Panorama

Folter-Paar aus Höxter Wer spielte welche Rolle im Horror-Haus?

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Grau und unscheinbar, doch seit dem Frühjahr wird das Gehöft in Höxter nur noch das Horror-Haus genannt.

(Foto: dpa)

Wilfried und Angelika W. sollen Frauen angelockt, gequält und mindestens zwei ihrer Opfer getötet haben. Jetzt beginnt die Aufarbeitung der Grausamkeiten. Auf über 3000 Seiten steht, was jahrelang hinter den Mauern des Höxter-Hauses passiert sein soll.

Kaum ein Kriminalfall der vergangenen Jahre löste so großes Entsetzen aus wie der Fall des "Horror-Hauses von Höxter": Das geschiedene Ehepaar Wilfried und Angelika W. soll per Kontaktanzeige Frauen in ihr Haus in Ostwestfalen gelockt und schwer misshandelt haben. Zwei der Opfer überlebten das Martyrium nicht. Was genau sich hinter den Mauern des eher unscheinbaren Gehöfts im nordrhein-westfälischen Höxter-Bosseborn abgespielt hat, will jetzt das Landgericht Paderborn klären.

Die Anklageschrift gegen den 46-jährigen Wilfried und der ein Jahr älteren Angelika W. füllt weit über 3000 Seiten. Beweismittel aus einer akribischen Spurensuche vor Ort sind beschrieben, Zeugenaussagen, ein Geständnis - all das soll das geschiedene Ehepaar Wilfried und Angelika W. des zweifachen Mordes durch Unterlassen überführen.

Der Prozess wird mindestens bis Ende März laufen. In dem sadistischen Spiel um Macht und Unterwerfung sollen den Opfern büschelweise Haare ausgerissen worden sein. Sie seien an Heizkörper gekettet, geschlagen und getreten worden, berichtete ein Ermittler, als die Misshandlungsfälle im Sommer aufflogen. Eine weitere Frau entkam, andere wurden zumindest bedroht, und so um Geld erleichtert, wie der ermittelnde Staatsanwalt Ralf Meyer schildert.

Zwei Tote, eine Leiche fehlt

Insgesamt gehen die Ermittler von mindestens acht Opfern aus, in weiteren Fällen laufen noch Ermittlungen. Auch der Vorwurf einer Vergewaltigung werde noch untersucht, bestätigt Meyer entsprechende Informationen. Die Frau soll im Jahr 2011 drei Wochen lang festgehalten, geschlagen und getreten worden sein. Die Tatvorwürfe zusammenzubringen, das Geschehen zu ordnen und zu bewerten, die umfassende Aussage der Angeklagten zu überprüfen - das lasse einen langwierigen Prozess erwarten, so ein Gerichtssprecher. "Wir haben es immerhin mit zwei Toten zu tun, bei denen eine Leiche fehlt. Und wir wissen nicht, wer sonst noch zu Schaden kam."

Aus der Aussage der Angeklagten bei der Polizei ist bekannt, dass das Paar den Körper einer 33-Jährigen, die durch Misshandlungen ums Leben gekommen sein soll, erst in die Tiefkühltruhe gesteckt, dann nach und nach zerstückelt und im Kamin verbrannt haben soll. Nach den am Straßenrand verstreuten Überresten suchten Polizeihunde vergeblich. Ein Jahr und knapp neun Monate später waren es eine Autopanne und eine tödlich verletzte 41-Jährige, die dem Schrecken ein Ende setzten.

Misshandelte Frau bringt Fall ins Rollen

Die Frau aus Bad Gandersheim bei Hildesheim war durch wochenlange Misshandlungen so mitgenommen, dass das Paar sie im April 2016 zurück nach Niedersachsen bringen wollte. Unterwegs blieb dann das Auto liegen und sie entschieden sich, einen Notarzt zu rufen. Zwei Stunden später starb die Frau im Krankenhaus. Die Polizei wurde eingeschaltet - und stieß auf die Abgründe hinter dem Todesfall. Monatelang war ermittelt worden.

Die Polizei durchsuchte jeden Quadratzentimeter in dem Haus in Höxter, befragte Frauen, die sich nach Bekanntwerden des Falles als mutmaßliche Überlebende der Misshandlungen gemeldet hatten. Auch soll das angeklagte Paar manche Opfer nicht nur gefoltert, sondern auch um größere Summen gebracht haben. Die Sonderkommission war auf rund 100.000 Euro gestoßen, die die Tatverdächtigen von ihren Opfern erhalten haben sollen.

Vieles, was die Ermittler zu wissen glauben, stammt aus der Aussage der Angeklagten Angelika W.: Detailliert sagte sie aus, was sich in den dunklen Stunden in ihrem Haus abgespielt haben soll. Nach früheren Ermittlerangaben, hatte sie ausgesagt, den Frauen auf Befehl von Wilfried W. Schmerzen zugefügt zu haben. Sie soll ihm völlig hörig gewesen sein, sagte der damalige Chefermittler Ralf Östermann.

180 Mal die Brüste blutig gebissen

Doch der Fall ist kompliziert. Angelika W. scheint nicht nur Täterin, sondern auch Opfer zu sein. Dem "Stern" zufolge hat sie ihrem Anwalt einen Katalog von Grausamkeiten mit der Überschrift "Häufigkeit der Übergriffe von Wilfried auf Angelika W. in über 17 Jahren" übergeben. Demnach habe er sie täglich beleidigt und angeschrien, an den Haaren gerissen etwa 500 Mal, gewürgt 250 Mal, verbrüht etwa 50 Mal. Den Arm soll er ihr den Angaben zufolge etwa 300 Mal umgedreht haben, 15 Mal habe er sie, der Liste zufolge die Treppe heruntergeschmissen.

Etwa 180 Mal soll Wilfried W. ihr die Brüste blutig gebissen haben, was er "Titten beißen" nannte. 250 Mal zog er ihr eine Decke über den Kopf und legte sich dann auf sie bis sie ohnmächtig wurde, was er mit dem Begriff "Decken-Alte" umschrieben haben soll. Insgesamt umfasst die Liste 70 Punkte.

Dennoch blieb Angelika W. bei ihrem Ex-Mann und sucht bis heute die Schuld bei sich. Wenn sie richtig mit ihm gesprochen, keine Fehler gemacht, ihn beim Sprechen immer angeschaut hätte, wäre nichts passiert, zitiert sie der "Stern". Lieben würde sie ihn noch immer.

Wilfried W., der selbst einschlägig vorbestraft ist, weil er in den 1990er-Jahren seine damalige Ehefrau zusammen mit einer Komplizin misshandelte, schweigt gegenüber der Polizei. Sein Anwalt hatte jedoch in verschiedenen Medienberichten angekündigt, dass er sich vor Gericht einlassen werde. Sein Mandant bestreite, an der Folter der Frauen beteiligt gewesen zu sein, treibende Kraft sei Angelika W. gewesen. Dem Gericht steht ein mühsamer Weg bevor, den Schleier über den grausigen Geschehnissen im Horror-Haus zu lüften.

Quelle: n-tv.de, dsi/dpa/AFP