Panorama

Politikern mit Mord gedrohtVerschwörungstheoretiker haben es auf den Wal abgesehen

17.04.2026, 07:37 Uhr IMG_9087Von Max Patzig
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HANDOUT-30-03-2026-Mecklenburg-Vorpommern-Wismar-Eine-Drohnenaufnahme-herausgegeben-von-Greenpeace-zeigt-den-Buckelwal-in-der-Wismarbucht-Dem-in-der-Wismarbuch-liegenden-Buckelwal-geht-es-nach-wie-vor-nicht-gut-Einer-Meeresschutz-Expertin-der-Organisation-Greenpeace-zufolge-wirkt-der-Wal-weiterhin-allgemein-geschwaecht
Schon mehr als drei Wochen beschäftigt der Ostsee-Wal die Menschen in Deutschland. (Foto: Greenpeace Germany/Daniel Müller)

Der in der Ostsee gestrandete Wal spaltet das Land. Soll man ihn lieber retten oder sterben lassen? Manche Leute verbreiten in diesem Kontext Verschwörungsmythen. Experten erklären, wie es dazu kommt - und warum das gefährlich ist.

Der gestrandete Wal in der Ostsee sorgt für Aufregung. Nicht etwa, weil er plötzlich wieder schwimmt oder schließlich doch gestorben ist. Eine Verschwörungstheoretikerszene formiert sich unter dem Deckmantel, dem Meeressäuger beistehen zu wollen. Sie betreten nicht nur von der Polizei gesperrtes Gelände, sondern wünschen auch Politikern den Tod. Das machen sie mal anonym im Internet, mal ganz öffentlich auf Demonstrationen.

Ein Mann auf einer solchen Demo in Mecklenburg-Vorpommern sagt dem "Spiegel", er glaube, der Wal sei bewusst in die Ostsee getrieben worden. "Das weiß ich aus mehreren Quellen. Die wollen Experimente mit dem machen." Er bekommt Zuspruch: "Endlich mal jemand, der hier Tacheles redet", sagt ein Umstehender. Auf den Demonstrationen gäbe es viele Teilnehmer, die diese These teilen. Die teilweise weit angereisten Experten, die Regierungen und Umweltorganisationen würden alle unter einer Decke stecken.

Derartige "Verschwörungstheorien entstehen immer dann, wenn wir in einem Zustand der Ohnmacht sind, wenn wir handlungsunfähig sind", sagt Psychologe Stephan Grünewald ntv.de. "Durch die Verschwörungstheorie haben diese Leute eine Erzählung, dass es einen Schuldigen gibt: Wir sind nicht Opfer einer Laune der Natur, sondern diese Ohnmacht ist bewusst von einer bösen Macht, von Politikern, von wem auch immer, hergestellt worden." Damit sei eine gewisse Erlösungshoffnung verbunden. Wenn sie den Schuldigen abstrafen, dann kämen sie aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus, erklärt der Gründer des Rheingold-Instituts. "Das Problem ist, wir leben in einer Welt, wo vieles unberechenbar ist, wo es Zufälle gibt, wo wir hin- und hergeworfen werden. Manchmal ist da gar kein göttlicher Plan."

Für die Leute, die dem Verschwörungsmythos folgen, sei die Situation so leichter auszuhalten. "Und diejenigen, die einer Verschwörungserzählung folgen, haben sogar noch einen Mehrwert: Sie haben das Gefühl, im Besitz einer höheren Wahrheit zu sein. Das wertet sie auf. 'Wir sind die Einzigen, die es durchschaut haben.' Und die Verschwörungserzählung schweißt dann diese Gruppierung zusammen", sagt Grünewald, Autor des Gesellschafts-Psychogramms "Wir Krisenakrobaten". So entsteht ein gefährliches Lauffeuer, das in übelsten Drohungen enden kann.

"Alle müsste man verbrennen", schreibt laut "Spiegel" eine Frau in einer Whatsapp-Gruppe, die sich "Unser Hope" nennt. Hope ist einer von zwei Namen, die dem Wal gegeben wurden - auf Deutsch: Hoffnung. Die Frau zielte mit ihrer unverhohlenen Drohung auf Umweltschützer, Politiker und Wal-Fachleute ab. "Alles das gleiche Pack", zeigt sie sich überzeugt. "Diese Menschen packe ich mir persönlich", schreibt sie etwas später. "Man kann alles wie einen Unfall aussehen lassen." Für ihre Kommentare bekommt die Unbekannte mehrfach den Daumen nach oben als Reaktion.

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Auf manchen Wal-Demonstrationen herrscht ein rauer Ton. (Foto: dpa/Marcus Golejewski)

Auf einer Demo sagt eine 16-Jährige in Richtung Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus: "Sie quälen ein Tier zu Tode. Also passen Sie auf, was Sie sagen. Sie bekommen Morddrohungen." Eine andere Demonstrantin nennt die Morddrohungen "ungeheuerlich". Die Teenagerin entgegnet nur: "Finde ich nicht."

Esoteriker und Rechte vereint

Der Physiker und Skeptiker-Experte Holm Hümmler setzt sich kritisch mit Pseudo- und Parawissenschaften auseinander, die Ansprüche an Wissenschaftlichkeit nicht erfüllen. Er sieht in den Verschwörungserzählungen ein Wiederaufflammen der Verbindungen "zwischen Esoterikern, Verschwörungsideologen und politischem Extremismus, der sich nicht so eindeutig als rechtsextrem zeigt, aber schon über diese Gewaltbereitschaft äußert und diese Ablehnung demokratischer Institutionen und gewählter Repräsentanten". Das sei "eine problematische Mischung", sagt er im Gespräch mit ntv.de. Zum ersten Mal sind dem Skepsis-Experten die Esoteriker 2014 aufgefallen, als Russland in der Ukraine eingefallen ist. Dann haben sich diese drei Gruppierungen in der Corona-Pandemie zusammengetan. "Jetzt haben sie wieder ein Thema gefunden, das sie eint und an dem sie sich zusammen hochziehen können."

Der Wal ist zu einem Symbol des Umweltschutzes geworden, "da haben auch gewisse Organisationen sehr stark daran mitgewirkt", sagt Hümmler. "Leute, die ihr Leben riskiert haben, um Walfang zu stören, haben Heldenstatus erlangt." Daran wollen die Demonstranten, die Menschen, die polizeiliche Absperrungen durchbrechen, und jene, die Drohungen aussprechen, jetzt anknüpfen.

Psychologe Grünewald glaubt, die Leute sehen den Wal als Sinnbild Deutschlands. "Angesichts der ganzen Krisenmeldungen haben wir das Gefühl, im falschen Fahrwasser zu sein. Das ganze Land ist mittlerweile in einem Zustand der Manövrierunfähigkeit. Wir haben das Gefühl, uns wirklich festgefahren zu haben", sagt er. "Das erklärt die Anteilnahme und die Hoffnung: Wenn wir den Wal flott machen, dann machen wir uns und unser Land auch wieder flott."

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Doch großartig helfen kann man dem Tier nicht, ist sich Hümmler sicher. "Schon die Nordsee ist die Hölle für Wale", sagt er im Gespräch mit ntv.de. "Und dann in der Ostsee, wo der Salzgehalt nicht stimmt, wo keine Gezeiten sind, wo das Nahrungsangebot ganz anders ist, wo das Wasser viel zu flach ist. Für einen Wal dieser Größenordnung ist das einfach eine ziemlich aussichtslose Situation, zumal wenn der schon extrem geschwächt ist."

Was ist nun der richtige Weg, wie mit dem Wal verfahren werden sollte? "Da scheiden sich die Geister", sagt Psychologe Grünewald. "Wie man es macht, läuft man Gefahr, es verkehrt zu machen: Wenn man ihn retten will, obwohl er eigentlich im Abgesang ist und sich schon zur Ruhe gelegt hat, ist das ein zusätzliches Drangsal. Wenn wir ihn seinem Schicksal überlassen, obwohl er noch vitale Lebenskräfte hat, ist das wieder unterlassene Hilfeleistung."

Im selben Zwiespalt sieht sich offenbar auch Umweltminister Backhaus. Er sagte erst, dass er keine Hilfe mehr zulassen werde. Das Tier solle in Ruhe gelassen werden. Doch noch immer zeigt er sich täglich am Ort des Geschehens, koordiniert die verschiedenen Einsatzkräfte. Und mehr noch: Der SPD-Politiker genehmigte eine neue Rettungsaktion, die am gestrigen Donnerstag startete. Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz und Unternehmerin Karin Walter-Mommert wollen das Tier in den Atlantik bewegen. "Wenn man was versucht, dann hat man zumindest die Chance, dass man ihn rettet", sagt Gunz zu ntv.

Quelle: ntv.de

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