapp einem Jahr könne er nachts kaum noch schlafen. Seinem Bruder aber sei der Imbiss gerade nach den Erlebnissen sehr wichtig und er wolle ihn deshalb auch unterstützen.

Doch anders als es sich der Angeklagte wohl erhofft habe, sei in der Gesellschaft seit der Tat noch mehr Zusammenhalt entstanden, sagt Izmet. "Wir haben kein Hass auf dieses Land, wir werden nicht weggehen, und wir werden unseren Laden nicht aufgeben."

Quelle: ntv.de