Panorama

Deutschland hinkt hinterher Warum viele Länder beim Impfen voraus sind

imago0114031490h.jpg

In Israel sind auch mobile Impf-Stationen unterwegs, mit denen die bisher weniger Impfwilligen erreicht werden sollen.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Seit mehr als zwei Monaten läuft die Impfkampagne in Deutschland - doch bisher ist erst ein kleiner Bruchteil der Bürger gegen Sars-CoV-2 geimpft. Andere Länder sind im Vergleich wesentlich weiter: Großbritannien, die USA oder Serbien - und natürlich Impf-Weltmeister Israel. Was machen sie anders?

Neidisch blickt man in Deutschland auf die Impfkampagnen anderer Länder. Während hierzulande erst etwas mehr als 4 Millionen Menschen eine Erstimpfung erhalten haben, sind es in Großbritannien bereits mehr als 20 Millionen. Zwar betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass bis zum Sommer jeder Mensch in Deutschland ein Impfangebot erhalten solle. Doch bisher haben hier erst 2,7 Prozent der Bevölkerung eine zweite Impfdosis bekommen, die einen vollen Impfschutz ermöglicht. In Israel hingegen sind es bereits mehr als 40 Prozent.

Aber nicht nur in Großbritannien und Israel geht es schneller - auch Serbien liegt mit seiner Impfkampagne deutlich vor Deutschland. Sogar viele andere Länder der Europäischen Union wie Dänemark und Portugal haben bereits einen erkennbaren Vorsprung. Kleine Länder haben es einfacher, schnell große Teile der Bevölkerung zu immunisieren, was auch erklären dürfte, warum die Seychellen mit ihren rund 80.000 Einwohnern bereits fast ein Viertel ihrer Bevölkerung durchgeimpft haben. Aber auch die USA mit ihren 330 Millionen Einwohnern sind bereits weiter als Deutschland. Was machen andere Länder also besser?

Großbritannien

Bei seiner Impfkampagne setzt Großbritannien vor allem auf Geschwindigkeit, denn das Land ist besonders schwer von der Pandemie betroffen. Mit der Impfkampagne will das Land sein Gesundheitssystem entlasten und möglichst viele Todesfälle verhindern. Bisher haben mehr als 21 Millionen Bürger bereits eine Impfdosis erhalten. Das entspricht etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Was jedoch auffällt: Die für den vollen Impfschutz notwendigen Zweitimpfungen wurden bisher weniger als eine Million Mal verteilt - damit haben mit 1,2 Prozent der Bevölkerung weniger Menschen einen vollen Schutz als in Deutschland. Der Grund: Großbritannien setzt darauf, zunächst so viele Erstimpfungen wie möglich zu verteilen, die bereits einen hohen Schutz bieten. Dafür wird - anders als in Deutschland - sowohl der Astrazeneca-Impfstoff als auch das Präparat von Biontech/Pfizer im Abstand von bis zu zwölf Wochen verabreicht.

Zur hohen Zahl der einmal Geimpften trug auch der frühe Start der Impfkampagne bei: Bereits Anfang Dezember wurde in Großbritannien das Vakzin von Biontech/Pfizer zugelassen, ab dem 8. Dezember wurde geimpft, fast drei Wochen früher als in Deutschland. Anfang des Jahres kam in Großbritannien auch der Impfstoff von Astrazeneca hinzu, der zudem in herkömmlichen Kühlschränken gelagert werden kann. Ein logistischer Vorteil, denn in Großbritannien darf neben den großen Impfzentren auch in Apotheken geimpft werden, außerdem in Kliniken und Arztpraxen. Aber zumindest in diesem Punkt will Deutschland nun nachbessern.

Erste Erfolge der britischen Hochgeschwindigkeits-Strategie zeichnen sich bereits ab: Nach Berechnungen der "Financial Times" sinken Neuinfektionen, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle bei den bereits zu großen Teilen geimpften über 80-Jährigen deutlich schneller als bei jüngeren Altersgruppen. Um das Tempo weiter hochzuhalten, will das Land auch die Komplexität der Impfkampagne niedrig halten. Statt nach den am höchsten gefährdeten Menschen auch andere Berufsgruppen wie Lehrer oder Polizisten mit einzubeziehen, soll weiter streng nach Altersgruppen vorgegangen werden.

Israel

Unbestrittener Weltmeister beim Impftempo ist bisher Israel. Rund 4,8 Millionen Israelis haben seit Beginn der Impfkampagne am 20. Dezember die erste Dosis des Impfstoffs von Biontech/Pfizer erhalten. Das entspricht mehr als der Hälfte der Gesamtbevölkerung. Und mehr als 40 Prozent der Einwohner wurden bereits zum zweiten Mal gepikst. Bei den über 60-Jährigen liegt der Anteil der Geimpften sogar bei mehr als 80 Prozent. Auch Israel war von der Pandemie schwer getroffen, die Regierung stand daher unter großem Handlungsdruck.

Die Gründe für das hohe Tempo sind vielfältig. Zum einen hat das Land mit dem Hersteller Pfizer einen Deal gemacht: Im Gegenzug zu einer ausreichenden Versorgung mit Impfstoffen liefert Israel Daten aus der Impfkampagne an den Pharmakonzern. Das Land hat sich somit zu einem großen Freiluft-Versuchslabor gemacht. Aber auch der von Israel gezahlte Preis soll eine Rolle dabei gespielt haben, dass ausreichend Impfstoff geliefert wurde: Angeblich hat das Land an Biontech/Pfizer rund 23 Euro pro Dosis gezahlt - im Vergleich zu den 12 Euro in der EU.

Ein weiterer Erfolgsfaktor: Die Verteilung des Impfstoffs war in Israel gut organisiert. Dabei spielt auch die Besonderheit des Gesundheitssystems eine Rolle. Es gibt vier große Krankenkassen in dem Land, die jeweils über eine eigene medizinische Infrastruktur wie Gesundheitszentren und Kliniken verfügen, was die Logistik erleichtert. Zudem setzt Israel statt auf Bürokratie auf digitale Abwicklung: Impfwillige werden von ihrer Krankenkasse per Nachricht aufs Smartphone über freie Impftermine informiert. Die Anmeldung erfolgt ebenfalls digital.

USA

Auch die USA spielen ganz oben mit in der Impf-Liga: Knapp 52 Millionen Menschen haben mindestens eine Impfung erhalten, gut 26 Millionen Menschen bekamen bereits beide Impfungen, wie aus Daten der Gesundheitsbehörde CDC hervorgeht. Somit haben fast 8 Prozent bereits einen vollen Schutz gegen das Virus aufgebaut - etwa dreimal so viele wie in Deutschland.

Aber die USA hatten ebenfalls einen zeitlichen Vorsprung: Bereits Mitte Dezember war die Impfkampagne gestartet. Vor allem aber macht sich das frühe Zugreifen bei den Impfstoffen bemerkbar. Noch unter Präsident Donald Trump hatten sich die USA bereits im vergangenen Juli 600 Millionen Impfstoffdosen von Moderna und Biontech/Pfizer gesichert. Unter Joe Biden wurden zuletzt weitere 100 Millionen Dosen bestellt. Schon bis Ende Mai wollen die USA über genügend Corona-Impfstoff für alle Erwachsenen im Land verfügen.

Der neue Präsident Biden macht bei der Impfkampagne seit seinem Amtsantritt vor einem Monat weiter massiv Druck - und das mit Erfolg. Die Regierung hat die wöchentlichen Impfstofflieferungen an die Bundesstaaten deutlich gesteigert und zuverlässiger gemacht. Zudem mobilisierte Biden für große Impfzentren Tausende Soldaten des US-Militärs und Ressourcen der Katastrophenschutzbehörde FEMA.

Serbien

Unter den europäischen Staaten sticht zudem Serbien mit seinem Impftempo positiv hervor: In dem Land haben - wie in den USA - ebenfalls bereits fast 8 Prozent aller Einwohner eine zweite Impfung erhalten, mit der sie den vollen Schutz gegen das Coronavirus erlangen. Insgesamt erhielten fast eine Million Bürger eine Erstimpfung, etwas mehr als eine halbe Million bereits eine Zweitimpfung.

Das hohe Tempo bei den Impfungen erreicht das Balkanland mit sieben Millionen Einwohnern, weil es neben den westlichen Impfstoffen auch russische und chinesische Vakzine verabreicht. Dabei spielt eine Rolle, dass die Führung in Belgrad gute Beziehungen zu Moskau und Peking pflegt. Vor allem aus China konnte sie deshalb relativ zügig große Mengen des Impfstoffs von Sinopharm besorgen. Serbiens Gesundheitsminister Zlatibor Lončar hatte sich öffentlichkeitswirksam als erster mit dem chinesischen Vakzin impfen lassen.

Andere EU-Staaten

Aber auch innerhalb der EU gibt es Staaten, die mit ihrer Impfkampagne schon weiter sind als Deutschland. Dabei hatten alle etwa zur selben Zeit Ende Dezember 2020 mit dem Impfen begonnen. Dennoch sind in Ländern wie Portugal und Malta bereits mehr als 5 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft und damit mehr als doppelt so viele wie in Deutschland. Aber auch in Belgien, Tschechien und Dänemark kommt die Impfkampagne besser voran.

Die Gründe hierfür sind von Land zu Land mit Sicherheit unterschiedlich. Dass Deutschland zu den Ländern mit dem geringsten Impffortschritt zählt, könnte jedoch an der besonderen Strategie hierzulande liegen: So waren in Deutschland zu Beginn der Impfkampagne vor allem mobile Teams in Alten- und Pflegeheimen unterwegs. Dieses Vorgehen wird von Experten als sehr zeitaufwändig erachtet - viele EU-Länder haben es anders gehandhabt.

Fazit

Schnelligkeit beim Impfen ist in einer Pandemie immer von Vorteil. Doch zum vollen Bild gehört auch: Länder wie Großbritannien, Israel und die USA waren deutlich schwerer von der Corona-Pandemie betroffen als Deutschland, was den Druck auf deren Regierungen erhöht haben dürfte, die Impfkampagnen zu optimieren. Doch manche der Lösungsansätze sind auch mit Nachteilen oder Unsicherheiten verbunden: So wurde Israels Regierung dafür kritisiert, ohne Zustimmung der Bürger deren Daten an Pfizer weitergegeben zu haben, um sich Impfstoffe zu sichern. Im Fall Großbritanniens bemängelten Forscher die Praxis, die zweite Biontech/Pfizer-Dosis erst nach 12 Wochen zu verabreichen, als zu gewagt und zu wenig wissenschaftlich unterfüttert. Und zu dem in Serbien eingesetzten chinesischen Impfstoff hat der Hersteller noch immer keine detaillierten Daten zur dritten Phase seiner klinischen Tests in einem Fachmagazin veröffentlicht - sie konnten von externen Fachleuten daher noch nicht kritisch begutachtet werden.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.