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Tamara Lunger fühlt sich erst auf einem Berg richtig zu Hause.
Tamara Lunger fühlt sich erst auf einem Berg richtig zu Hause.(Foto: Ale d'Emilia)
Samstag, 30. Dezember 2017

Lunger auf den Gipfeln der Welt: "Wenn ich ganz oben stehe, sehe ich Heimat"

Ihre endlose Leidenschaft für das Bergsteigen treibt Tamara Lunger immer wieder auf die höchsten Gipfel der Erde. Die 30-jährige Südtirolerin gehört zu den Besten ihres Fachs und setzt Meilensteine im Alpinismus. 2010 erklomm sie als jüngste Frau den Lhotse (8516 Meter). Fünf Jahre später wagte sie mit ihrem Seilpartner Simone Moro die erste Winterbesteigung des Nanga Parbat (8125 Meter) - und stürzte ab. 2017 machten sich Moro und Lunger auf den Weg zum Kangchenzönga (8586 Meter). Was sie dabei erlebten und welche Gefahren abseits von Gletscherspalten und Lawinen auf das Duo warteten, erzählt sie im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Auf den höchsten Bergen der Welt gibt es nicht mehr als Schnee und Fels. Was macht für Sie die Faszination Achttausender aus?

Tamara Lunger: Genau das ist so faszinierend. Man ist nicht abgelenkt von anderen Freuden. Es ist fernab von jeder Zivilisation, sodass man sich selbst spüren und erleben kann. Das ist im Alltag nur selten möglich, wenn man sich nicht bewusst die Zeit dafür raubt und beispielsweise meditiert. Es gibt eine ständige Überflutung mit Informationen. Man hat nie Zeit, mit sich selbst zu sein. Das ist der Grund, warum ich immer wieder bergsteigen gehen muss.

Was sehen Sie, wenn Sie auf einem Gipfel stehen - neben Schnee und Fels?

Simone Moro und Tamara Lunger sind ein ungleiches Paar. Er ist 50 Jahre alt, sie 30. Aber die Chemie stimmt. Seit 2009 wandern sie zusammen.
Simone Moro und Tamara Lunger sind ein ungleiches Paar. Er ist 50 Jahre alt, sie 30. Aber die Chemie stimmt. Seit 2009 wandern sie zusammen.(Foto: Ale d'Emilia)

Wenn ich ganz oben stehe, sehe ich Heimat. Diese schöne Aussicht macht mich so glücklich. Ich fühle mich geehrt, dort zu sein, denn nur wenige Leute wollen oder können das schaffen. Es ist etwas ganz Besonderes, so etwas erleben zu dürfen.

Sie sagen häufig, dass Sie gerne leiden. Das ist eigentlich keine typisch menschliche Eigenschaft.

Schon seit meiner Kindheit gilt: Der leichte Weg ist für mich uninteressant. Mich fasziniert es, etwas Schwieriges zu versuchen und meine Grenzen auszuloten. Dafür nehme ich Kälte, Schmerzen und andere Komplikationen in Kauf. Ich habe die Erfahrung gemacht, weder eine Toilette noch eine Küche zu brauchen. Für mich steigert der Verzicht sogar die Lebensqualität. Je weniger ich habe, desto freier bin ich. Nach jeder Expedition bin ich einfach nur glücklich über meinen Erfolg - der bei mir nicht nur Gipfel bedeutet, sondern so viel mehr - und das, was ich lernen durfte.

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Was lernen Sie, wenn sie auf der Spitze eines Berges stehen?

Wäre ich bei der Gipfelbesteigung des Nanga Parbat nicht abgestürzt, hätte ich nicht gelernt, wie ich im Angesicht des Todes reagiere und was mir durch den Kopf geht. Ich konnte nur in so einer Extremsituation erkennen, dass ich keine Angst vor dem Tod habe. Das ist wichtig für meine Zukunft. Ich weiß jetzt, dass ich nicht in Panik gerate und alles gebe, um zu überleben.

Auf ihrer letzten Tour haben Sie den Kangchendzönga im Himalaya-Gebirge mit einer Höhe von 8586 Metern bestiegen. Was haben Sie dort erlebt?

Auch wenn bei der Expedition zum Kangchendzönga vieles schieflief, hatten die Alpinisten sichtlich Spaß.
Auch wenn bei der Expedition zum Kangchendzönga vieles schieflief, hatten die Alpinisten sichtlich Spaß.(Foto: Ale d'Emilia)

Die Expedition hat mich sehr enttäuscht. Im Basislager gab es durch die vielen kommerziellen Expeditionen Unstimmigkeiten und Lügereien. Einige Bergsteiger waren neidisch auf mich, weil ich ohne Sauerstoff und Sherpa (Lastträger bei Expeditionen, Anm. d. Red.) gegangen bin. Die Sherpas haben sogar Gas und Essen aus unseren Zelten geklaut. Das gehört für mich nicht auf den Berg und hat mir sehr viel Energie geraubt. Bei solch unnötigen Konflikten kann ich mich nicht selbst finden.

Am Nanga Parbat mussten Sie kurz vor dem Gipfel umkehren. Wie schaffen Sie es, Vernunft über Ehrgeiz zu stellen?

Das Verhältnis von Vernunft und Ehrgeiz verschiebt sich in solchen Situationen immer mehr: Der Ehrgeiz nimmt ab und die Vernunft nimmt zu. Ich wusste, wenn ich jetzt dort hochgehe, kehre ich nicht zurück. Ohne mit mir zu hadern, bin ich abgestiegen. Wäre ich nicht umgekehrt, wäre ich nicht mehr am Leben. Dahingehend bin ich mir damals wie heute sicher.

Die Lebensgefahr bei solchen Expeditionen ist allgegenwärtig. Treffen Sie Vorkehrungen, falls Sie nicht zurückkehren sollten?

Ich habe kein Testament, aber meine Mutter hat Anweisungen für meine Beerdigung. Schon als Kind war ich sehr gläubig und habe jeden Abend mit meiner Familie gebetet. Ein Satz der Gebete ist mir im Gedächtnis geblieben: Wenn Gott will, wirst du morgen wieder geweckt. Für mich heißt das: Wenn Gott will, dass ich vom Berg wiederkomme, dann komme ich wieder.

Sie haben unter anderem den K2 (8611 Meter) und den Lhotse bestiegen und dabei Rekorde aufgestellt. Was treibt Sie an?

Ich empfinde eine ungeheure Passion zum Bergsteigen. Das ist vergleichbar mit der Liebe zu einem Mann. Wenn ich den Berg anschaue, fliegen Schmetterlinge in meinem Bauch. Trotz einer gewissen Angespanntheit ist die Freude vor jeder Besteigung so groß wie bei einem Kind vor Weihnachten: Nur noch zweimal schlafen und dann kann ich endlich in Richtung Gipfel gehen. Deswegen bin ich mir sicher, dass ich das Richtige für mich gefunden habe. Wenn ich im Flieger zur nächsten Expedition sitze, bin ich überglücklich und von allen Pflichten befreit. Die "Arbeit" an meinem Beruf wie E-Mails und Social Media ist für mich das Schlimmste.

Sie vergleichen Berge mit Männern. Welchen würden Sie denn heiraten wollen?

Jede Erfahrung an einem Berg ist anders und lässt mich reifen. Vor der Tour zum Kangchendzönga war ich mir sicher, dass 8000er mein Leben sind. Ich wollte zwar nicht alle 8000er besteigen, aber noch viele Träume dort verwirklichen. Nach dieser Expedition sind diese Gedanken komplett in mir zusammengebrochen. Seitdem war ich in Indien in tieferen Lagen unterwegs und bin dort mit einem Paragleitschirm im Tandem mit Aaron Durogati geflogen. Dabei habe ich mich abseits der Zivilisation als Teil der Natur gespürt.

Mit Tamara Lunger sprach Lisa Schwesig

Die Expedition zum Kangchendzönga ist im Kurzfilm "La Congenialità" dokumentiert. Er ist bei "European Outdoor Film Tour" noch bis Anfang Februar in Deutschland und Europa zu sehen. Alle Termine finden Sie hier.

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Quelle: n-tv.de