Panorama

Brauchen wir noch PCR-Tests? Warum die Inzidenz an Aussagekraft verliert

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Bundesweit stoßen PCR-Testlabore an ihre Kapazitätsgrenzen.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Omikron breitet sich in Deutschland rasant aus. Gleichzeitig werden die Testkapazitäten knapp. Schon jetzt zeichnet der Inzidenzwert nur ein ungenaues Bild der tatsächlichen Infektionslage. In den nächsten Wochen könnte er sogar gänzlich an Relevanz verlieren.

Wenn es um die genaue Zahl der Corona-Neuinfektionen geht, stochert Deutschland bereits seit Wochen im Nebel. Schon im Dezember, als sich die aktuelle Welle aufbaute, können die Gesundheitsämter teilweise keine verlässlichen Daten an das Robert-Koch-Institut (RKI) liefern. Grund ist unter anderem, dass einige der Behörden über die Weihnachtsfeiertage nicht besetzt waren. Mit Omikron kommt zum Jahreswechsel ein neues Problem hinzu: Die ansteckendere Virusvariante breitet sich rasend schnell aus und bringt die PCR-Testlabore bundesweit an ihre Grenzen. Die Auslastung der Labore liegt mittlerweile bei 95 Prozent. Fast jeder zweite Befund ist positiv.

Infektionsmodellierer Thorsten Lehr von der Uni Saarbrücken geht davon aus, dass "bei einer Inzidenz von 1000 bis 1300 deutschlandweit Schluss sein dürfte mit aussagekräftigen Zahlen", wie er dem WDR sagte. Die Obergrenze dürfte bald erreicht sein. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz liegt inzwischen bei 1227,5. Problematisch findet das Charité-Virologe Christian Drosten allerdings nicht. Man müsse bei der Überwachung der Covid-Erkrankungen ohnehin langsam dazu übergehen, vorhandene Instrumente zum Monitoring heranzuziehen, sagt er im NDR-Podcast und geht sogar einen Schritt weiter: "Die intensive PCR-Testerei muss mittelfristig aufhören. Wir können nicht jede Infektion nachtesten."

"Mit Omikron treten wir in eine neue Phase der Pandemie", betonte RKI-Chef Lothar Wieler vergangene Woche mit Blick auf das Pandemiegeschehen. "Die Summe der Fallzahlen ist nicht mehr das Entscheidende. Wir müssen in erster Linie auf Krankheitslast und Krankheitsschwere schauen." Auch im RKI-Wochenbericht ist neuerdings festgehalten, dass für die aktuelle Lagebewertung "nicht die Erfassung aller Infektionen durch Sars-CoV-2, sondern die Entwicklung der Anzahl und Schwere der Erkrankungen im Vordergrund" steht.

Aufwand und Geld sparen

PCR-Tests sollen die Entwicklung der Pandemie zeigen - vor allem sollen sie aber helfen, das Virus auszubremsen. Mit letzterem "haben wir aber schon immer ein Problem gehabt", sagt Drosten. Die Gesundheitsämter seien mit der effizienten Kontaktnachverfolgung und einem Durchbrechen von Infektionsketten seit Längerem überfordert. Grund sei nicht nur die Arbeitsüberlastung in den Behörden, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der sich das Virus ausbreite. "In dem Moment, in dem ich eine Infektion nachweise, ist nicht nur die nächste, sondern schon die übernächste Generation infiziert, ohne es zu wissen", erklärt Drosten im NDR.

Zurzeit zeigen die Tests in erster Linie an, wie weit verbreitet das Virus in der Bevölkerung ist. Um diese Information zu bekommen, genüge es jedoch, auf vorhandene Systeme der Überwachung zurückzugreifen, so Drosten. "Wir wollen wissen, was an Virus unterwegs ist. Das können wir aber auch einfacher haben." Wie bei der Grippe könnten auf der Basis von Stichproben in Haushalten, Arztpraxen und Krankenhäusern Häufigkeit und Schwere der Erkrankungen relativ zuverlässig hochgerechnet werden. Das erspare zudem viel Aufwand und Geld.

Einzelne Infektionsketten nachzuverfolgen und zu durchbrechen, bliebe dabei allerdings auf der Strecke. Drosten sieht das allerdings pragmatisch: "Wir müssen uns eingestehen, gerade jetzt in der noch höheren Inzidenz mit einer milderen Virusvariante, dass wir das erstens gar nicht können und zweitens auch nicht unbedingt müssen." Entscheiden müsse das allerdings die Politik, so Drosten. "Ich denke, wir sind schon sehr nahe an diesem Punkt und wir sollten uns sehr ernsthaft in diese Diskussion begeben."

Andere Parameter rücken in den Vordergrund

Um die Pandemie einschätzen zu können, nimmt das RKI bereits neue Instrumente zur Hand. Seit vergangener Woche wird einmal wöchentlich die "Inzidenzschätzung symptomatischer Erkrankungen" angegeben - sie stützt sich nicht auf die Fallmeldungen, sondern auf Corona-Fälle mit Krankheits-Symptomen. Auch die Daten aus den Krankenhäusern werden wichtiger, zum Beispiel die Zahl der Corona-Intensivpatienten und die Hospitalisierungsinzidenz.

In vorherigen Wellen hatte sich gezeigt, dass nur ein Parameter zur Einschätzung der Infektionslage nicht ausreicht. So wurde bereits im Herbst klar, dass der ausschließliche Blick auf Krankheitslast und Krankheitsschwere auch Schwächen hat. Bei der Hospitalisierungsrate handelt es sich beispielsweise um einen zeitverzögerten Parameter. Wer sich mit Corona ansteckt, erkrankt in der Regel nicht sofort so schwer, dass direkt eine Behandlung im Krankenhaus notwendig wird. Die Auswirkungen des Infektionsgeschehens zeigen sich also immer erst mit einem zeitlichen Verzug.

Was eine Infektion im Einzelfall bedeutet, hat sich im Gegensatz zum Pandemiebeginn inzwischen verändert. Geimpfte müssen heute nicht mehr so viel Sorge vor Covid-19 haben, wie noch vor einem Jahr. Wer geimpft und noch dazu geboostert ist, dem bleibt eine schwere Erkrankung oder gar ein Aufenthalt auf der Intensivstation in den allermeisten Fällen erspart.

Ein milderer Krankheitsverlauf und die allmähliche Abkehr von der Inzidenz als leitender Kennwert heißen dabei nicht, dass es egal wäre, wie viele Menschen sich anstecken. "Je mehr Infektionen wir verhindern, je langsamer sich das Virus verbreitet, desto besser schützen wir die vulnerablen Gruppen und auch die kritischen Infrastrukturen", betonte RKI-Präsident Wieler. Durch die schiere Menge der Infizierten müsse man auch noch mit mehr Erkrankten rechnen.

Quelle: ntv.de

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