Absolutes WischiwaschiWarum sich der Wortschatz irgendwie absolut verändert
Von Torsten Landsberg
Gendergerechtes Vokabular, Jugendslang und Social Media: Die Einflüsse auf unsere Sprache sind vielfältig. Wie präzise müssen wir formulieren, um nicht beliebig zu werden?
Der FC Bayern wollte im vergangenen Transfersommer Stürmer Nick Woltemade verpflichten. Obwohl es in vielen Berichten hieß, der Verein wolle den Spieler "unbedingt", scheiterte der Wechsel bald an der Bereitschaft, die aufgerufene Ablösesumme zu bedienen. Unbedingt, also ohne Bedingung, war das Interesse offensichtlich nicht. Ob freiwillig oder nicht, einer Sportseite gelang nach dem geplatzten Wechsel ein schönes Bonmot: "Der FC Bayern wollte ihn im Sommer unbedingt, war jedoch nicht bereit, jeden Preis zu zahlen."
Als "Ultra-Deutsch" bezeichnet der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp derlei unbedachte Verwendungen von Begriffen in seinem Essay "Irgendwie so total spannend - Unser schöner neuer Sprachgebrauch". Er meint damit Wörter, die nicht zur konkreten Aussage passen, und trotzdem Endgültigkeit ausdrücken. "'Total' gehört ebenso dazu wie 'absolut'", sagt der emeritierte Professor im ntv.de-Gespräch, "es sind reine Floskeln". Besonders in Gesprächen seien diese Begriffe Hinweis "auf ein unbewusstes Wahrnehmen, dass man die ganze Zeit nur Wischiwaschi geredet hat und sich dann doch gerne endgültig total dazu äußert". Die ursprünglichen Konnotationen der Begriffe spielten dabei keine Rolle und gingen schließlich verloren.
Im Ergebnis wird Sprache beliebig: Alles kann alles bedeuten, das Gesagte ist nicht mehr wörtlich zu nehmen. Das gilt ebenso für den zweiten Bereich, den Kemp im neuen Sprachgebrauch identifiziert hat: die übermäßige Nutzung von Füllwörtern. "Sie sind ungemein ansteckend: Ich höre im Fernsehen jemanden, der sagt wiederholt 'irgendwie' oder 'halt', und das erzeugt ein Kontinuum, das sich in die Alltagssprache überträgt." Die eigentliche Aussage, die getroffen werden soll, werde dadurch verwässert. Er nennt ein Beispiel aus dem Radio, die Moderatorin habe einen Gast gefragt: "Ist das nicht auch ein bisschen so ein Problem?"
Die Pause füllen
In einem geschriebenen Text fällt quasi irgendwann auf, wenn halt irgendwie total viele Füllwörter benutzt werden. Im Gesprochenen, gerade in sogenannten Nebenbeimedien wie Radio und Podcasts, verflüchtigt sich das häufig, kann sich unbemerkt einnisten und zur Hörgewohnheit werden. In einem persönlichen Gespräch können Füllwörter dagegen den Zweck erfüllen, während des Sprechens Zeit zum Nachdenken und Formulieren zu gewinnen: Das Füllwort tritt an die Stelle einer Pause, die das Gegenüber vielleicht ausnutzen würde. "Insgesamt habe ich den Eindruck, dass sich die Geschwindigkeit des Austausches und die Unsitte des Unterbrechens, Einredens, Vorausdenkens enorm verbreitet hat", sagt Kemp. Sich gegenseitig Zeit und Raum zu geben, sei inzwischen unüblich.
Die Taktung, in der neue Podcasts oder Storys auf Social-Media-Kanälen erscheinen, hat sich rasant erhöht. Je mehr es werden, desto mehr wird gesprochen. Die Formate erfordern, dass Zeit auch dann gefüllt werden muss, wenn es inhaltlich mal gar nichts zu sagen gibt: ein Einfallstor für Worthülsen und Füllmaterial. Wir werden mit Sprache überflutet, aber der Wortschatz engt sich ein.
Neben dem unbewussten Gebrauch von Füllwörtern hat auch eine bewusst vorsichtige Ausdrucksweise Auswirkungen auf die Sprache. Sensible Formulierungen, die gut gemeint sind, um das Gegenüber nicht zu verletzen oder einen Gesprächspartner mit gefährlich kurzer Zündschnur nicht auf die Palme zu bringen, verlieren sich schnell in ungelenken Verschachtelungen und Relativierungen.
Sozusagen, die Vermeidung einer Position
"Wenn ich allein an das Wort 'sozusagen' denke, das ist ein unglaubliches Wort", sagt Kemp. Oft stehe es am Anfang einer Aussage und mache alles Nachfolgende überflüssig, denn: "Was heißt 'sozusagen'? Will ich es so sagen oder kann ich es so nicht sagen? Das hat einen Spielraum, der eindeutig ein Schutzraum ist." Wer ihn nutze, vermeide es, eine klare Position zu beziehen und sich angreifbar zu machen.
Nun ist die permanente Veränderung und Anpassung, etwa an neue Lebensformen, seit jeher fester Bestandteil von Sprache. Anglizismen, Jugendslang und Formulierungen aus Kurznachrichten sickern ein in die Alltagssprache. Kritik am Sprachgebrauch kann da schnell altbacken wirken, zumal von einem älteren Herrn, der sich in seinem Buch auch noch dem Gendern widmet - und es ablehnt.
"Die meisten unserer Worte haben völlig zufällige Geschlechtsbindungen, und dieses Zufallsprinzip konnte zu einem leistungsfähigen Deutsch in Fächern wie Philosophie und Wissenschaft genutzt werden. Das finde ich schon eine große Leistung, das wird oft verkannt", sagt Kemp.
In seinem Buch hat er es weniger auf gendergerechte Sprache zwischen Menschen abgesehen als auf die Verordnung durch Behörden und institutionelle Gleichstellungsbüros. "Dinge, die überhaupt keine Relevanz für Identitätsfragen haben, werden von oben mit Sonderzeichen bestimmt", so Kemp.
Einem Kritikpunkt werden auch manche Befürworterinnen und Befürworter des Genderns zustimmen können: dass die Lösungen im Schriftbild - Doppelpunkt, Gendersternchen oder Binnen-I - ihre Behelfsmäßigkeit nie ablegen konnten. "Das bleiben Sonderzeichen, es bleiben Abkürzungen von Großbuchstaben", sagt Kemp. Es müsse möglich sein, für Menschen eine geeignetere Variante zu finden als Satzzeichen. "Es wäre eine große Aufgabe, sich dafür zu engagieren."
