Panorama

Gefangen in der Catch-up-CultureWarum Freundschaften auch enden dürfen

23.08.2026, 16:57 Uhr Foto-AutorenboxVon Torsten Landsberg
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Echte Freundschaften brauchen mehr als ein Status-Update, doch das erfordert Zeit und Aufmerksamkeit. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

In den sozialen Netzwerken wundern sich junge Menschen über ihre Freundeskreise: Statt Dinge gemeinsam zu erleben, bringt man sich nur noch gegenseitig auf den aktuellen Stand. Ist das noch wahre Freundschaft?

Menschen verändern sich und mit ihnen ihre Beziehungen. Schon im 18. Jahrhundert hielt der englische Universalgelehrte Samuel Johnson fest: "Freundschaften sind wie alte Dächer, man muss sie ständig reparieren, damit sie halten." Gerade stellt ein neues Phänomen dieses Verhältnis auf die Probe: die Catch-up-Culture. Vor allem Leute um dreißig lassen sich in den sozialen Netzwerken darüber aus, dass sie mit einst engen Freundinnen und Freunden immer weniger gemeinsame Zeit verbringen, für ein spontanes Treffen sei sowieso niemand mehr verfügbar.

Stattdessen plane man Treffen im Café lange voraus, dort werde dann schnell abgespult, was in den vergangenen Wochen so passiert sei - ein Status-Update. Man lässt sich von einer eigentlich nahestehenden Person erzählen, was in ihrem Leben passiert, ohne selbst noch aktiv daran teilzuhaben. Erfährt das Konzept Freundschaft gerade einen grundlegenden Wandel?

"An den generellen Mechanismen der Beziehungsgestaltung und der Frage, wie sich Freundschaften entwickeln und im Lebenslauf verändern, hat sich wenig verändert", sagt Franz J. Neyer, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, im Gespräch mit ntv.de. Dennoch unterliege das Verständnis von Freundschaft einem historischen und kulturellen Wandel, der Freundschaftsbegriff sei heute dehnbarer als vor fünfzig Jahren.

Digitale Nähe als Falle?

Mehren sich Berichte über einen Trend, beginnt die Suche nach den Ursachen. Die heute 30-Jährigen sind mit schnellem und mobilem Internet und den dazugehörigen Kommunikationskanälen aufgewachsen, außerdem täuscht Social Media den ständigen Kontakt und die Teilhabe am Leben der anderen vor. Da liegt der Schluss nahe, die knappe Catch-up-Culture könnte eine Folge der ausführlichen digitalen Nähe sein.

"Unsere Forschungen zeigen, dass Beziehungen am besten funktionieren und qualitativ am hochwertigsten sind, wenn man sie auch physisch aufrechterhalten kann, wo man sich mal anfassen, wo man sich sehen kann und persönlich austauscht", sagt der Psychologe. "Ich würde aber nicht so weit gehen, dass Social Media uns oberflächlich und beziehungsunfähig macht." Der digitale Wandel habe neue Möglichkeiten eröffnet, Freundschaften zu unterhalten. Zwar seien hunderte Follower und Online-Freunde nicht gleichbedeutend mit tragenden Freundschaften im Offline-Leben. "Aber dank des Internets lassen sich Beziehungen unabhängig von Raum und Zeit gestalten."

Trotz aller Möglichkeiten sind schrumpfende Freundeskreise eher Regel als Ausnahme. Laut des Survey Centers on American Life gaben 1990 noch 33 Prozent der Befragten an, zehn oder mehr enge Freundschaften zu haben, 2021 waren es nur noch 13 Prozent. In einer YouGov-Umfrage in Deutschland sagten 2024 38 Prozent der Befragten, dass sie weniger Freunde hätten als fünf Jahre zuvor.

Das Verständnis von Freundschaft ist subjektiv: Für die einen qualifiziert schon ein gemeinsames Feierabendbier das "Prädikat Freund", andere prüfen gewissenhafter. Zur Erklärung des Begriffs Freundschaft gelte immer noch die alte Definition nach Aristoteles, sagt Neyer. "Freundschaft ist eine Beziehung unter Gleichen, also gleichberechtigten Personen auf einer Ebene, die freiwillig ist, die nicht durch Klasse, Verwandtschaft oder soziale Rollen definiert wird." Dass sie auf wechselseitiger Sympathie beruhe, mache sie allerdings anfällig für Schwankungen und womöglich auch ein Scheitern.

Wenig ist für immer

Ein Alleinstellungsmerkmal von Millennials und Gen Z ist die Catch-up-Culture eher nicht. Freundschaftskreise ändern sich grundsätzlich bei größeren Umbrüchen wie dem Schulabschluss, mit dem gemeinsame Routinen und räumliche Nähe wegfallen. Später können Partnerschaften, Familiengründung und Ortswechsel Dynamiken verändern und das Aufrechterhalten einer Freundschaft erschweren.

"Freundschaftsnetzwerke werden im Laufe des Erwachsenen-Alters kleiner, das ist ein normativer Trend, an dem ist überhaupt nichts auszusetzen", sagt Franz J. Neyer. Auch die Bedeutung einzelner Freunde könne sich modifizieren, in weniger tiefen Beziehungen könnten Catch-up-Treffen beiden Beteiligten völlig ausreichen. Für vertraute Gespräche seien sie dagegen nicht geeignet.

"Bei wichtigen Freunden reicht es nicht aus, nur mal kurz abzubilden, wo man gerade steht. So eine Pseudonähe kann unser Nähebedürfnis nicht befriedigen." Nun wünschen sich manche Menschen mehr Nähe als andere, definieren die Qualität einer Freundschaft vielleicht genau darüber. Was also tun, wenn ein Freund oder eine Freundin die Beziehung zu selbstverständlich nimmt und nicht als etwas, das gepflegt werden muss?

Qualität statt Quantität

"Ist die Diskrepanz der Erwartungen zu groß, zerbrechen Freundschaften in der Regel", sagt Franz J. Neyer. "Sie können so schnell gelöst werden, wie sie einst geschlossen wurden." Eine Freundschaft werde selten durch eine bewusste Entscheidung beendet, die Freunde lebten sich einfach auseinander, nicht nur im jungen Erwachsenenalter. "Das kann natürlich für eine betroffene Person schmerzhaft sein, aber sie kann auch darüber reflektieren, was sie möchte, und nach passenderen Freunden oder Freundinnen suchen."

Das gestaltet sich gerade für diejenigen zunehmend schwierig, die nicht mehr automatisch über Schule, Partys oder Studium auf neue Leute treffen. "Menschen sollten lernen, in die Gestaltung neuer Beziehungen zu investieren", empfiehlt der Psychologe. Es gehöre dazu, anfangs auch mal mehr zu geben als man zurückbekomme: "Und dann schaut man, wie es sich entwickelt." Je älter wir werden, desto mehr würden wir allerdings bei Freundschaften auf die emotionale Qualität achten - und entsprechend wählerischer an die Sache herangehen. "Tatsächlich ist die Auswahl begrenzt, es kommen ja gar nicht so viele infrage, die zu mir passen."

Da Familiennetzwerke immer kleiner würden und wegbrechen könnten, sei es im Alter wichtig, eine heterogene Gemeinschaft von Personen zu bilden, die einem unterschiedlich nahestehen. Um in Kontakt zu bleiben, könne man auch mal über den eigenen Schatten springen - solange die persönlichen Bedürfnisse und Interessen dadurch nicht unterdrückt werden. "Einsamkeit ist immer die subjektive Bewertung der eigenen Beziehungen", sagt Neyer. "Man kann sich einsam fühlen, wenn man hundert Leute um sich versammelt, und man muss sich nicht einsam fühlen, wenn man nur ein oder zwei Leute hat."

Quelle: ntv.de

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