Panorama

Eine Stadt im Wartezustand Venedig sehnt Touristen wieder herbei

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Abends, wenn die Tagestouristen Venedig verlassen haben, ist die Stadt fast ausschließlich den Einheimischen vorbehalten.

(Foto: Thomas Schmoll)

Jahrelang ächzt Venedig unter dem Massenandrang von Millionen Menschen aus aller Welt. Sogar die Erhebung eines Eintrittsgelds ist im Gespräch. Dann kommt Corona. Und es zeigt sich: Ohne Touristen geht es nicht.

"Gondola, Gondola!" Sobald wieder Touristen auf der Ponte dei Dai auftauchen, fordert der Gondoliere sie auf, bei ihm einzusteigen. Einige bleiben auf der Brücke stehen und machen ein Foto. Sofort fragt der Mann: "Gondola?" Die Angesprochenen schütteln den Kopf oder erklären, sie würden es sich überlegen. Aber niemand lässt sich wieder blicken. Stundenlang geht das so. "Niente", sagt der Gondoliere frustriert. "Nichts. Absolut nichts." Dabei hat er eigentlich einen tollen Platz, um Kunden zu werben. Die Ponte dei Dai ist nur ein, zwei Gehminuten vom Markusplatz, dem bekanntesten Ort Venedigs, entfernt.

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Valentino Scarpa will endlich wieder Geld verdienen.

(Foto: Thomas Schmoll)

Normalerweise dürfen Gondoliere und ihre Gefährte nicht überall stehen. Die Stadt hat die Regeln gelockert. Aber was hilft das, wenn nur wenige Gäste kommen und dann auch fast nur jene, die keine 80 Euro für eine halbe Stunde Gondelfahrt ausgeben. Valentino Scarpa zeigt in den strahlend blauen Frühsommer-Himmel. "Schau", sagt er: "Keine Flugzeuge. Niemand kommt aus Asien, Nord- und Südamerika oder Nordeuropa." Asiaten, Süd- und Nordamerikaner sowie Skandinavier setzen sich gerne in die schmalen Boote - denn für sie gehört eine Gondelfahrt eher zum Venedig-Besuch als für Italiener oder Bayern, die jedes Jahr in die Serenissima fahren.

Auch Scarpa hat einen Platz, der eigentlich top für den Kundenfang sein müsste: Er steht mit seinem Kahn an der Riva degli Schiavoni, der berühmtesten Promenade Venedigs, die direkt am Dogenplatz vorbeiführt. Der 34-Jährige ist einer der wenigen Sandolisti Venedigs, er rudert ein Sandolo, einen weitaus selteneren Bootstyp als die Gondel. Seinen Angaben zufolge gibt es nur 20 Sandolos in der Stadt, aber 433 Gondeln. Doch dieser Tage ist auch das kein Pfund, mit dem er wuchern kann. Sein Angebot interessiert kaum.

Ort mit Kleinstadtcharme

"Wir haben nicht sehr viel zu tun", spricht der junge Mann das Offensichtliche aus. "Wir sind trotzdem da, auch weil wir das Symbol von Venedig sind und die Leute uns fotografieren wollen." Mit "zehn Prozent" gibt er die momentanen Einnahmen der Gondolieri im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie an. In Zahlen drückt Scarpa das nicht aus. Die Bootsführer schweigen zu ihren Einkünften. Schätzungen gehen von einem Jahreseinkommen aus, das mit dem eines Arztes oder Managers mittlerer Karrierestufe mithalten könne. Sicher ist aber auch: Gerade die Gondolieri hat der Lockdown extrem hart getroffen - Homeoffice ist für sie nun mal nicht möglich.

Zwar kommen langsam wieder Touristen, nachdem die Regierung in Rom die Einreisebestimmungen gelockert hat, was sicher auch damit zu tun hat, dass fast 20 Prozent der italienischen Staatseinnahmen aus dem Tourismus stammen. Aber noch sind es - gemessen am Massenansturm vor der Pandemie - sehr wenige Touristen, die sich in Venedig aufhalten. Das Klappern der Rollkoffer, sonst ein stets zu hörendes Geräusch, ist selten zu vernehmen. Reisegruppen sieht man fast nie. Selbst an Wochenenden hält sich der Andrang in Grenzen. Sobald die Tagesbesucher verschwinden, wirkt Venedig wie eine typische italienische Kleinstadt - schön, charmant und ruhig. Viele Gäste, gerade aus Deutschland, kommen in die Stadt, um sie einmal genau so zu erleben, wie sie sich gerade präsentiert.

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Fiona Giusto ist eine echte Venezianerin.

(Foto: Fiona Giusto, privat)

Die Venezianer aber können es kaum abwarten, bis es wieder losgeht. Die Stadt befindet sich in einem kollektiven Wartezustand. Mit wem immer man in der Serenissima redet, der sein Geld direkt oder indirekt mit Besuchern verdient - und das sind so gut wie alle -, sagt wie Scarpa: "Wir warten auf Gäste. Wir haben nur den Tourismus." Die Stadtführerin Fiona Giusto, die wie Scarpa in Venedig auf die Welt kam und zu den "rund 52.000 stolzen Einwohnern" gehört, die nach wie vor "in dieser zauberhaften, wunderschönen Stadt" leben, sagt: "Wir durchlaufen immer noch ein Tal von Tränen. Deshalb warten wir auf die Rückkehr der Gäste."

Fluch und Segen zugleich

Giusto, die perfekt Deutsch spricht, verweist auf das Problem, dass der Tourismus im jetzigen Umfang kaum reiche, damit ein Hotel oder auch ein Restaurant genügend verdient, um kostendeckend zu arbeiten und Personal zu halten. Alessandro Dalla Cort arbeitet nach eigenen Angaben seit 15 Jahren im "Centauro", einem angenehmen Drei-Sterne-Hotel, das aktuell Gäste mit günstigen Preisen lockt. Er meint: "Der richtige Schock war, als im Sommer alles wieder geschlossen werden musste. Wir dachten damals, es sei ausgestanden. Dann kam im Oktober der nächste Lockdown. Sieben Monate war dann alles dicht. Im Frühjahr waren es noch fünf."

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Der Markusplatz ist noch immer menschenleer.

(Foto: Thomas Schmoll)

Viele Venezianer loben die sonst gern kritisierte Politik für die Unterstützung während der Pandemie, auch wenn immer wieder betont wird, dass die staatliche Stütze allein weder zum Leben noch zum Sterben gereicht habe. Dalla Cort sagt dennoch: "Wir hatten das Glück, dass uns die Regierung in Rom in der schweren Zeit geholfen hat." Der Hotel-Angestellte, der sich als rechte Hand der Besitzer des Hauses bezeichnet, zeigt sich optimistisch. Es gebe einen großen Unterschied zum Sommer 2020. "Nun haben wir die Impfstoffe." Er sei glücklich, nach der schweren Zeit Gäste im "Centauro" empfangen zu können. "Es ist wunderschön, wieder zu arbeiten."

Es scheint, als seien die Besucher aus aller Welt - die Angaben gehen bis zu 33 Millionen pro Jahr und 80.000 bis 90.000 am Tag - Fluch und Segen Venedigs zugleich. "So kann man es sehen, vor allem dann, wenn man wie Mick Jagger nicht in Venedig wohnt", sagt Giusto, die Stadtführerin. "Da lässt es sich leichter protestieren." Der Sänger der Rolling Stones gehörte zu den Prominenten, die einen offenen Brief gegen die Wiederaufnahme der Kreuzschifffahrt nach Venedig unterzeichneten.

Hassliebe zu großen Schiffen

Nachdem der erste Riesen-Kahn nach beinahe anderthalb Jahren wieder im Hafen der Stadt anlegt hatte, erhob sich Protest. Die Vereinigung "No Grande Navi" (Keine großen Schiffe) nannte das neue Dekret der Regierung in Rom vom 1. April 2021 einen "Aprilscherz". Denn sie hatte keinesfalls beschlossen, wie es auch in Deutschland falsch berichtet worden war, die Kreuzfahrtschiffe aus der Lagune zu verbannen, sondern mittels Ideenwettbewerb neue Liegestellen suchen zu lassen. Das sozial ausgerichtete Unternehmen Venezia Autentica, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, "Venedig zu retten, indem wir die Venezianer retten", erklärt: "Wenn keine andere Route und kein anderer Hafen zur Verfügung stehen, wird sich nichts ändern." Für den Wettbewerb existierte kein klarer Zeitrahmen, klagt Venezia Autentica. Mit anderen Worten: Es ist und bleibt, wie es vor Corona war.

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Anders als es in Deutschland mitunter wahrgenommen wird, gibt es in Venedig eine differenzierte Sichtweise auf den Tourismus und insbesondere die Kreuzfahrtschiffe. "Man muss nicht dafür sorgen, dass noch mehr Leute kommen als je zuvor", sagt Giusto. "Aber Besucher aus aller Welt zu verdammen, ist auch falsch. Wir leben nun mal von ihnen. Das gilt auch für die Hafenarbeiter, die ihre Familien ernähren müssen und all diejenigen, die mit Urlauben an Land vor oder nach einer Kreuzfahrt zu tun haben. Denen kann man nicht einfach die Arbeit nehmen. Dazu braucht es andere Lösungen."

Nur welche? 2020 wollte Venedig eine Art Eintrittsgeld verlangen, was die Regierung in Rom nicht guthieß, da man Bürgern, allen voran Italienern, kaum verbieten könne, öffentliches Land zu betreten, wenn sie nicht zahlen. Giusto hält wie andere Venezianer die Debatte für "tot". Sie erklärt: "Sie wird in den nächsten Jahren nicht wieder aufleben. Alle warten gespannt auf die Rückkehr der Touristen."

Quelle: ntv.de

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