Streaming statt Sex?Warum das Smartphone zum globalen Lustkiller mutiert
Von Torsten Landsberg
Weltweit sinken die Geburtenraten, eine Studie legt nun einen Zusammenhang zur Verfügbarkeit von schnellem Internet und Smartphones nahe. Eignet sich das Handy als Verhütungsmittel?
Kaum eine Erfindung der vergangenen Jahrzehnte ist im Alltag fast aller Menschen so unersetzlich geworden wie das Smartphone. Es hat neue Wege der Kommunikation eröffnet, mit einst unvorstellbar großen Musik-Bibliotheken den klobigen Walk- oder Discman ersetzt und riesengroße und unmöglich wieder ins ursprüngliche Format rückfaltbare Landkarten erübrigt. Ihm wird aber auch nachgesagt, unsere sozialen Kompetenzen zu beeinflussen und uns von wichtigen Dingen im realen Leben abzulenken - und nun vielleicht sogar von der Fortpflanzung.
Die "Financial Times" veröffentlichte kürzlich eine Datenanalyse, die einen Zusammenhang zwischen rückläufigen Geburtenraten und der Einführung von 4G-Netzen und Smartphones als Massenphänomen nahelegt. Waren die Geburtenraten in den frühen Nullerjahren stabil, brachen sie ab 2007 drastisch ein - gerade dann also, als die Menschen anfingen, ihre Tastenhandys gegen Touchscreens auszutauschen und fast überall mobil und ohne Verzögerungen ins Internet kamen.
Das Phänomen zeigt sich in westlichen ebenso wie in Schwellenländern, also über Nationalitäten, Kulturen und Religionen hinweg. Die Studie weist die zeitliche Übereinstimmung in den USA und in Großbritannien nach. Die "Financial Times" recherchierte zudem, dass ähnliche Entwicklungen ab 2009 in Frankreich und Polen ab 2012 in Marokko und Indonesien und ab 2013 in Ghana und Nigeria anfingen - jeweils dann, als sich das Smartphone in den jeweiligen Ländern etablierte.
Lediglich ein Werkzeug
"Ich halte das für plausibel, aber nicht wegen des Smartphones als Gerät", sagt der Internetsoziologe Stephan G. Humer im Gespräch mit ntv.de. Das Handy sei lediglich ein Werkzeug, mit dem sich im Digitalen eine gigantische Lebenswelt erschließen lasse. Die dort angebotene Vielfalt und Ablenkung könnten sich durchaus auf soziale Nähe, Partnerschaften und auch den Kinderwunsch auswirken. "Auf jeden Fall ist der Zugang in diese Welt bindungsverändernd."
Endlos-Feeds und Algorithmen triggern gezielt unser Belohnungssystem und machen die sozialen Medien zu einzigartigen Zeitfressern. Soziale Bestätigung durch Likes und Kommentare oder unerwartete Belohnungen setzen Dopamin frei und schaffen schnelle Befriedigung, um die man sich in der realen Welt meist langfristig bemühen muss. Erübrigt das Netz also andere Formen der Befriedigung im physischen Leben? "Das Digitale bietet soziale Räume, die das Individuum ansprechen. Die sind dann vielleicht nicht so tiefgreifend, aber dafür sehr vielfältig", sagt Stephan G. Humer. Das digitale Erlebnis lasse sich vom Nutzer auf die eigenen Vorlieben zuschneiden. "Ich kann meinen Stimmungen schneller nachgeben und muss mich weniger Zumutungen aussetzen."
Streaming statt Sex
Bei genauerem Hinsehen weist die Studie der University of Cincinnati - wie es der Titel "The Collapse of Teen Fertility in the Digital Era" nahelegt - vor allem nach, dass die Zahl der Teenager-Schwangerschaften weltweit ab 2007 massiv eingebrochen ist. Die Autoren schlussfolgern, die rapide Verbreitung des Internets, von Smartphones und sozialen Medien hänge mit dieser Entwicklung zusammen: Digitale Freizeitaktivitäten wie Chats, Gaming oder Streaming würden soziale Interaktionen im physischen Raum ersetzen, was weniger Gelegenheiten für sexuelle Kontakte zur Folge hätte.
"Wenn Schwangerschaften bei Teenagern abnehmen, ist das eher positiv", sagt Stephan G. Humer, "dann ist das Handy ein gutes Verhütungsmittel, wenn man es so zuspitzen will." Allerdings sind die Geburtenraten auch bei Erwachsenen rückläufig, in der Europäischen Union sank die Zahl der Geburten 2024 auf den niedrigsten Stand seit 2001. Zieht man alte Daten aus den 1960er Jahren heran, hat sich die Zahl der Geburten in Europa bis heute fast halbiert.
Die Gründe sind vielfältig: Die Zahl der Kinder sinkt mit besserem Zugang zu Bildung und Verhütung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie wirtschaftliche Unsicherheit können den Kinderwunsch erschweren. Viele entscheiden sich heute später für eine feste Partnerschaft, hinzu kommen veränderte Familienbilder und Lebensentwürfe.
Doch auch die Einflüsse der digitalen Transformation auf das Sozialleben sind ausführlich belegt: Ständige Online-Präsenz kann zu Isolation führen und soziale Kompetenzen schwächen. Dieser Konsum beschränkt sich nicht auf Jugendliche: Einer Bitkom-Erhebung zufolge verbringen Erwachsene in Deutschland durchschnittlich drei Stunden am Tag mit dem Handy.
"Das Smartphone funktioniert häufig wie eine Fernbedienung fürs Leben", sagt Stephan G. Humer. Mit Alltagsfunktionen wie Online-Banking, Smart Home, Navigation oder Wetterbericht spiele sich heute vieles auf dem Gerät ab, was zuvor anders organisiert worden sei. "Wer früher die Zeitung aufgeblättert hat, war in dem Moment auch nicht gedanklich beim Partner." Kompliziert werde es allerdings, sobald das Smartphone den Alltag dominiere und über die Partnerschaft triumphiere. "Die Bandbreite des Zulässigen ist groß, solange niemand leidet."
Fraglich ist nun, ob das Handy neben Bankgeschäften und Routenplanung auch die Verhütung übernimmt. Paare bekommen nicht nur weniger Kinder - es entstehen einfach weniger Paare. Wirkt sich permanente digitale Ablenkung also auf langfristige Lebensentscheidungen und damit auch das Kinderkriegen aus? "Das spielt eine große Rolle, weil Digitalisierung in Wohlfühlräume einlädt und dort wunderbar ablenken kann." Eine Beziehung erfordere häufig Arbeit und Pflege. "Das war schon immer so, aber heute kann ich mich viel leichter zurückziehen in den digitalen Raum, in dem ich keine weitergehenden Verpflichtungen habe, wo ich immer gute Laune finde."
Das Internet biete ständig unverbindliche Alternativen, die das Konzept von Verbindlichkeit in der Realität infrage stellen könnten. "Wieso soll ich Kompromisse eingehen, wenn es auf den Dating-Plattformen immer genug Auswahl gibt? Warum soll ich mich festlegen auf diese eine Beziehung oder diese eine Struktur, wenn doch zigtausend andere bereitstehen?" Das digitale Angebot biete häufig eine Oberflächlichkeit, die gegenüber des manchmal mühsamen Offline-Lebens attraktiv wirken könne.
Am Ende gewinnt die Realität
Und die nächste Bedrohung steht bevor, glaubt man dem KI-Entwickler Geoffrey Hinton. Der warnt vor hochintelligenten Systemen, die Menschen manipulieren und die Menschheit schlimmstenfalls auslöschen könnten. Wenn wir uns nun schon so umfassend vom Digitalen ablenken lassen, dass es sich womöglich auf die Geburtenraten auswirkt: Hat die (Selbst-)Abschaffung dann bereits begonnen? "Ich stelle mir lieber die andere Utopie vor", sagt der Soziologe. Wenn dank KI viele Jobs überflüssig würden und ökonomische Zwänge dank eines bedingungslosen Grundeinkommens wegfielen, "entdecken vielleicht viel mehr Frauen und Männer, wie toll es ist, Kinder zu haben. Ich glaube, am Ende gewinnt immer die Realität."