Panorama

Studie im Corona-Epizentrum Wie Heinsberg ganz Deutschland helfen könnte

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In Heinsberg haben sich mehr als 1400 Einwohner mit dem Coronavirus infiziert, fast 50 sind gestorben.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Heinsberg gilt als Epizentrum des Coronavirus-Ausbruchs: Eine Karnevalsveranstaltung löste im Februar eine verheerende Infektionskette aus. Nun werden die Heinsberger in einer großen Studie untersucht. Wissenschaft und Politik hoffen auf wichtige Erkenntnisse für ganz Deutschland.

Im österreichischen Ischgl war es das Après-Ski, im italienischen Bergamo ein Fußballspiel - und in Deutschland eine Karnevalssitzung in der Gemeinde Gangelt im Landkreis Heinsberg. Von diesen Orten aus verbreitete sich das Coronavirus rasend schnell. In Gangelt feierten Mitte Februar die Einwohner auf engstem Raum, sie tanzten gemeinsam, umarmten und küssten sich. Von dieser Sitzung aus, glauben Wissenschaftler und Politiker, haben sich Hunderte Menschen in kürzester Zeit mit Sars-CoV-2 infiziert.

Heinsberg gilt seitdem als Epizentrum des Virusausbruchs. Bislang wurden dort mehr als 1400 Covid-19-Fälle gezählt, fast 50 Erkrankte sind bereits gestorben. Nun wird der Landkreis im Westen von Nordrhein-Westfalen zu einer bundesweit einzigartigen Forschungsregion: Virologen der Universität Bonn erforschen unter Federführung des Direktors des Instituts für Virologie, Hendrik Streeck, die Verbreitung des Coronavirus in Heinsberg. Zudem untersuchen sie die Effizienz der Maßnahmen. Denn schon kurz nach Bekanntwerden des ersten Corona-Falls schloss der Landrat alle Schulen, dann alle Einrichtungen und Geschäfte - das öffentliche Leben wurde früher als anderswo auf ein Minimum reduziert.

So ist Heinsberg der Entwicklung in Deutschland um mehrere Tage, wenn nicht sogar Wochen voraus. Das macht die Region für die Forscher besonders interessant. Laut Streeck ist sie sogar "einzigartig". "Wir wissen ziemlich genau, wann das Virus in den Ort gekommen ist", sagt der Virologe - am 15. Februar, dem Tag der Kappensitzung. Auf dieser hatte der erste bestätigte NRW-Infizierte gefeiert. Nirgendwo in Europa könne man die Folgen eines Covid-19-Ausbruchs so genau nachverfolgen, sagt auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident, Armin Laschet. Die Betroffenen in Ischgl etwa seien auf dem ganzen Kontinent verstreut, "hier in Heinsberg sind sie alle beisammen".

"Es ist ein bisschen wie Detektivarbeit"

Für die wissenschaftliche Pilotstudie befragt Streecks Team zurzeit rund 1000 Personen in etwa 300 Haushalten. Blutuntersuchungen, Rachenabstriche und umfassende Fragebögen sollen Aufschluss über die exakten Übertragungswege des Virus geben. Es gilt herauszufinden, wer mit wem welchen Kontakt auf der Karnevalssitzung gehabt hat. Außerdem wurden die positiv getesteten Personen gebeten, zu Hause nicht zu putzen, damit die Türklinken, Glasflächen und Fernbedienungen untersucht werden können.

Die ersten Ergebnisse dazu haben die Wissenschaftler überrascht. Sie hätten Viren auf Gegenständen, Türklinken und sogar im Toilettenwasser gefunden, sagt Streeck der "Zeit". "Es ist uns aber in keinem Fall gelungen, daraus intakte Viren anzuzüchten." Das deute zumindest darauf hin, dass sich die meisten Menschen nicht über Oberflächen angesteckt haben. Ob das Virus auf Oberflächen tatsächlich nicht so gefährlich ist wie bei der Tröpfcheninfektion durch Husten, wissen die Wissenschaftler allerdings erst, wenn sie genügend Stichproben gesammelt haben. Erste Ergebnisse der Studie sollen bereits in der kommenden Woche vorliegen.

Neben der Frage, warum sich manche Familienmitglieder anstecken und andere nicht, interessiert die Forscher auch die wohl hohe Dunkelziffer der Infizierten. Sie könnte einen Aufschluss über die Durchseuchung geben. "Es ist ein bisschen wie Detektivarbeit", sagt Streeck. Er versucht, detailliert zu ermitteln, welche Maßnahmen für Deutschland oder Europa sinnvoll oder sogar sinnlos sind. Wann zum Beispiel die Einschränkungen des öffentlichen Lebens gelockert werden können. "Wenn die Politik Maßnahmen lockert, während noch die Zahl der Infektionen steigt, kann man damit nicht gewinnen", sagt Streeck schon jetzt. "Ohne Daten kommen wir hier nicht weiter."

Quelle: ntv.de, mit dpa