Panorama

Ausbeutung oder Wertschätzung Was ist kulturelle Aneignung?

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Ist eine Darstellung klischeehaft und kulturell entleert? Dann ist sie zumindest zweifelhaft.

(Foto: AP)

Der Ravensburger Verlag zieht zwei Kinderbücher zurück, die zum Film "Der junge Häuptling Winnetou" erscheinen sollten. Der Verlag begründet seine Entscheidung unter anderem damit, dass man sich intensiv "mit Themen wie Diversität oder kultureller Aneignung" beschäftige, der richtige Umgang damit aber bei den "Winnetou"-Titeln nicht gelungen sei. Aber was ist kulturelle Aneignung überhaupt?

Woher stammt der Begriff?

Der Begriff tauchte erstmals in den 1980er Jahren in den USA und Großbritannien auf. Im englischen Original lautet er "cultural appropriation". Laut Wikipedia wird darunter die "unangemessene oder uneingestandene Übernahme eines Elements oder von Elementen einer Kultur oder Identität durch Angehörige einer anderen Kultur oder Identität" verstanden. Die Encyclopaedia Brittanica ist noch deutlicher: "Kulturelle Aneignung liegt vor, wenn Mitglieder einer Mehrheitsgruppe kulturelle Elemente einer Minderheitengruppe in ausbeuterischer, respektloser oder stereotyper Weise übernehmen." Zu Beginn der Debatte ging es zunächst vor allem darum, dass weiße Musikerinnen und Musiker von Schwarzen Menschen geprägte Stile übernahmen und als Teil weißer Musikgeschichte ausgaben.

Was ist an kultureller Aneignung problematisch?

Kritisch wird vor allem das Missverhältnis zwischen der Nutzung kultureller Zeichen und dem Erleben der sozialen Realität dieser Bevölkerungsgruppen gesehen. 2003 brachte es eine Essaysammlung auf den Punkt, die unter dem Titel "Everything but the burden" erschien. Herausgeber war der US-Kulturtheoretiker und Kritiker Greg Tate. Der Titel bedeutet übersetzt in etwa: "Alles, außer der Last". Darin beschreiben verschiedene Autorinnen und Autoren die Realität, dass weiße Menschen schwarze Musik-, Tanz-, Kleidungs- und Slangstile vereinnahmen, ohne aber Diskriminierung, Rassismus oder weniger ökonomische Teilhabe zu erleben, die mit dem Schwarzsein verbunden sind.

Welche Beispiele für kulturelle Aneignung gibt es?

Es gibt zahlreiche Beispiele, an denen es Kritik gab. Dazu gehört ein Bumerang, den Chanel für umgerechnet 2000 Euro verkaufte. Weil ein Bumerang ursprünglich die Waffe von australischen Aborigines war, wurde kritisiert, dass es rassistisch sei, ihn nun als sündhaft teures Sportaccessoire zu verkaufen. In jüngster Zeit gab es Diskussionen, wenn weiße Menschen Dreadlocks tragen, wie beispielsweise die Sängerin Ronja Maltzahn. Ursprünglich kommen Dreadlocks aus Jamaika und repräsentieren die Rastafari. Die Journalistin, Afrikanistin und Ethnologin Maimouna Jah sagte dem Deutschlandfunk, dass sich natürlich auch weiße Menschen die Haare verfilzen lassen können. "Aber wenn sie die Frisur Dreadlocks nennen, dann müssen sie sich auch auf den Kampf, den diese Bewegung getragen hat, beziehen – oder zumindest Stellung dazu beziehen." Als Beispiel könnten aber auch die farbenfroh inszenierten Holi-Festivals gelten. Das hinduistische Frühlingsfest dient der Erneuerung, dem Schutz beim Übergang in eine neue Vegetationsperiode und der rituellen Reinigung. Inzwischen wird es ohne den religiösen Gehalt wie ein Musikfestival veranstaltet, bei dem sich Menschen gegenseitig mit Farbpulver bewerfen.

Wie kann man sensibel mit dem Thema umgehen?

Die marginalisierten Gruppen verweisen in ihren Stellungnahmen zu aktuellen Fällen immer wieder darauf, dass man jedes Mal neu diskutieren müsse. Man kann sich aber fragen, ob man sich aus seiner eigenen Kultur bedient, ob es im Verhältnis der eigenen und der anderen Kultur eine koloniale oder Ausbeutungsgeschichte gibt oder ob in früheren Fällen die Urheber ähnliche Konstellationen als kulturelle Aneignung gewertet haben. Im besten Fall steht "cultural appropriation" dann "cultural appreciation" gegenüber – also kultureller Anerkennung und Wertschätzung. Der Unterschied besteht im Wesentlichen darin, die andere Kultur zu verstehen und etwas darüber zu lernen, um seine Perspektive zu erweitern und sich interkulturell zu verbinden.

Wie kann man das machen?

Eine kurze Checkliste hilft oft weiter: Stammt das Objekt, Ritual oder Symbol aus der eigenen Kultur? Ist klar, was es in der Herkunftskultur bedeutet? Wird es der kulturellen Herkunft angemessen verwendet? Wenn man diese Fragen mit Nein beantworten würde, besteht zumindest die Gefahr kultureller Aneignung.

Quelle: ntv.de

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