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Die italienischen Ermittler arbeiteten mit ihren deutschen Kollegen zusammen.
Die italienischen Ermittler arbeiteten mit ihren deutschen Kollegen zusammen.(Foto: dpa)
Dienstag, 09. Januar 2018

Farao-Marincola-Clan : Was macht die ’Ndrangheta in Deutschland?

Von Andrea Affaticati, Mailand

169 Mitglieder einer der mächtigsten ’Ndrangheta-Familie werden festgenommen. Und das nicht nur in Italien, sondern auch in Hessen und Stuttgart. Offenbar fließt das Blutgeld der Mafia auch nach Deutschland.

Dass die italienische Mafia auch in Deutschland massiv ihren kriminellen Machenschaften nachgeht, ist schon lange ein offenes Geheimnis. Doch selten bekommt man die engen Verflechtungen so deutlich vor Augen geführt, wie in der vergangenen Nacht.

Bei einer Großrazzia werden in den frühen Morgenstunden in mehreren Regionen Italiens und Deutschlands insgesamt 169 Mitglieder und Mitläufer des Clans Farao-Marincola festgenommen. Unter ihnen sind auch auch Bürgermeister und Stadträte aus der kalabrischen Stadt Crotone, dem Hauptsitz des Clans, und anderen nahe liegenden Kleinstädten.

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Laut ersten Mitteilungen nahm die Polizei aber auch in Deutschland elf mutmaßliche Mitglieder des Clans fest. Das teilte das Bundeskriminalamt in Wiesbaden mit. Die Verdächtigen seien zwischen 36 und 61 Jahre alt und in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen sowie Nordrhein-Westfalen gefasst worden. Es handele sich um Mitglieder des Clans, die schon seit Längerem in beiden Ländern den Vertrieb von Wein und Pizzaprodukten unterwanderten und mittlerweile auch großteils bestimmten. Die einzelnen Strafvorwürfe reichen von versuchtem Mord, Erpressung, Geldwäsche und Verstößen gegen das Waffengesetz über internationale Autoschiebung, illegalen Handel und illegale Verschiebung von Müll bis hin zu unlauterem Wettbewerb.

Die Festnahmen in Deutschland erfolgten auf der Grundlage von EU-Haftbefehlen, die zusammen mit weiteren Beschlüssen zur Durchsuchung und Vermögenssicherung erlassen wurden. Zuvor hatten die italienischen Strafverfolgungsbehörden ein Rechtshilfeersuchen an Deutschland gerichtet.

Mächtig und gefährlich

Die Farao-Marincola zählen zu den mächtigsten und gefährlichsten Mafia-Clans. In Kalabrien sind sie Teil des politischen Establishments, deutlich abzulesen an den lokalen Beamten, die nun der Korruption und Erpressung beschuldigt werden. Die Geschäfte macht die "Famiglia" jedoch vor allem in den reichen norditalienischen Regionen Emilia Romagna, Venetien, Latium und Lombardei. Hier sind die Mitglieder des Clans in mehrere Wirtschaftssektoren eingedrungen und haben, wie man aus den Mitteilungen der Staatsanwaltschaft in Cosenza erfährt, eine "kriminelle Holding" aufgebaut, deren Umsatz mehrere Millionen Euro beträgt.

Zu den wichtigsten geschäftlichen Bereichen der Farao-Marincola gehören der Wein- und Lebensmittelhandel, die Müllentsorgung und die Bestattungsbranche. Mitglieder beeinflussten unter anderem die Vergabe öffentlicher Aufträge. Im Laufe der Razzia wurden demnach auch Besitztümer im Wert von 50 Millionen Euro konfisziert.

Seit Jahren hat sich die ’Ndrangheta aber auch in Deutschland niedergelassen und verzweigt, wie schon die ’Ndrangheta-Morde im August 2007 in Duisburg bewiesen. Hintergrund der Tat, bei der sechs Menschen ums Leben kamen, war die Fehde zweier verfeindeter Familien. Mittlerweile sollen hierzulande mehr als 1200 mutmaßliche Mitglieder, Unterstützer und Sympathisanten der ’Ndrangheta leben. Und zwar vornehmlich, wie auch die jetzige Razzia zu bestätigen scheint, in Baden-Württemberg, Hessen, sowie Nordrhein-Westfalen und Bayern.

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Quelle: n-tv.de