"Noch nicht erlebt"Umweltminister tief bestürzt über Hass im Wal-Drama

Der vor der Insel Poel gestrandete Wal liegt im Sterben. Das Drama um seine missglückte Rettung jedoch geht weiter. Fake News, private Anschuldigungen bis hin zu Morddrohungen werden verbreitet. Umweltminister Till Backhaus ist entsetzt.
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus zeigt sich "tief betroffen" von dem Drama rund um den vor Wismar in der Ostsee gestrandeten Wal. "Diese aufgeheizte Stimmung, die in Teilen von Social Media abläuft sowie in anderen Bereichen, macht mich traurig, tief traurig", sagte er.
Drohungen gegen Behörden, Wissenschaftler und Helfer könne er nicht akzeptieren. Er mache den Job seit vielen Jahren, "aber eine solch extreme Situation auch von Anfeindungen und von Vorwürfen, die schlicht und ergreifend unwahr sind, so etwas habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt". Private Einmischungen dieser Art seien ihm bisher fremd gewesen.
Laut dem Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern sind Drohungen bei verschiedenen beteiligten Stellen eingegangen. Wie der Sprecher des Ministeriums der "Zeit" sagte, erhielten das Ministerium, Feuerwehr, Polizei, Bürgerbüros und nachgeordnete Behörden Tausende E-Mails, teilweise mit Morddrohungen.
Auch Fake News sind Backhaus zufolge im Umlauf - unter anderem zu größeren Bewegungen des Wals, die tatsächlich eher minimal waren, sowie zu vermeintlich unterlassener Hilfeleistung, sagte er. Diskussionen seien berechtigt, aber es sei wichtig dabei den Anstand zu wahren.
Backhaus betonte, dass alle versuchen, dem Wal zu helfen und dass man sich dazu extern wissenschaftlich beraten alsse. "Ich bin der festen Überzeugung, wir haben richtig gehandelt", sagte er.
Der Wal sei orientierungslos und habe schwerste Verletzungen auf dem Rücken und an der Seite. Alle Experten sagen demnach "lasst ihm seine Ruhe - ein Eingriff würde diesem Tier massive Schäden zufügen". Der Buckelwal sei so schwach und geschädigt, dass er die Heimreise demnach nicht schaffen werde. Das müsse man anerkennen.
Bürgermeister macht Wal-Retter Vorwürfe
Zuletzt hatte der Bürgermeister vom Timmendorfer Strand, Sven Partheil-Böhnke, dem Influencer und Tierfilmer Robert Marc Lehmann, welcher sich in den sozialen Medien als "Wal-Flüsterer" einen Namen gemacht hatte, schwere Fehlentscheidungen vorgeworfen. Der "Bild" hatte Partheil-Böhnke gesagt, Lehmann habe zwar zunächst als kompetenter Experte präsentiert, letztlich seien seine "Prognosen und Annahmen aber zu 100 Prozent falsch" gewesen. Lehmann hätte demnach mehr Wert auf seine Instagram-Videos gelegt, als sich tatsächlich um das Wohl des Tieres zu sorgen. Der Vorschlag des Influencers, den Wal mit nur einem Boot zu begleiten, habe dazu geführt, dass dieser aubüxte - dabei habe man wertvolle Zeit verloren.
Bei allen Streitigkeiten sollte die Begleitung des Wals "bis zur letzten Minute" nun im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, sagte Backhaus. Er sei dankbar für den Einsatz der freiwilligen Helfer rund um die Strandung. Der gestrandete Buckelwal lebt und liegt derzeit weiterhin an derselben Stelle vor der Insel Poel, an der er seit mehr als einer Woche festsitzt. "Er ist unter Kontrolle und in Begleitung und ich nehme die Sache nach wie vor sehr ernst."
Für ihn sei die Situation rund um den Wal eine "Tragödie" und er sei "tief betroffen." Er leide nach eigener Aussage mit dem Wal. "Wir machen nun palliative Maßnahmen. Wenn man es bildlich betrachten will, ist er im Hospiz", sagte Backhaus.
Nach Anfeindungen: Ministerium prüft Anzeigen
Der vor Wismar gestrandete Buckelwal sorgt weiter für heftige Reaktionen - und könnte ein juristisches Nachspiel haben. Nach Anfeindungen gegen Behörden, Wissenschaftler und Helfer prüft die Landesregierung in Schwerin, Strafanzeigen zu erstatten. "Was strafrechtlich relevant ist, wird zur Anzeige gebracht", sagte der Sprecher von Umweltminister Till Backhaus, Claus Tantzen, der Deutschen Presse-Agentur.
Im Umwelt- und im Innenministerium würden entsprechende Äußerungen gesammelt und geprüft. Drohungen richteten sich etwa gegen Behördenmitarbeiter, Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen und Ehrenamtliche.