Panorama

Pause vom Overtourism Venezianer versuchen, aus Corona zu lernen

Es herrscht noch ein wenig Langeweile in Venedig.

Es herrscht - noch - ein wenig Langeweile in Venedig.

(Foto: picture alliance/dpa)

Viele Hotels und Lokale sind noch geschlossen. Das "Caffè Florian" am Markusplatz macht nur vier Tage die Woche auf. Für die Besucher bietet sich dafür aber die Gelegenheit, dem wahren Venedig und seinen Einwohnern näher zu kommen.

Venedig, Sestiere Dorsoduro, Campo Santa Margherita, 10 Uhr morgens. Kunden stehen vor den drei, vier Marktständen. Die Camerieri der Cafés bewegen sich geschäftig zwischen dem Lokal und den Tischchen auf der Piazza, an denen einige Kunden sitzen und sich einen Espresso und eine Brioche gönnen. Es ist ein strahlender Frühsommertag, perfekt um draußen zu sitzen und sich so auch des Mundschutzes zu entledigen, der in den Lokalen weiter Pflicht ist. Auf dem Campo tummeln sich normalerweise die Studenten der nahegelegenen Architekturuniversität. Doch die Unis sind weiter geschlossen, die Touristen lassen noch auf sich warten, und so sind es vornehmlich Venezianer, auf die man trifft.

Lauscht man den Gesprächen an den Nebentischchen, drehen sich diese meistens um das Coronavirus und um die vielen jetzt leerstehenden Ferienwohnungen. Eine ältere Frau mit schneeweißem Haar und rotem Kostüm kommt so richtig in Schwung, während sie dem Obsthändler erklärt: "Die haben Venedig ermordet!"

Fehler der Vergangenheit rächen sich

Man horcht auf, will wissen, wen sie damit meint, und Signora Bruna gibt gerne Auskunft. "Wissen Sie, ich bin 84 Jahre alt und stamme aus einer Familie der Dogi" erklärt sie gleich vorweg. "Venedig war einst eine elegante, kultivierte Stadt. Mein Vater und mein Großvater waren Künstler, gebildete Menschen. Aber schauen Sie sich einmal um, nichts als Ramschgeschäfte mit Ware aus China." Die Touristen würden sich auf Venedig nicht vorbereiten, nur alles schnell konsumieren und dann weiterziehen. Der Blumenhändler Andrea, der mit seiner Frau Raffaella seit 25 Jahren zweimal die Woche auf diesem Campo den Stand aufbaut, schmunzelt amüsiert über das Gezeter, gibt Signora Bruna aber recht. "Im Moment hat man das Gefühl, an einen einst sehr geliebten und lange Zeit vermissten Ort zurückgekommen zu sein", sagt er. "Nichts gegen die Touristen, im Gegenteil, auch sie gehören zu dieser Stadt, nur nicht in den verheerenden Massen der letzten Jahre. Jetzt nimmt man auch die Venezianer wieder wahr. Man wäre fast geneigt zu sagen: 'Siehe da, es gibt sie noch', auch wenn immer weniger im historischen Zentrum leben."

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Die Gondoliere haben gerade wenig zu tun.

(Foto: A. Affaticati)

Es stimmt, was der Blumenhändler sagt: Um die 50.000 Einwohner sind es heute. Seit der Jahrtausendwende sind Jahr um Jahr an die 1000 Einwohner von der Insel weggezogen, weil die Mieten zu hoch sind und die einstigen Lebensmittelgeschäfte durch Souvenirläden ersetzt wurden. "Und das rächt sich jetzt", fährt Andrea fort. "Man braucht nur durch die Gassen zu spazieren und sieht überall Geschäfte, die noch geschlossen sind und wahrscheinlich gar nicht mehr öffnen werden. Wobei es sich in erster Linie um Souvenirläden handelt."

Aber wer weiß, vielleicht folgen den Versprechen der Politiker jetzt auch wirklich Taten. Das zumindest entnimmt man den Worten von Paola Mar, die im Stadtrat für den Tourismus zuständig ist. Sie erklärt ntv.de: "Die Stadtverwaltung hat mit einigen Besitzern von Ferienwohnungen ein Abkommen geschlossen, um deren Appartements wieder auf den normalen Wohnungsmarkt zu bringen und sie dann, zu einem gebundenen Preis, zum Beispiel an Studenten zu vermieten."

Die Verabredung mit Signora Mar ist im Sestiere Santa Croce, in einem Drei-Sterne-Hotel, das sich in einem wunderschönen Palazzo aus dem 15. Jahrhundert einquartiert hat. Das Hotel ist aber noch geschlossen. Auf die Frage, wann es wieder Gäste empfangen wird, hebt der Direktor, der anonym bleiben will, die Arme und antwortet: "Mitte Juli oder Anfang September. Kommt auf die Ausländer an. Wenn es aber stimmt, dass die American Airlines ihren ersten Flug nach Italien erst am 25. Oktober plant, dann ist das ganze Jahr im Eimer."

Das "Florian" geht den Neustart sachte an

Es sind aber nicht nur die Hotels, die noch abwarten, darunter auch die noblen Absteigen Londra Palace und Hilton Stucky; das Sieben-Sterne-Hotel Aman, in dem Hollywood Star George Clooney und Gattin Amal Alamuddin gerne absteigen, hat stattdessen schon geöffnet. Auch viele historische Lokale wollen den Neustart sachte angehen: Das berühmte Caffè Florian am Markusplatz, von dessen Tischen schon Giacomo Casanova, Lord Byron oder Goethe den atemberaubenden Anblick der Basilika genossen, hat am 11. Juni zum ersten Mal wieder geöffnet und wird für die nächsten Wochen immer nur von Donnerstag bis Sonntag die Gäste empfangen. Die Tische sind noch spärlich besetzt und auch auf dem Markusplatz ist wenig los. Ein paar Ausländer macht man dann doch aus, es sind Deutsche und Österreicher, die sich Richtung Rialtobrücke bewegen. Am dortigen Markt ist schon mehr los. Besonders an den Fischständen, wo die versierten Augen der Venezianer das Fischangebot abtasten, um sicher zu gehen, dass dieser auch wirklich frisch ist.

Und weiter geht es zur Kirche dei Frari, wo man jetzt ohne zu warten hineinkommt und in aller Ruhe die Gemälde von Tizian und Giovanni Bellini bewundern kann. Am Ufer des davor gelegenen Rio steht der Gondoliere Sebastiano, ein stämmiger Mann um die 40. Er versucht gar nicht erst, die Touristen aufzuhalten. "Das sind Italiener, die haben ja genauso wenig Geld wie ich", sagt er ntv.de. Entlang des Canal Grande sieht man aber dann doch die eine oder andere besetzte Gondola, die sich geschmeidig voran bewegt.

Venedig ohne Touristen geht natürlich auch nicht, man müsste halt die richtige Balance finden zwischen Besuchern und Einwohnern, Tourismusgewerbe und anderen Tätigkeiten. "Da müsste man aber gewillt sein, wieder in Kultur und Bildung zu investieren", meint Gualtiero Dall'Osto, der seine Bottega in einer versteckten Gassennische im Sestiere San Polo hat. Dall'Osto ist einer der letzten fünf "Mascareri" (Maskenhersteller) in der Stadt. Als Student hat er die Kunstakademie in Venedig besucht und sich dann für diesen Beruf entschieden, den er jetzt schon seit 40 Jahren ausübt.

"Venedig war einst so etwas wie eine Freilichtkunststätte", fügt er hinzu. Heute wüssten die wenigsten, was Kunsthandwerk wirklich bedeutet. In seiner Bottega lebe die Renaissance weiter, Kreativität und Kunstfertigkeit sollen fortbestehen. Die Masken, die man früher sechs Monate im Jahr trug, gehören zu dieser Stadt, genauso wie die Lagune, meint er. "Die Maske war für die Venezianer wie eine zweite Haut." Das ist lange her, aber wer weiß, vielleicht kommt jetzt nach der Pandemie wieder die Zeit, in der sich in den Masken erneut die wahre Seele der Stadt widerspiegeln wird.

Quelle: ntv.de