Panorama

"Was Politik nicht versteht"Warum sich Menschen in Deutschland immer unsicherer fühlen

10.02.2026, 18:11 Uhr
00:00 / 09:44
Ein-Tankwagen-der-Bundeswehr-steht-auf-einem-Betriebshof-vom-Technischen-Hilfswerk-THW-und-wird-vorbereitet-Zehntausende-Menschen-im-Suedwesten-der-Hauptstadt-haben-keinen-Strom
Während des Stromausfalls in Berlin durch einen Angriff half die Bundeswehr Hilfsorganisationen und den Behörden. (Foto: picture alliance/dpa)

Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung befindet sich in einer Abwärtsspirale, so das Ergebnis einer neuen Studie. Neben Putin wird Trump zur Bedrohung, Migration bleibt eine Sorge, die Angst vor Stromausfällen kommt hinzu. Das Vertrauen in die Nato sinkt - und die Bereitschaft, für sie einzustehen.

Das Gefühl, in Deutschland in Sicherheit zu sein, hat stark abgenommen. Nur knapp mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Bevölkerung fühlt sich hierzulande alles in allem sicher, wie dem Sicherheitsreport 2026 des Allensbach-Instituts zu entnehmen ist. "Das Sicherheitsgefühl ist permanent im Abwärtstrend", sagt Renate Köcher vom Institut bei der Vorstellung der Ergebnisse. Denn: Vor einem Jahr fühlten sich immerhin noch 60 Prozent sicher - 2019, also vor der Pandemie, waren es sogar noch knapp drei Viertel der Bevölkerung. Wie lässt sich die steil sinkende Kurve erklären?

Den Ergebnissen zufolge macht den Deutschen vor allem die zunehmend unberechenbare Lage in Europa und der Welt zu schaffen. Das Bedrohungsgefühl durch Kriege erreicht einen neuen Höchstwert, erklärt Köcher. Weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung (69 Prozent) sieht ein echtes Risiko, dass Deutschland direkt an militärischen Konflikten beteiligt werden könnte. Der Krieg in der Ukraine bleibt die größte Sorge, Russland der größte Friedensgefährder. Zudem wird laut der Studie ein einst klarer Verbündeter zum Risiko: Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung halten die USA für eine Bedrohung des Weltfriedens.

Interessant ist, dass die Menschen zunehmend auch Deutschland selbst in der Schusslinie sehen. 71 Prozent zählen Cyber-Attacken auf kritische Infrastruktur zu den größten Gefahren für das Land, 69 Prozent auch die Sabotage von wichtiger Infrastruktur. "Der überwältigenden Mehrheit ist mittlerweile bewusst, wie angreifbar ein Land durch Attacken auf die kritische Infrastruktur ist", sagt Köcher. Lange Zeit spielten diese Themen eher eine untergeordnete Rolle - aber "allmählich rückt dieses Risiko für die Bevölkerung näher".

"Damit verändert sich Erwartung an Politik"

Am Beispiel des Stromnetzes wird die Sorge der Bevölkerung konkret. Die Deutschen fürchten zunehmend, dass die Stromversorgung zusammenbrechen könnte - so, wie es in Teilen Berlins vor wenigen Wochen der Fall war. Einen solchen Angriff hatten vor fünf Jahren gerade einmal sieben Prozent auf dem Schirm. Mittlerweile fürchten ihn bereits 24 Prozent, wie die Ergebnisse zeigen. Damit verändere sich auch die Erwartung an die Politik, sagt Köcher. Die Regierung werde zunehmend danach bewertet, ob sie sich um Sicherheitsthemen dieser Art ausreichend kümmert.

Nun hat die Bevölkerung größtenteils (57 Prozent) durchaus den Eindruck, dass die aktuelle Regierung mehr für die äußere Sicherheit unternimmt. Bei der inneren Sicherheit, für die vor allem Innenminister Alexander Dobrindt in der Verantwortung steht, sieht das anders aus: nur 36 Prozent glauben, dass aktuell mehr unternommen wird als noch unter der Ampel-Regierung. 44 Prozent sehen keinen Unterschied. Entscheidend ist dieser Eindruck vor allem, da Lücken in der inneren Sicherheit die Bevölkerung wirklich belasten.

69 Prozent haben große Sorge, dass Gewalt und Kriminalität im Land zunehmen. Angetrieben von Energie- und Lebensmittelpreisen, ist die Angst vor Inflation zudem keineswegs gebannt, wie die Ergebnisse zeigen. Die Sorge, arbeitslos zu werden, ist deutlich gestiegen (18 Prozent, 2024: 11 Prozent). Eine deutliche Mehrheit sieht die Großmächte China und die USA nicht nur als Friedensgefährder, sondern auch als ernste Gefahr für die deutsche Wirtschaft. In Bezug auf die USA ist dieser Wert erneut mit der zweiten Amtszeit von Trump gestiegen: von 66 auf 78 Prozent.

Migration bleibt Thema

Köcher sieht die Politik auch mit Blick auf die Migration weiter in der Pflicht. Zwar hat die Mehrheit den Eindruck, dass hier ein Kurswechsel erfolgt ist. Die Sorgen über Fluchtbewegungen mit Ziel Europa und speziell Deutschland gehen zurück, die Menschen nehmen wahr, "dass sich politisch etwas geändert hat". Allerdings, so Köcher, "ändert das nichts an den innenpolitischen Herausforderungen". So bleibt Migration trotz sinkender Zahlen eine Hauptsorge der Bevölkerung. "Das hat auch damit zu tun, dass die Bevölkerung zwischen weiterer Zuwanderung und der Verarbeitung der in den vergangenen Jahren erfolgten Zuwanderung trennt", heißt es in der Studie. "Das ist etwas, was die Politik manchmal nicht versteht", mahnt Köcher.

Tatsächlich ist das Unbehagen über die Zahl der in Deutschland lebenden Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft sogar noch gestiegen: 2025 vertraten 58 Prozent die Auffassung, dass in Deutschland zu viele Ausländer leben, aktuell 61 Prozent. Wenn die Frage auf Geflüchtete fokussiert wird, fällen sogar 68 Prozent das Urteil, die Zahl sei zu hoch.

Einen positiven Trend gibt es hingegen bei der Sorge vor weiteren Expansionsgelüsten Russlands. Aktuell gehen nur noch 35 Prozent davon aus, dass Russland in den kommenden Jahren nach der Ukraine weitere Länder angreifen wird (2025: 46 Prozent). "Das mag daran liegen, dass Fortschritte an der Front eher in Metern zu messen sind", sagt Klaus Schweinsberg vom "Centrum für Strategie und Höhere Führung" in Bezug auf die in der Ukraine gebundenen russischen Streitkräfte. Auch die Bewegung in den Verhandlungen zwischen der Ukraine, Russland und den USA könnte ein Grund sein.

Bereitschaft für Bündnisfall sinkt

Sollte es trotzdem zu einem russischen Angriff auf Nato-Gebiet kommen, prophezeit ein Großteil der Bevölkerung Schlimmes. Während die Mehrheit vor einem Jahr davon überzeugt war, dass das Verteidigungsbündnis einen russischen Angriff auf einen Mitgliedstaat abwehren könnte, glauben dies heute nur noch 42 Prozent. "Das Vertrauen der Deutschen in die Nato ist schlagartig eingebrochen", sagt Schweinsberg. Und zwar vor allem aus einem Grund: Die Bevölkerung ist sich der Bedeutung der USA für das Bündnis bewusst. Allerdings glaubt nur noch eine Minderheit (32 Prozent), dass die Vereinigten Staaten unter Trump militärisch helfen würden, wenn ein Nato-Land angegriffen würde.

Das Vertrauen in die Nato sinkt immens - und damit offenbar auch die Bereitschaft, selbst für das Bündnis einzustehen. "Immer weniger sind bereit, Artikel 5 (Eintritt des Bündnisfalls) auch mit Leben zu füllen", sagt Schweinsberg. Nur noch 39 Prozent sind insgesamt der Meinung, dass sich Deutschland an einem Einsatz zur Verteidigung eines Nato-Staates oder der baltischen Länder beteiligen sollte. Während im Westen mit 43 Prozent noch fast die Hälfte für einen Einsatz stimmen, sind es im Osten nur 19 Prozent. Auffällig ist laut Schweinsberg auch ein deutlicher Unterschied je nach Parteipräferenz: 53 Prozent der Unionsanhänger würden den Einsatz befürworten, bei den Grünen sei die Unterstützung sogar noch größer. Deutlich zurückhaltender seien etwa Anhänger der SPD.

Allerdings denkt auch ein beachtlicher Teil über Flucht nach, sollte es zu einer Kriegsbeteiligung Deutschlands kommen. Fast ein Viertel (24 Prozent) gibt dies als wahrscheinliche Option an, weitere 14 Prozent haben schon einmal darüber nachgedacht, Deutschland in einem solchen Fall zu verlassen. Die Hälfte schließt dies rigoros für sich aus. Besonders präpariert, das Land im Kriegsfall zu verlassen, seien mit jeweils mehr als 50 Prozent Anhänger der Grünen und Linken, erklärt Schweinsberg. Auch bei Anhängern der AfD hätten mehr als 40 Prozent Fluchtüberlegungen. Generell würden eher Jüngere als Ältere das Land verlassen wollen.

In die Verteidigungsfähigkeiten Deutschlands haben die Menschen indes mehr und mehr Vertrauen. Mehr als die Hälfte glaubt daran, dass es gelingt, die Bundeswehr zu stärken. Vor zwei Jahren waren es gerade einmal 38 Prozent. In diesem Zusammenhang fällt den Studienautoren vor allem eins auf: Es gibt einen breiten Konsens für ein verpflichtendes Dienstjahr für Schulabgänger. Sollte es die Wahl zwischen Bundeswehr und Zivildienst geben, befürworten 72 Prozent einen solchen Dienst - auch 60 Prozent der unter 30-Jährigen. Vor diesem Hintergrund "ist es völlig unverständlich, warum hier die Politik keine klaren Entscheidungen trifft", sagt Schweinsberg. "Angesichts der absehbaren Herausforderungen für unser Land ist das Unterlassen der Politik mindestens grob fahrlässig."

Quelle: ntv.de, spl

RusslandBundesinnenministeriumUSASicherheitspolitikInnere SicherheitSicherheit