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Kriminalist über mögliches Motiv Was steckt hinter der Attacke am Bahnsteig?

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Ein Mann hat einen achtjährigen Jungen vor den Zug gestoßen. Er wurde festgenommen.

(Foto: dpa)

Am Frankfurter Hauptbahnhof stößt ein Mann eine Mutter und ihren Sohn vor einen ICE, der Junge stirbt. Was könnte das Motiv des Täters sein? Ein Kriminalexperte und Angstforscher spricht über mögliche Hintergründe und die nun entstehende Angst.

Noch Stunden später flattern die rot-weißen Absperrbänder der Polizei. Mehrere Gleise sind großräumig abgesperrt, damit Experten die Spuren sichern können. Mitten im Frankfurter Hauptbahnhof ist es ungewöhnlich ruhig, die Stimmung wirkt gespenstisch. Am Vormittag, kurz vor 10 Uhr, spielten sich an Gleis 7 grauenhafte Szenen ab. Eine Mutter stand mit ihrem acht Jahre alten Sohn am Bahnsteig, als die beiden plötzlich vor einen einfahrenden ICE gestoßen wurden.

"Das Kind wurde vom Zug überrollt und tödlich verletzt, es starb noch im Gleisbett", sagte Polizeisprecher Thomas Hollerbach. "Der 40 Jahre alten Mutter ist es noch gelungen, sich zur Seite zu rollen und zu retten." Der mutmaßliche Täter, der aus Eritrea stammen soll, konnte zunächst entkommen. Der 40-Jährige wurde aber von Passanten verfolgt; die Polizei konnte ihn schließlich außerhalb des Bahnhofs festnehmen.

Nach Informationen der dpa wohnt der Tatverdächtige in der Schweiz. Bislang hat er sich noch nicht zu der Attacke geäußert. Er wird am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt. Nach der Tat kündigte Bundesinnenminister Horst Seehofer an, seinen Urlaub zu unterbrechen, um eine Krisensitzung der Sicherheitsbehörden zu leiten.

Wortlos genähert

Was verleitet jemanden zu einer solchen Attacke? Diese Frage stellen sich nun auch die Ermittler. "Es gibt keinerlei Anhaltspunkte, dass Täter und Opfer sich kannten", sagte eine Polizeisprecherin.

Ähnlich war es auch bei einem zweiten Fall am Samstag voriger Woche: Am Bahnhof Voerde in Nordrhein-Westfalen wurde eine 34 Jahre alte Mutter vor einen Regionalzug gestoßen und starb. Der 28-jährige Tatverdächtige, der sich der Frau wortlos von hinten genähert haben soll, sitzt wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft. Auch hier kannten sich Täter und Opfer den Ermittlungen zufolge nicht.

Gefühl der Allmacht?

Was könnte also das Motiv sein? Christian Lüdke, Kriminalexperte und Kinder- und Jugendpsychotherapeut aus Essen, sagt: Man könne natürlich nur spekulieren, aber oft entwickelten sich solche Taten aus Frust, Wut, Angst oder dem Gefühl, alles verloren zu haben, sagt er. "Das führt zu einem Ohnmachtsgefühl. Durch die Gewaltausübung verwandelt sich diese Ohnmacht in ein Gefühl der Allmacht."

Im Bruchteil einer Sekunde könne die Stimmung kippen und so eine Attacke auslösen, sagt Lüdke. "Der Affekt ist die Mutter aller Gewalttaten, sagt man in der Kriminalpsychologie." Vielleicht sei der Tatverdächtige nicht einmal mit dem Plan zum Bahnhof gegangen, jemanden zu töten. Aber der Psychologe sagt auch: "Niemand wird über Nacht zum Mörder. Das ist immer der Abschluss einer langen gestörten Entwicklung."

Reporterin im ICE: "Reisende waren sehr betroffen"

n-tv Reporterin Susanne Althoff war an Bord des ICE. Sie saß im hinteren Teil des Zuges. Die Fahrgäste hätten zuerst nicht gewusst, was passiert sei, berichtete sie. Nach anderthalb Stunden seien sie aufgefordert worden, den Zug zu verlassen. "Während dieser Evakuierung ist die Nachricht dann auch zu uns durchgedrungen."

Derweil habe auf dem Rest des Bahnhofs ein Durcheinander geherrscht, weil niemand mehr gewusst habe, wo welcher Zug fährt. "Aber als dann klar war, was passiert war, waren alle sehr bedrückt. Und man hat auch untereinander gesprochen und konnte sich gar nicht erklären, wie so eine Tat passieren kann. Die Reisenden waren schon sehr betroffen."

"Kann so etwas nicht verhindern"

Eine Patentlösung für mehr Sicherheit an deutschen Bahnsteigen sieht Thomas Kraft vom Fahrgastverband Pro Bahn Hessen nicht. "Ich weiß keinen Rat. Man kann so etwas nicht hundertprozentig verhindern", sagt er.

An größeren Bahnhöfen wie dem Frankfurter Hauptbahnhof gebe es sogar noch vergleichsweise viel Aufsichtspersonal. An kleinen Bahnhöfen oder Haltepunkten könne letztlich auch jemand aus einer Hecke hervorspringen und Reisende auf die Gleise stoßen. Auch Konzepte wie etwa für größere Bahnhöfe in England oder Frankreich, wo Bahnreisende oft nur mit einem Ticket oder erst nach Einfahren des Zuges auf den Bahnsteig gelangen, bringen Kraft zufolge keine völlige Sicherheit.

Potenzielle Täter kämen dort eben mit einem Kurzstrecken-Ticket für wenig Geld auf den Bahnsteig. Bei kurzen Zug-Aufenthalten sei es zudem zeitlich kaum machbar, die Reisenden erst nach Einfahren des Zuges an die Gleise zu lassen. "Eine Lösung des Problems ist auf jeden Fall nicht kurzfristig zu finden."

Unsicheres Gefühl am Bahnsteig

Müssen wir uns jetzt also fürchten an Bahnsteigen? "Jetzt Angst zu haben oder sich unsicher zu fühlen, wenn ich am Gleis stehe, ist völlig normal", sagt Angstforscher Lüdke. "In der Psychologie sagt man, die Summe aller Ängste bleibt immer gleich bei uns Menschen." Was das bedeute? Es gebe immer ein konstantes Angstniveau. Was sich ändere, sei dagegen die Richtung oder die Objekte. "Mal haben wir Angst vor Jobverlust, mal vor einem Terroranschlag oder mal davor, dass der Partner sich trennt."

Wenn nun durch die beiden aktuellen Ereignisse unsere Aufmerksamkeit auf die Gefahr an Bahnsteige gelenkt werde, sei das nicht ungewöhnlich. "Dann sind wir vielleicht eine Weile in einer Schonhaltung und besonders aufmerksam, wenn wir am Gleis stehen. Aber irgendwann denken wir nicht mehr daran und das ist auch gut so."

Quelle: n-tv.de, hul/dpa

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