Panorama

Rübsamen-Schaeff im Interview Uns droht eine "Pandemie der Nicht-Geimpften"

 Prof. Helga Rübsamen-Schaeff

Prof. Helga Rübsamen-Schaeff ist Virologin, Chemikerin und Unternehmerin. Sie sitzt in mehreren Aufsichtsräten, unter anderem der Firma Merck. Rübsamen-Schaeff ist seit 2018 Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

(Foto: imago images)

"Impfen, was das Zeug hält!" Das ist das Motto der Virologin Helga Rübsamen-Schaeff. Flankierend dazu sollten wir uns aber auch um Medikamente gegen Covid-19 kümmern, sagt sie. In Deutschland bestehe da Nachholbedarf. Ob Impfstoff oder Medikamente: Von einer Patent-Freigabe, wie sie zuweilen gefordert wird, hält Rübsamen-Schaeff nichts.

ntv.de: Alle sprechen über Impfungen, Sie sprechen über Medikamente. Warum?

Helga Rübsamen-Schaeff: Die USA und wir in Deutschland sind ungefähr gleichstark durchgeimpft, rund 60 Prozent Erstimpfungen, 50 Prozent Zweitimpfungen. Die USA machen jetzt aber gerade etwas durch, was sie eine "Pandemie der Nicht-Geimpften" nennen. Rochelle Walensky, die Chefin des Centers for Disease Control …

also der obersten Institution für die Gesundheit der USA …

… hat gesagt, die Inzidenzen steigen, die Todesfälle in Krankenhäusern steigen, die Krankenhauseinweisungen steigen. Und 97 Prozent derer, die ins Krankenhaus kommen, sind ohne Impfung. Das heißt, es gibt 3 Prozent, die trotz Impfungen hospitalisiert werden müssen. Aber die allermeisten, die jetzt ins Krankenhaus kommen, hatten eben noch keine Impfung. Und bei den Zahlen, die ich genannt habe, ist ja auch klar, dass die Hälfte der Bevölkerung noch nicht vollständig geimpft ist. Und deswegen sehe ich schon einen sehr dringenden Bedarf an Medikamenten, die das Virus direkt angreifen.

Und wo stehen wir da in Deutschland?

In Deutschland sind wir ziemlich weit hinten. Weltweit gibt es eine ganze Menge Entwicklungen. Beispielsweise die Firma Pfizer, die ja auch den Biontech-Impfstoff macht, die haben zwei Medikamente in der Phase 2 der klinischen Testungen, also in der Testung am Infizierten. Das sind sogenannte Protease-Hemmer. Die Protease ist ein Enzym, das Eiweißmoleküle zerschneiden kann. Und das Virus braucht seine eigene Protease, um seine Hülle und alles, was es braucht, um infektiös zu werden, richtig zusammenzubauen. Und wenn sie dieses so lebenswichtige Enzym des Virus angreifen, dann hat das Virus ein Problem und kann eben nicht mehr weiterleben. Pfizer versucht, das Medikament bis Ende dieses Jahres in den USA noch in die Zulassung zu bringen.

Wenn ich Sie richtig verstehe, dann stehen uns diese Medikamente erst im nächsten Jahr zur Verfügung. Nützen die uns dann noch?

Ich würde mal so sagen: Remdesivir gibt es jetzt schon, das müsste auch in Deutschland zur Verfügung stehen. Die anderen Medikamente kommen in der Tat erst am Ende des Jahres. Die helfen uns jetzt, wenn jetzt ein Patient mit Covid-19 ins Krankenhaus kommt, erstmal nicht. Dann kann er wahrscheinlich nur mit Remdesivir behandelt werden oder, und das ist die andere Alternative, wo man das Virus auch direkt angreift, mit Antikörpern. Wir bilden ja, wenn wir infiziert werden, Antikörper gegen die entsprechenden Viren, und diese Antikörper hat man jetzt eben als Medikamente hergestellt und kann sie auch spritzen.

Wir rechnen ja jetzt im Herbst mit der nächsten Welle und mit den nächsten Infizierten. Gehen Sie denn davon aus, dass wir im nächsten Jahr noch so viele Erkrankte haben werden, dass diese Medikamente noch zum Einsatz kommen müssen?

Das weiß man nicht. Ich glaube, es wird davon abhängen, ob wir weitere Varianten kriegen, gegen die die Impfstoffe schlechter wirken, oder ob die Impfstoffe in ihrer Wirkung nachlassen. Es gibt ja auch die Diskussion, ob wir ein drittes Mal impfen müssen. Das sind alles Dinge, die man nicht weiß. Und weil man sie nicht weiß, bin ich auch ein starker Verfechter, zu sagen: Wir müssen weiter dringend an Medikamenten arbeiten, um auch da eine Alternative zu haben.

Frankfurter Forscher haben jetzt so etwas wie eine Schwachstelle am Virus entdeckt, die man auch für Medikamente nutzen kann. Können Sie uns das mal erklären?

Die Coronaviren haben als Erbgut sogenannte RNS. Und auf dieser Corona-RNS gibt es verschiedene Stellen, die extrem hoch konserviert sind. Also, wenn ich verschiedene Coronaviren vergleiche, dann ändern sich diese Stellen kaum. Und weil diese Stellen bei allen Coronaviren eben so konserviert sind, haben die Frankfurter Forscher gesagt, dann muss das eine Achillesferse des Virus sein. Und wir versuchen dagegen Medikamente zu finden.

Lassen Sie uns über die Zahl der Neuinfektionen sprechen. Die steigen im Moment wieder an, nicht nur bei uns, europaweit. Die Maßnahmen scheinen nicht im selben Maße anzusteigen, im Gegenteil, die gehen mancherorts sogar noch zurück. Nehmen wir die Delta-Variante nicht ernst genug?

Nun, was wir in Großbritannien sehen, die vor zwei oder drei Tagen gesagt haben: "Wir lockern alle Maßnahmen. Die Menschen sind jetzt für sich selbst verantwortlich", das heißt, man lässt es einfach laufen, das kann ich mir bei uns nicht vorstellen, muss ich ganz klar sagen. Also ich glaube schon, dass es sinnvoll ist, Maßnahmen aufrechtzuerhalten, die die Ausbreitung von Delta reduzieren, damit wir mehr Zeit gewinnen, um noch mehr Menschen zu impfen.

Es gibt gerade so eine gewisse Impfmüdigkeit und Impfstoff bleibt auch mal liegen, im Speziellen Astrazeneca. Wie sollten wir damit umgehen? Wir wissen ja auch, dass Astrazeneca bei heterogener Doppelimpfung durchaus wirksam ist.

Ich kann nur sagen: Jeder, der geimpft werden kann, sollte geimpft werden. Wenn man sagt, man möchte Astra nicht bei jüngeren Menschen verwenden, dann soll man ihn eben älteren Menschen geben. Es gibt ja auch noch genug Ältere, die geimpft werden müssen. Wir sind ja auch da noch nicht bei allen durch. Ich kann nur sagen: Impfen, was das Zeug hält! Die Impfstoffe, die man nehmen kann, sollte man nehmen.

Ich würde mit Ihnen auch gerne nochmal über Patente sprechen. Sie sind in der Wirtschaft gut vernetzt und gleichzeitig Wissenschaftlerin. Deutschland weigert sich, Patente freizugeben und wird dafür auch kritisiert. Welchen Unterscheid würde es tatsächlich machen im weltweiten Impffortschritt, wenn Deutschland sich umentscheiden würde?

Es kommt darauf an, von welchem Impfstoff wir reden. Wenn ich einen Impfstoff freigeben würde, also Patente freigeben würde, von einem Impfstoff, der mit klassischen Methoden gemacht wird - also ich züchte zum Beispiel das Coronavirus, töte es ab und fülle es in eine Spritze und spritze das inaktivierte Virus, das Totvirus sozusagen – dann ist das eine ganz klassische Technologie, dann kann das jeder auf der Welt wahrscheinlich relativ schnell machen, wenn man da jetzt ein Patent freigibt. Wobei - auch da müssen ja die Viren erst gezüchtet werden und, und, und.

Das heißt, das dauert?

Genau, das dauert Monate.

Und bei den mRNA-Impfstoffen?

Bei den mRNA-Impfstoffen ist es so, dass die Herstellungs-Verfahren sehr komplex sind. Sie brauchen Ausgansmaterialen für die Herstellung, die heute auch nicht mehr überall verfügbar sind, weil man eben alles aufgekauft hat, was man kriegen konnte. Da würde auch rein technisch ein Freigeben der Patente nichts bringen.

Aber Sie sind ja auch abgesehen von den technischen Schwierigkeiten eher skeptisch beim Thema Patent-Freigabe.

Das stimmt. Ich bin ganz prinzipiell dagegen. Weil die Erforschung und dann die klinische Prüfung, alles was man braucht, um die Zulassung für ein Medikament oder einen Impfstoff zu bekommen, viel Zeit und sehr, sehr viel Geld kostet. Die Firmen müssen einfach die Sicherheit haben, dass sie hinterher auch die Preise bekommen, die ihnen erlauben, das Geld wieder einzuspielen. Was ich durchaus für sinnvoll halte, ist, dass Firmen hingehen und sagen: "Ich nehme einen hohen Preis in der Ersten Welt und dann kann ich Ländern, die weniger Geld haben, mein Medikament oder meinen Impfstoff zu einem deutlich niedrigeren Preis zur Verfügung stellen." Das passiert ja auch. Bei HIV haben wir das gesehen, da ist das so gemacht worden. Und auch jetzt gibt es ja schon Ansätze, dass Firmen Ländern, die nicht so viel bezahlen können, ihre Impfstoffe zu anderen Preisen zur Verfügung stellen wollen.

Mit Prof. Helga Rübsamen-Schaeff sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.