Panorama

Ein Land schafft die Kehrtwende Wie Portugal vom Hotspot zum Vorbild wurde

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Über Wochen dürfen die Portugiesen nur aus triftigen Gründen ihr Zuhause verlassen - auf der Parkbank Vögel beobachten, gehört nicht dazu.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

Die dritte Corona-Welle trifft Portugal mit voller Wucht. Ende Januar droht das Gesundheitssystem unter dem Druck der vielen Neuinfektionen zu kollabieren. Heute verzeichnet das Land eine der niedrigsten Inzidenzen europaweit. Wie ist das möglich?

Vor zwei Monaten sieht die Corona-Lage in Portugal düster aus. Mit 7-Tage-Inzidenzen von über 800 verzeichnet das Land Ende Januar dramatische Spitzenwerte bei den Neuinfektionen im Europavergleich. Das portugiesische Gesundheitssystem steht kurz vor dem Kollaps. Hunderte Menschen sterben jeden Tag. Dann geschieht allerdings das Unglaubliche: Die Fallzahlen sinken so rapide, wie sie von Ende Dezember an gestiegen sind. Heute melden die Behörden mitunter die niedrigsten Zahlen europaweit. Doch wie schaffte Portugal diese Kehrtwende?

Anfang Februar schickte die deutsche Bundeswehr noch 24 ihrer Sanitäter in das Zehn-Millionen-Einwohner-Land. Die Corona-Variante B.1.1.7 hatte sich so schnell verbreitet, dass es keine freien Betten auf den Intensivstationen mehr gab. Weitere Ärzte und Pfleger der Bundeswehr unterstützten die Mission. Vergangenen Freitag verließ nun die Einheit Portugal wieder, denn das Land zählte zuletzt nur noch rund 130 Corona-Patienten auf den Intensivstationen. Fast 900 waren es zu Spitzenzeiten.

Der Grund für die positive Entwicklung: Die Regierung verhängte Ende Januar einen harten Lockdown mit strengen Ausgangsbeschränkungen, die von der Polizei teilweise sogar aus Hubschraubern überwacht wurden. Seitdem sind die Zahlen nicht mehr gestiegen. Die 7-Tage-Inzidenz lag zuletzt bei nur noch 28. In Deutschland, das sich noch mitten in der dritten Welle befindet, liegt sie aktuell bei 134.

Auch die Zahl der täglichen Todesfälle sank in Portugal inzwischen unter den Wert, den Deutschland verzeichnet. In Portugal waren es Anfang Februar teilweise mehr als 300 Todesfälle pro Tag, das sind rund 3 pro 100.000 Einwohner - zuletzt waren es noch weniger als 10 pro Tag. Deutschland verzeichnet im Verhältnis zur Bevölkerungszahl fast doppelt so viele Corona-bedingte Todesfälle.

Harter Lockdown als einzige Option

Ähnlich wie Bund und Länder in Deutschland aktuell, hatte sich auch die Regierung von Ministerpräsident Antonio Costa lange gegen einen weiteren harten Lockdown gesträubt. Stattdessen versuchten die Verantwortlichen in Lissabon bis zuletzt, möglichst viele Wirtschaftsbereiche und weniger betroffene Landkreise zumindest in Teilen offenzuhalten. Doch schnell zeigte sich, dass das Infektionsgeschehen so nicht unter Kontrolle zu bekommen war. Nur der harte Lockdown bremste die steile Ansteckungskurve schließlich effektiv ab.

So durften die Menschen ab Ende Januar ihr Zuhause nur aus triftigem Grund verlassen, beispielsweise für Lebensmitteleinkäufe, Banken- und Arztbesuche. Für den Weg zur Arbeit brauchte es eine Bescheinigung des Arbeitgebers. Denn anders als in Deutschland wurde Homeoffice zur Pflicht und war nicht nur eine Empfehlung seitens der Regierung.

Zudem wurden sämtliche nicht relevante Einrichtungen und Geschäften geschlossen. Noch immer sind die meisten Läden dicht. Gastronomie-Betriebe durften lange auch kein Essen zum Mitnehmen anbieten, erst Mitte März wurde diese Regelung gelockert.

Weitere strenge Maßnahmen gab es insbesondere an Wochenenden. So durfte der eigene Landkreis zu dieser Zeit nicht verlassen werden, um Ausflüge und Besuche zu verhindern. Diese Regelung wurde bis nach Ostern verlängert. Verwandtenbesuche sind nach wie vor nicht möglich, nur der Kontakt zu Personen aus dem eigenen Haushalt ist seit Januar noch erlaubt.

Angst vor neuen Infektionswellen

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält vor allem die konsequenten Ausgangsbeschränkungen in Portugal für wegweisend. "Portugal hat durch einen kurzen harten Lockdown B117 besiegt und bisher keinen Rückfall. War vorher Hotspot der Welt. Ausgangssperren in allen stärker betroffenen Regionen waren ein zentraler Bestandteil", schrieb Lauterbach auf Twitter.

Doch die portugiesische Erfolgsgeschichte hat auch seine Schattenseiten: Das Land zählt mehr als 400.000 Arbeitslose - so viele wie zuletzt 2017. Nachdem die portugiesische Wirtschaft nach der großen Finanzkrise gewachsen war, brach das Bruttoinlandsprodukt (BIP) vergangenes Jahr um zehn Prozent ein. Die Arbeitslosenquote stieg bis zum Februar 2021 im Vergleich zum Frühjahr des Vorjahres um mehr als 35 Prozent.

Auch deshalb soll den harten Maßnahmen nun nach und nach ein Ende gesetzt werden. Die Wirtschaft soll wieder wachsen. Bis Mai soll das Land in mehreren Öffnungsschritten wieder zur Normalität zurückkehren. Seit zwei Wochen sind bereits Friseure, Kitas und Grundschulen wieder geöffnet. Einzelhändler können sich einen Tisch in den Eingang stellen und so ihre Ware verkaufen, wenn sie wollen. Ab Ostern sollen die Klassen bis zur neunten Jahrgangsstufe wieder Präsenzunterricht haben, sofern die Schülerinnen und Schüler getestet werden. Wenn die Werte es zulassen folgen danach Universitäten, Kinos und Theater. Ab dem 3. Mai sollen schließlich auch Restaurants mit dem nötigen Distanzkonzept öffnen dürfen.

Ein optimistisches Szenario. Denn die Pandemie ist trotz allem auch in Portugal noch nicht besiegt. Sobald auch die Touristen wiederkommen, angelockt durch niedrige Inzidenzen und hohe Temperaturen, könnte sich alles wieder ändern. Experten warnen bereits, dass die Lockerungen zu früh kommen könnten. "Wenn wir anfangen zu lockern, werden die Ansteckungen unausweichlich zunehmen", sagte der Epidemiologe Manuel Carmo Gomes von der Universidade de Lisboa der portugiesischen Nachrichtenagentur Lusa. "Portugal ist nicht vor einer vierten Welle gefeit."

Quelle: ntv.de

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