Panorama

Drei Ereignisse, drei Ausbrüche Wie schnell Corona zurückschlagen kann

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Alle Bewohner des Hochhauskomplexes in Göttingen sollen getestet werden.

(Foto: dpa)

Die Pandemie scheint schon der Vergangenheit anzugehören, das Land ist zurück auf dem Weg in die Normalität. Wie dynamisch die Situation jedoch wieder werden kann, haben drei Ausbrüche der vergangenen Wochen gezeigt.

Die Maßnahmen zum Schutz vor Corona-Neuinfektionen wurden Ende April und im Mai schrittweise deutlich gelockert. Dennoch sind weiterhin Großveranstaltungen untersagt, persönliche Treffen nur mit Angehörigen zweier Haushalte gestattet, der Mindestabstand von 1,5 Metern soll eingehalten und in öffentlichen Verkehrsmitteln oder bei Gottesdiensten eine Maske getragen werden. Wer sich in den vergangenen Wochen, wie wohl die meisten Deutschen, wieder im öffentlichen Raum bewegt hat, dürfte beobachtet haben, dass diese Regeln nicht immer und überall respektiert wurden. Auf die sinkende Zahl der Neuinfektionen hatte all das aber bisher keinen Einfluss: Eine von Kritikern der Lockerungen prophezeite zweite Welle ist auch nach Wochen bisher ausgeblieben.

Drei Einzelereignisse in der jüngeren Vergangenheit zeigen deutlich, wie drastisch sich die Lage regional verändern kann. Drei Mal sorgten größere Veranstaltungen, bei denen Menschen die Regeln zum Schutz vor Neuinfektionen grob missachtet haben, für lokal teils stark steigende Infektionszahlen.

Zuckerfest in Göttingen:

Was war passiert?

Eine Woche nach dem islamischen Zuckerfest, dieses Jahr am 23. und 24. Mai, meldete die Stadt Göttingen, dass sich mehrere Menschen mit dem Virus infiziert hätten. Bei privaten Feiern seien "Mitglieder verschiedener Großfamilien" zusammengekommen - laut Behördenkreisen größtenteils aus dem ehemaligen Jugoslawien. Anfangs machte die Behörde eine Anzahl von Kontaktpersonen "im dreistelligen Bereich" aus. Einen Tag später, am Sonntag den 31. Mai, teilte die Verwaltung der 120.000-Einwohner-Stadt mit, dass bereits "Dutzende" Personen positiv getestet worden seien. Zum Vergleich: An diesem Tag meldete das Robert-Koch-Institut für ganz Deutschland 286 Neuinfektionen. Am Montag war von 68 Neuinfektionen die Rede. Inzwischen berichtet die "Hessisch-Niedersächsische Allgemeine" unter Bezug auf Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt von 80 Neuinfektionen. Insgesamt 370 Personen stehen demnach inzwischen unter Quarantäne.

*Datenschutz

Die Rekonstruktion der Ereignisse vom Zuckerfest hat ergeben, dass sich in kleinen Wohnungen eines Hochhauskomplexes in der Stadt zeitgleich bis zu 30 Personen aufgehalten haben sollen. Zudem wurde in einer Shisha-Bar gefeiert, in der mehrere Menschen mit dem gleichen Mundstück Wasserpfeife geraucht haben sollen. Das Gesundheitsamt hat bis heute Mühe, das Infektionsgeschehen einzugrenzen. Über Pfingsten seien die Kontaktpersonen zu Tests eingeladen worden, sagte die Leiterin des Krisenstabs Broistedt bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Es seien aber nur 16 erschienen. "Das Gesundheitsamt hat hinter allen her telefoniert." Gegen eine Kontaktperson, die wiederholt gegen die Quarantäne verstoßen habe, musste gar eine richterliche Anordnung verhängt werden. Sollten weiterhin Kontaktpersonen nicht zu den Tests erscheinen, erwägt die Stadtverwaltung, ein Bußgeld zu verhängen, berichtet der NDR.

Die Folgen:

Landesweite Konsequenzen hat der Ausbruch in Göttingen nach Auskunft der stellvertretenden Regierungssprecherin von Niedersachsen, Kathrin Riggert, nicht. "Das Geschehen ändert an unserem Stufenplan im Moment nichts", sagte sie. Doch sie betonte auch, dass es dabei auf den Verlauf des Infektionsgeschehens ankomme. Auch umfassend verschärfte Verhaltensregeln sind derzeit wohl noch nicht zu befürchten. Von der Schwelle von 50 Infizierten pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen ist die Stadt noch weit entfernt. Dieser Wert liegt aktuell bei 20. Dennoch bleiben die Schulen im Stadtgebiet, sowie einige Kitas in dieser Woche geschlossen. Alle rund 700 Einwohner des Hochhauskomplexes sollen auf eine Infektion getestet werden. Bisher musste eine Person zur stationären Behandlung im Krankenhaus aufgenommen werden.

Geschlossene Gesellschaft in Ostfriesland

Was war passiert?

Am 15. Mai, einem Freitagabend, trafen sich in einem Restaurant im ostfriesischen Moormerland rund 40 Personen. Der Wirt hatte die Gäste offenbar persönlich ausgewählt. Es waren zum Teil Vertreter von Firmen, die ihn während der entbehrungsreichen Lockdown-Wochen unterstützt hatten. Zu Gast waren etwa Mitglieder der Geschäftsführung und des Betriebsrats der Meyer-Werft im nahen Papenburg, berichtet der NDR. Zunächst habe er für die Gäste gekocht und sich danach zu ihnen gesellt, um mit ihnen anzustoßen, erzählte er später. Er beteuerte, alle Infektionsschutz- und Hygieneregeln eingehalten zu haben.

*Datenschutz

Dennoch meldete der Landkreis 10 Tage später, dass 23 Gäste der geschlossenen Gesellschaft positiv auf das Virus getestet worden seien. Am 27. Mai stieg die Zahl auf 30 Infektionen, inzwischen liegt sie laut "Ostfriesen Zeitung" bei 38 Ansteckungen, deren Ursprung auf den Abend im Restaurant zurückzuführen ist. Hunderte Menschen in der Region galten oder gelten noch als Verdachtsfälle und wurden in Quarantäne geschickt. Im Landkreis Leer stieg die Zahl der Personen unter häuslicher Quarantäne laut dem Blatt von 24 am 21. Mai auf 281 am 29. Mai.

Einem Bericht des NDR zufolge bestätigten mehrere Gäste, dass man sich umarmt und Hände geschüttelt habe. Zudem hätten mehrere Personen bereits an dem Abend verdächtige Grippesymptome gezeigt. Beim Gesundheitsamt des Landkreises meldeten sich zudem mehreren Berichten zufolge Personen die bestätigten, an dem Abend im Restaurant gewesen zu sein, die aber nicht auf der vorgeschriebenen Gästeliste eingetragen waren.

Die Folgen:

Nach Einschätzung der Landtagsvizepräsidentin Meta Janssen-Kucz hat der Ausbruch Auswirkungen auf den ganzen Landkreis. Die Grünen-Politikerin sagte der "Neuen Presse", die Infektionswelle habe zu großer Verunsicherung geführt. Noch immer seien mehr als 200 Menschen in Quarantäne. "Das bedeutet, dass fast jeder einen Menschen kennt, der sich entweder infiziert hat oder als Verdachtsfall eingestuft wurde", sagte Janssen-Kucz. "Einzelne Betriebe können nicht mehr arbeiten, eine Gemeindeverwaltung musste vorerst geschlossen werden", sagte sie. Der Landrat sei in Quarantäne und aus Angst vor Infektion und Quarantäne wollten viele kommunale Mandatsträger nicht an politischen Sitzungen teilnehmen.

Baptisten-Gottesdienst in Frankfurt

Was war passiert?

Am 10. Mai fand in der Evangeliums-Baptisten-Gemeinde in Frankfurt-Rödelheim ein Gottesdienst statt. Laut Angaben des Frankfurter Gesundheitsamtes waren 180 Personen anwesend. 13 Tage später meldete die Stadt, dass sich 40 Gemeindemitglieder mit dem Virus infiziert hätten. Einen Tag später war bereits von 107 Infektionen die Rede. Ende Mai konnten mehr als 200 Neuinfektionen in Zusammenhang mit dem Gottesdienst gebracht werden.

Zunächst beteuerte ein Vertreter der Gemeinde, dass bei dem Gottesdienst alle Regeln eingehalten worden seien. Wenig später veröffentlichten die Evangeliums-Baptisten auf ihrer Homepage allerdings ein Schreiben in dem es heißt: "Im Nachhinein betrachtet wäre es für uns angebracht gewesen, beim Gottesdienst Mund-Nasen-Schutz-Bedeckungen zu tragen und auf den gemeinsamen Gesang zu verzichten."

Die Folgen:

Neun der an Covid-19 Erkrankten aus dem Umfeld des Gottesdienstes werden einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" zufolge derzeit im Krankenhaus behandelt, eine Person intensivmedizinisch.

Welche Auswirkungen eine Versammlung haben kann, an der nur ein an Covid-19 Erkrankter teilnimmt, hat der österreichische Wintersportort Ischgl gezeigt, der als einer der Hotspots für die Ausbreitung des Virus in Europa gilt. Dort haben sich mutmaßlich zahlreiche Menschen bei Après-Ski-Parties angesteckt und das Virus - oft unbemerkt - mit nach Hause gebracht. Nach Ansicht der Baptisten selbst gab es so viele Infektionen, "da es in der Gemeinde viele Familien mit fünf und mehr Kindern gibt". Das schreibt die Gemeinde in ihrer Stellungnahme. Daher habe die Anzahl der Ansteckungen zu Hause derart rapide zugenommen.

Wie sich das Infektionsgeschehen weiter fortsetzt, ist noch unklar. Einige als Verdachtsfälle geführte Teilnehmer wurden bereits aus der Quarantäne entlassen. Der genaue Ablauf des Gottesdienstes wird aber derzeit noch rekonstruiert. Beteiligt sind mehrere Gesundheitsämter der angrenzenden Landkreise - und bei deren Kommunikation hakt es offenbar. Hanaus Bürgermeister Claus Kaminsky kritisierte vergangene Woche, dass er keine Informationen aus dem für Hanau zuständigen Gesundheitsamt des Main-Kinzig-Kreises bekomme - etwa welche Schulen oder Kitas die Kinder aus den betroffenen Familien besucht hätten. Anders als in Göttingen haben die betroffenen Landkreise in Hessen aber bisher nicht mit Schul- oder Kitaschließungen reagiert.

Quelle: ntv.de