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Immer mehr Frauen bekommen alleine ein Kind, weil sie keinen passenden Partner finden.
Immer mehr Frauen bekommen alleine ein Kind, weil sie keinen passenden Partner finden.(Foto: picture alliance / dpa)
Samstag, 04. April 2015

"Mutter, Spender, Kind": Wie Singlefrauen zum Wunschkind kommen

Von Sonja Gurris

Mitte 30, mit einem Partner glücklich sein, Kinder bekommen. So sieht die perfekte Bilderbuchfamilie aus. Aber was macht man, wenn der passende Partner fehlt? Immer mehr Frauen finden dafür eine Lösung - allerdings ohne Vater. So wie Anya Steiner.

"Ich hatte nicht das Gefühl, müde zu werden oder noch irgendetwas anderes zu brauchen, außer diesem kleinen Bündel Mensch, auf das ich so lange gewartet hatte", so beschreibt Nele ihren Glücksmoment bei der Geburt ihres Sohnes. Ihr Kinderwunsch war riesig - auch ohne passenden Erzeuger. Ihr erstes künstlich gezeugtes Kind war nicht lebensfähig, sie musste es spät abtreiben. Doch ihr Wunsch war größer als ihr Leid. Sie überwand Trauer und Schmerz und bekam am Ende ein gesundes Baby. Frauen wie Nele müssen oft lange über eine künstliche Befruchtung mit käuflichem Samen nachdenken, denn diese Entscheidung wird von der Gesellschaft argwöhnisch betrachtet.

In einem eher traditionellen Familienbild ist eine Frau, die ihren Kinderwunsch ganz allein in die Hand nimmt, nicht vorgesehen - schon gar nicht ohne richtigen Vater. Die Frauen wissen von Anfang an, dass ihr Kind keinen Vater haben wird, sie Tochter oder Sohn alleine großziehen werden. Anya Steiner hat sich trotzdem für diesen Weg entschieden und ein Buch darüber geschrieben. Sie weiß, viele Menschen werfen den Frauen Egoismus vor. Sie selbst sieht das anders: "Das sind ganz normale, reflektierte Frauen. Frauen von nebenan, die schon ganz früh einen Kinderwunsch hatten und einfach nicht den passenden Partner fanden." Und dieses Problem haben mehr Frauen, als viele denken.

Authentische Einblicke

Die Lösung liegt immer öfter im Modell "Mutter-Spender-Kind statt Mutter-Vater-Kind" und genau das beschreibt Steiner in ihrem Buch. Sie erzählt 16 individuelle Geschichten darüber, welche Motive Frauen haben, sich für eine Schwangerschaft als Singlefrau zu entscheiden. Der Weg dieser Frauen zur Schwangerschaft war meistens alles andere als leicht. Oft genug mussten sie mit Rückschlägen, gesellschaftlichen Zwängen, Stereotypen und mit gesundheitlichen wie finanziellen Risiken leben. Eine Frau spricht auch von den hohen Kosten. Die "Summe eines Kleinwagens" sei ihr bei der Beratung in einer Kinderwunschklinik genannt worden. Auch die unromantische Vorstellung von der Zeugung in der Petrischale beschäftigt die Frauen.

Anya Steiners Buch ist im Ch. Links-Verlag erschienen und kostet 16,90 Euro.
Anya Steiners Buch ist im Ch. Links-Verlag erschienen und kostet 16,90 Euro.

Das alles nehmen sie aber in Kauf, um ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Über einen Zeitraum von sieben Jahren hat die Autorin mit Hunderten von ihnen gesprochen. In ihrem Buch werden unterschiedliche Lebensentwürfe und Lösungswege aufgezeigt: Kinderwunschkliniken, Samenspenderauswahl, die verschiedenen Wege der Befruchtung. Der Leser bekommt einen authentischen Einblick in die Gedankenwelt der Frauen. Der so oft spaßig dahergesagte Spruch "Du kannst sonntags wenigstens ausschlafen" wird für Singlefrauen mit dem großen Babytraum schnell ein verletzender Satz. Besonders interessant ist die Geschichte von Greta. Drei Jahre und 17 Versuche dauerte es, bis sie im allerletzten Versuch - mit 38 Jahren - schwanger wurde. Es klappte mithilfe einer künstlichen Befruchtung in einer belgischen Fertilitätsklinik. Greta probierte sogar verschiedene Varianten aus und beschreibt in ihrem Interview, wie groß ihre Verzweiflung in der Zwischenzeit war.

Zwischen Hoffen und Bangen

Auf den gut 200 Seiten wird deutlich, wie psychisch belastend dieser Prozess für die Frauen ist. Sie fragen sich: Habe ich als Frau versagt, wenn ich mit Ende 30 keinen Vater für ein Kind gefunden habe? Aber auch die Entscheidung gegen eine Beziehung, aber für ein Kind, ist für manche Frauen eine elementare Frage: "Es kostet Kraft, sich entscheiden zu müssen zwischen der Liebe zu einem Mann und dem Wunsch nach einem Kind." Belastend ist dann auch das Bangen um die Schwangerschaft - denn die Wahrscheinlichkeit der Befruchtung ist oftmals gering. Doch alle Frauen aus dem Buch sind trotz aller Kämpfe und Schwierigkeiten am Ende Mutter geworden und überaus glücklich.

Wenn es nach Anya Steiner geht, könnten schon kleine Veränderungen viel bewirken: "Ich möchte, dass es keine Diskriminierung zum Beispiel beim Zugang zur Kinderwunschbehandlung gibt. Wir bekommen schließlich die dringend gebrauchten Kinder, deshalb sollte das auch gesetzlich ordentlich geregelt werden".

Und letztlich sind die Kinder von Greta, Nele und auch von Anya Steiner Wunschkinder, die mit ihren Müttern in Familienmodellen leben, wie sie viele Alleinerziehende auch kennen. Nur, dass es von Anfang an so gedacht war. Und vielleicht findet sich ja noch der Vater, der die Patchworkfamilie komplettiert.

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Quelle: n-tv.de