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Dem Gebäude wurde buchstäblich der Boden entzogen, was den Einsturz schließlich auslöste.
Dem Gebäude wurde buchstäblich der Boden entzogen, was den Einsturz schließlich auslöste.(Foto: dpa)
Freitag, 12. Oktober 2018

Pfusch am Bau vor Gericht: Urteil im Kölner-Stadtarchiv-Prozess

Vor neun Jahren stürzte das Kölner Stadtarchiv ein. Das Fazit: zwei Tote, unzählige zerstörte Dokumente und ein Milliardenschaden. Nun wird ein Urteil im Strafprozess gesprochen. Doch die Aufarbeitung ist damit nicht beendet.

Beim Strafprozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs tickte von Anfang an die Uhr: Bis März 2019 muss es ein Urteil geben, sonst verjährt das Ganze. Am Ende ging alles schneller als gedacht und das Kölner Landgericht spricht schon jetzt sein Urteil gegen die vier Angeklagten. Die Mitarbeiter von Baufirmen und Kölner Verkehrsbetrieben (KVB), die am Bau einer neuen U-Bahn beteiligt waren, sind unter anderem wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Der Staatsanwalt ist überzeugt, dass Fehler bei den Bauarbeiten im Jahr 2009 zu dem Unglück führten, bei dem zwei Anwohner ums Leben kamen.

Nicht einmal die Hälfte der ursprünglich mehr als 100 angesetzten Verhandlungstage hat das Gericht gebraucht, um zu einer Entscheidung zu kommen. Mehrere Dutzend Zeugen haben ausgesagt: Anwohner, die teils unter Tränen berichteten, wie plötzlich ihr Haus wackelte; Bauarbeiter, die voller Entsetzen sahen, wie sich in der Wand des Archivs auf einmal Risse bildeten und das sechsstöckige Gebäude nach vorne kippte; ein Motorradpolizist, der als einer der ersten zum Einsatzort kam und zunächst nicht begreifen konnte, warum dort ein riesiger staubender Schuttberg die Straße versperrte.

Auch Gutachter hörte das Gericht, die ausführlich darlegten, wie es ihrer Einschätzung nach zu dem Unglück kommen konnte. Der vom Gericht beauftragte Hauptgutachter Prof. Hans-Georg Kempfert stützte die Annahme der Staatsanwaltschaft. Demnach drangen am 3. März 2009 durch ein Loch in einer unterirdischen Betonwand schlagartig große Mengen eines Wasser-Sand-Gemisches in die Grube ein, so dass dem Archiv buchstäblich der Boden entzogen wurde. Dieses Loch, so sieht es der Staatsanwalt, sei durch Schlamperei und Baufehler entstanden. Laut Anklage waren Arbeiter 2005 beim Aushub der Grube auf einen Gesteinsblock gestoßen, den sie nicht beseitigen konnten. Stattdessen hätten sie um das tiefliegende Hindernis herum gebaggert, so dass in der dort entstehenden Betonwand ein Hohlraum entstand.

"Das Unglück hätte verhindert werden können"

Die Angeklagten haben zwar nicht selbst den Bagger bedient. Aber drei von ihnen - zwei ehemalige Bauleiter von Baufirmen und ein Baustellenüberwacher der KVB - haben nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft ihre Sorgfaltspflichten verletzt und sich der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht. Sie hätten die Arbeiten nicht wie vorgeschrieben überprüft, dokumentiert und kommuniziert. So sei der Fehler unbemerkt geblieben. "Das Unglück hätte verhindert werden können", sagte Oberstaatsanwalt Torsten Elschenbroich in seinem Plädoyer. Er forderte für die beiden Bauleiter jeweils ein Jahr und für den KVB-Überwacher zehn Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung. Bei der vierten Angeklagten - ebenfalls Bauüberwacherin der KVB - plädierte Elschenbroich auf Freispruch, da ihr wichtige Informationen gefehlt hätten. Die Verteidiger forderten, alle Angeklagten sollten freigesprochen werden. Denn nach Ansicht der Baufirmen kommen auch andere Möglichkeiten als Unglücksursache in Betracht.

Ursprünglich saßen in dem Prozess fünf Personen auf der Anklagebank. Doch ein Polier, der in dem Verfahren als Hauptbeschuldigter galt, ist erkrankt und nicht mehr verhandlungsfähig. Zudem läuft seit Anfang August vor dem Landgericht ein zweiter Strafprozess gegen einen ehemaligen Oberbauleiter, der ebenfalls wegen fahrlässiger Tötung und Baugefährdung angeklagt ist.

Unabhängig vom Strafprozess gilt es zu klären, wer den entstandenen Schaden letztlich bezahlen muss. Eine Verurteilung könnte im späteren zivilrechtlichen Verfahren zur Klärung der Kostentragung herangezogen werden. Unter den Trümmern des eingestürzten Archivgebäudes wurden unzählige kostbare Dokumente begraben und teilweise zerstört. Die Stadt Köln schätzt den Sachschaden auf 1,2 Milliarden Euro.

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Quelle: n-tv.de