Panorama

Sechs Monate nach verheerendem Beben Touristen meiden Nepal

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Bergsteiger am Thuglha Pass in Nepal im Oktober 2015.

(Foto: AP)

Normalerweise ist der Herbst die ertragreichste Saison für Nepals Tourismusbranche. Doch auch ein halbes Jahr nach dem Erdbeben meiden Reisende das Himalaya-Land. Zu groß sind die Vorbehalte. Dabei ist die Infrastruktur weitgehend wieder aufgebaut.

Schulter an Schulter schieben sich im Herbst normalerweise die Touristen durch Thamel. In dem Viertel im Zentrum von Nepals Hauptstadt Kathmandu reiht sich ein Trekking-Laden an den nächsten, dazwischen drängen sich Souvenir-Shops voller Buddha-Statuen und Kühlschrank-Magnete, und in den oberen Stockwerken teilen sich Cafés und Gästehäuser den Platz. Doch in diesem Jahr sind selbst zur Hauptsaison nur wenige Ausländer in Thamel unterwegs.

Nach dem gewaltigen Erdbeben der Stärke 7,8 vor einem halben Jahr mit rund 9000 Toten haben Menschen aus aller Welt das Himalaya-Land von ihrer Reiseliste gestrichen. "Als ich meinen Freunden erzählt habe, dass ich nach Nepal gehe, haben viele gesagt: "Was? Wieso denn jetzt? Das ist keine gute Zeit!"", erinnert sich Iris Glauser aus Bern. Die Schweizerin buchte trotzdem eine 17 Tage lange Trekking-Tour im Westen Nepals.

"An vielen Orten wie etwa in Pokhara warten die Menschen sehnsüchtig auf Touristen. Sie sehen oft nur einen Kunden am Tag", erzählt Glauser. "Dabei brauchen sie Touristen - gerade jetzt!", meint die 24-Jährige. Die zuletzt rund 800.000 Besucher bringen Hunderte Millionen Euro jährlich ins Land. Der Tourismus ist die zweitwichtigste Einnahmequelle des extrem armen Landes.

Gästehäuser stehen häufig leer

Viele Nepalesen haben sich nach dem Erdbeben am 25. April etwas Geld geliehen oder ihr Erspartes in die Hand genommen, um die Pensionen und Läden wieder aufzubauen. "Jetzt stehen die Gästehäuser oft leer", sagt Temba Tsheri Sherpa, Betreiber der Trekking-Agentur Sherpa Kangri Outdoor. "Dabei war sonst im Oktober immer jedes einzelne Gästehaus in der Everest-Region belegt." Auch Wanderführer und Träger hätten im Khumbu-Tal derzeit kaum etwas zu tun.

Alice Martin und sechs ihrer Freunde aus Seattle sind trotzdem aus den USA ins Khumbu-Tal geflogen. Allerdings nicht, um Wandern oder Bergsteigen zu gehen, sondern um beim Wiederaufbau zu helfen. "Die Menschen dort sind wirklich ausgebrannt, sie haben seit dem Erdbeben unermüdlich gearbeitet", erzählt sie. Sie hätten die Pfade freigeräumt, die alten Häuser abgerissen, das Material sortiert, neue Gebäude gebaut und gleichzeitig ihre Felder bestellt.

In zahlreichen Tälern Nepals hat das Erdbeben auch gefährliche Erdrutsche ausgelöst. Noch immer lösen sich an vielen Stellen Hänge. Doch die beiden beliebten Trekking-Gebiete am Annapurna-Massiv und im Khumbu-Tal seien sicher, versichert die nepalesische Regierung. Auch deutsche Anbieter reisen dort wieder hin. "Die Berge sind so schön wie immer", schwärmt die US-Amerikanerin Martin.

Politische Proteste

Hotels in Kathmandu verzeichnen Einbußen von bis zu 80 Prozent. Den Grund sehen die Nepalesen nicht nur im Erdbeben, sondern auch in politischen Protesten. Demonstranten blockieren seit Wochen die Straßen nach Indien, so dass kaum noch Lastwagen mit Benzin und Kochgas über die Grenze kommen. "Wir können kein Essen zubereiten, nur Kaffee kochen", sagt etwa der Kellner im Café Kaffeeine in Kathmandu. Viele Restaurants haben verkürzte, von Hand geschriebene Speisekarten.

Wegen des Treibstoffmangels sind derzeit nur wenige Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs. Die wenigen Touristen machen es wie die Nepalesen und laufen viele Strecken. Einzig der Fahrradverleih laufe gut, sagt der Mountainbike-Verleiher Gopal Khadki in Kathmandu. "Es kommen jetzt zwar nicht so viele Touristen wie sonst zu mir, aber dafür mieten die Einheimischen meine Räder."

Quelle: n-tv.de, Doreen Fiedler, dpa

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