Aus dem Land der ResilienzWie die Ukrainer Frost und Feind trotzen
Von Sabine Oelmann 
Die Menschen in der Ukraine gehen ins fünfte Jahr des Krieges. Seit dem 24. Februar 2022 befindet sich das Land im Dauerstress, Dauerausnahmezustand, Dauerkrisenmodus. Russland wird immer gnadenloser, greift die zivile Infrastruktur mit brutaler Härte an. Wie halten die Menschen das aus?
Wenn man mit Ukrainerinnen und Ukrainern spricht, ist man immer wieder überrascht, wie sie mit dem Thema Krieg in ihrer Heimat umgehen. Sie wirken überwiegend gefasst, sie trösten manchmal sogar das nicht-ukrainische Gegenüber, wenn es angesichts der Tatsachen in Tränen auszubrechen droht. Sie begründen das mit ihrer ukrainischen Identität, sich nicht zerstören lassen zu wollen. Die, die da bleiben, sagen, dass sie bleiben, um "all dem entgegenzuwirken". Man kann nicht anders als den Hut zu ziehen, denn WIE die Ukrainer bleiben, leben, arbeiten, erziehen, lieben, ist unglaublich.
Bald gehen sie ins fünfte Jahr dieses Krieges, der für viele bereits 2014 mit der Annexion der Krim begann. Wie lange kann man etwas so Schreckliches wie Krieg aushalten? Wie lange kann man standhalten? Wie oft kann man sich die Frage "warum?" stellen, ohne eine Antwort zu finden? Eine, die Sinn ergibt.
Psychische und physische Drohungen
Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, schwierige Lebensumstände, Stress oder Krisen nicht nur zu bewältigen, sondern aus diesen Herausforderungen gestärkt hervorzugehen. Sie wird oft als "psychische Widerstandsfähigkeit" beschrieben und ist entscheidend für das Wohlbefinden in schwierigen Zeiten sowie für die Verbesserung der Lebensqualität.
Nun wäre es tatsächlich vermessen, ein komplettes Volk "über einen Kamm zu scheren", und zu sagen, "die Ukrainer" seien ein besonders resilientes Volk. Denn sicher schaffen es einige besser als andere, sich den täglichen Herausforderungen zu stellen. Viele schaffen es aber auch nicht, sowohl physisch als auch psychisch. Der Eindruck, der aus allem entsteht, den man von Ukrainern bekommt, ist jedoch: Sie helfen sich gegenseitig. Von außen wirkt es so, als würde eine ganze Nation zusammenrücken.
Was bleibt einem auch übrig, wenn der Aggressor tagein, tagaus auf einen einschlägt, schießt, mit Vernichtung droht? Versucht, Menschen moralisch oder durch Aushungern und Erfrierenlassen fertigzumachen, indem er die Stromversorgung ganzer Städte und Regionen zerstört? Niemand ist so erfindungsreich wie die Ukrainer, niemand so entschlossen, sein Land zu verteidigen wie sie. Sie bringen sich gegenseitig Essen, sie nehmen kleinste Zeichen wahr, sie achten auf ihre Nachbarn, helfen Alten und bespaßen die Kinder, die in diesem Chaos aufwachsen müssen und eine Kindheit haben, die man wirklich niemandem wünscht. Schule findet im Keller oder den U-Bahnschächten statt. Ukrainer gehen weiter ins Fitnessstudio, auch im Dunkeln, sie reparieren ihre Leitungen im Kerzenschein und gehen weiterhin zur Arbeit. Sie versuchen immer, dabei gut auszusehen. Ukrainer und vor allem Ukrainerinnen lassen sich nicht gehen.
In der Psychologie und Biologie wird der Begriff der Resilienz auch dafür verwendet, um die Toleranz gegenüber einem System zu beschreiben. Nun, die Toleranz gegenüber dem "System Russland" dürfte ausgereizt sein - die Ukrainer bleiben dennoch in einer Verfassung, die den Angreifern nicht nur den Mittelfinger entgegenstreckt, sondern eine ganze Faust! Neben all der Trauer um die Liebsten, der Angst vor Angriffen, Drohnen und der Kälte wirkt es so, als würden Ukrainer den Schlüssel zum Überleben auf lebenswertem Niveau gefunden haben. Theater im Dunkeln, Singen vor der Haustür, Rodeln auf zugeschneiten Müllbergen, Kochen über Kerzen und das Licht, das nur von innen scheinen kann: Ukrainer haben es!
Das Schlimmste, was man jetzt tun kann: nichts
Und dennoch, denn das soll sich alles nicht zu romantisch anhören: In Kiew haben an die 600.000 Menschen die Stadt verlassen müssen, weil sie sonst in ihren Wohnungen erfroren wären. Immer wieder, wenn die Energieinfrastruktur wenigstens in einzelnen Vierteln notdürftig funktioniert, greifen die Russen gezielt an und zerstören die Stromversorgung erneut. Ein Ende dieses Terrorkriegs gegen die ukrainische Hauptstadt ist nicht absehbar. "Die Menschen dort brauchen unsere Hilfe", sagt Andreas Tölke von "Be an Angel e.V.", und appelliert: "Nicht morgen. Nicht übermorgen. Jetzt."
Seit vier Jahren ist der Verein in der Ukraine aktiv und unterstützt, wo es nur geht: "Wir haben bereits im Winter 2022 Generatoren bis in die Frontgebiete geliefert. Ich habe den Winter 2022/ 23 in Odessa hinter mich gebracht, ohne Heizung und Strom - ich habe also eine ungefähre Vorstellung davon, wie es den Menschen in Kiew jetzt geht", so Tölke. "Unsere Lieferanten sind vor Ort in der Ukraine, es entstehen keine zusätzlichen Lieferkosten, keine Trucks müssen über die Grenze gebracht werden - all das ist Teil unseres funktionierenden Netzwerks."
Leben im Krieg - unvorstellbar
In Deutschland können sich mittlerweile die wenigsten daran erinnern, wie es ist, im Krieg zu leben. Zu überleben. Ein Stromausfall wie der Anfang des Jahres, der gefühlt halb Berlin außer Kraft setzte, deutete das Szenario von Dunkelheit, Kälte und Unsicherheit kurz an. Wir können uns kaum vorstellen, was es bedeutet, über Wochen ohne Heizung, ohne Licht, ohne Sicherheit zu leben. Viele Menschen kamen sich einsam und verlassen vor, und nicht nur das: Einige hatten wirklich Angst.
Wolodymyr Selenskyj sagte kürzlich beim Weltwirtschaftsforum in Davos, dass Krisen und Aggressoren keine Pausen machen würden, schon gar nicht Russland. Und fasste zusammen: "Wenn ein Terror-Regime überlebt, sendet es eine klare Botschaft an alle anderen Tyrannen: Tötet genug Menschen, und ihr bleibt an der Macht."
Sollte das tatsächlich das Signal sein? Dass Tyrannen nur lange genug tyrannisch sein müssen, bis sie ihren Willen, ihre Macht, ihren Terror durchgesetzt haben? Das darf es nicht sein!
Bei weiteren "Unruheherden" auf der Welt wie Iran und Syrien müssen wir weitaus deutlicher hinschauen, was um uns herum geschieht, denn wir sind nicht nur wirtschaftlich und kulturell verbunden, sondern auch menschlich. Wenn wir, die Menschen, die sich momentan noch in relativer Sicherheit fühlen, das nicht verstehen, dann werden wir eines Tages in einer anderen Welt aufwachen. Und uns sehr wundern.
Dornröschenschlaf "is over"
Ukrainer sind erfindungsreich, sie bauen aus allem, was für irgendetwas gut sein könnte, etwas Neues. Und wenn das nicht geht, dann verbrennen sie es, um wenigstens einen Moment Wärme zu haben. Das soll nicht romantisierend klingen, das ist einfach nur anerkennend. Realistisch betrachtet braucht, die Ukraine weiterhin jede Hilfe von außen. Dieser Blick auf die Realität eines Landes, das uns so nah ist, soll nur verdeutlichen, dass wir, im Westen, in der Wärme, im Wohlstand, die Menschen 1000 Kilometer östlich von uns nicht vergessen dürfen.
Wir sollten aufwachen. Und "die anderen" sehen. Wir wurden bereits gesehen: nach dem Zweiten Weltkrieg, als Deutschland wieder aufgebaut wurde. Wenn wir anderen, zum Beispiel den Ukrainern, helfen, dann helfen wir auch uns. Und wenn wir "nur" lernen, wie wir ohne Strom überleben können und keine Angst zu haben.