Panorama

Die schleichende Coronakrise Wie das Virus Indien infiziert

INDIA 29356b36e83fccef50ef64bfabdb4eb5.jpg

Enorme Herausforderung für das indische Gesundheitssystem: Die Fallzahlen in Indien steigen stetig an.

(Foto: AP)

Das Coronavirus breitet sich in Indien aus: Im Innern des Milliardenstaates klettern die Fallzahlen langsam in die Höhe - obwohl vergleichsweise wenig getestet wird. Lässt sich die Ausbreitung des Erregers noch eindämmen? Ein Überblick.

Die größte Demokratie der Erde steht vor ihrer womöglich schwersten Prüfung: Mehrere Monate nach dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie droht die Ansteckungswelle nun auch den indischen Subkontinent voll zu erfassen. In Indien ziehen die Fallzahlen nach offiziellen Angaben des Gesundheitsministeriums in Neu-Delhi immer weiter an. Mehr als 400.000 Menschen haben sich in Indien bereits nachweislich mit Sars-CoV-2 angesteckt. Mehr als 13.000 sind im Zusammenhang mit einer Infektion bereits gestorben.

Gemessen an der absoluten Zahl der Infektionsfälle steht Indien mit seinen 1,39 Milliarden Einwohnern inzwischen weltweit auf Platz vier der am schwersten betroffenen Staaten. Die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen steigt, eine Trendwende ist nicht in Sicht. Und das indische Gesundheitssystem ist bei weitem nicht so gut mit Klinikbetten und Beatmungsplätzen ausgestattet wie die Einrichtungen in China, Italien oder im US-Bundesstaat New York.

*Datenschutz

Die ntv-Karte schlüsselt die amtlichen Daten der indischen Behörden regional auf und zeigt die schwersten betroffenen Landesteile anhand des relativen Fallaufkommens, der sogenannten kumulativen Inzidenz: Erkennbar wird damit zum Beispiel, dass der Anteil der nachgewiesenen Ansteckungen je 100.000 Einwohner in der nördlich gelegenen Ladakh-Region und im Hauptstadtbezirk Delhi sehr viel höher liegt als in allen anderen indischen Gebieten und Bundesstaaten.

Hinweis: Karten und Infografiken werden laufend aktualisiert.

Auffällig jedoch ist, dass die indischen Inzidenz-Werte selbst dort bislang nur im unteren dreistelligen Bereich liegen. Zum Vergleich: In den USA gibt es allein zehn Bundesstaaten mit einer Inzidenz von teils deutlich mehr als 1000 Fällen je 100.000 Einwohner.

Das lässt im Prinzip nur drei Annahmen zu: Entweder gelingt es den indischen Behörden, die Ausbreitung des hochansteckenden Erregers wirksam zu verlangsamen. Oder die amtlichen Daten zeigen nicht das volle Bild. Oder, dritte Möglichkeit, das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde steht in der Corona-Pandemie noch nah am Anfang.

Es gibt Hinweise, die für Letzteres sprechen. Unklar ist im Fall Indiens noch, wie hoch die Dunkelziffer in dem riesigen Land mit seinen 28 Bundesstaaten und 9 Unionsterritorien angesetzt werden muss. Bei der Anzahl der durchgeführten Tests liegt das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt im internationalen Vergleich weit zurück.

Während in Deutschland zum Beispiel zuletzt rein rechnerisch rund 56 Tests auf jeweils 1000 Einwohner kommen, wies das ungleich größere Indien hier Ende April noch eine Quote von lediglich 0,4 Tests je 1000 Einwohner aus. Laut aktuellsten Zahlen ist die Quote inzwischen auf 4,4 getestete Proben je 1000 Einwohner gestiegen - damit im internationalen Vergleich aber immer noch sehr niedrig. Das lässt eine sehr hohe Dunkelziffer an unerkannten Infektionen vermuten.

Experten gehen deshalb davon aus, dass nur ein Bruchteil der Ansteckungen überhaupt erkannt wird. Gerade in den dicht besiedelten Wohngebieten der Städte und in den ärmeren Bevölkerungsschichten auf dem Land kann sich das Virus nahezu ungehindert ausbreiten. Die wichtigsten Abwehrmaßnahmen wie etwa eine grundlegende Handhygiene, soziale Distanzierung und die rasche Isolierung Erkrankter lassen sich unter den gegebenen Bedingungen vor Ort oft kaum durchsetzen.

Besonders schwer betroffen sind die Millionenmetropolen. Für den Großraum der ostindischen Metropole Chennai etwa ordneten die Behörden Mitte Juni aufgrund des anhaltenden Anstiegs bei den Infektionsfällen eine erneute strikte Ausgangssperre an. Bis zum Monatsende müssen damit rund 15 Millionen Menschen wieder in den eigenen vier Wänden bleiben.

Indien hatte bereits Ende März eine landesweite Ausgangssperre verhängt. Angesichts der schweren Wirtschaftskrise im Land hob Premierminister Narendra Modi jedoch Anfang Juni einen Großteil der drakonischen Beschränkungen wieder auf, obwohl ein Abflauen der Infektionskurve nicht absehbar war.

Quelle: ntv.de, mit Material von AFP